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ST. PÖLTEN/Festspielhaus: Gauthier Dance mit „The Seven Sins“

08.10.2023 | Ballett/Tanz

ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Gauthier Dance mit „The Seven Sins“

Die sieben Todsünden gehen weder durch die Nachrichten und sozialen Medien noch durch Schulbücher und Ratgeber-Literatur. Und doch sind sie fest in unserem Leben verankert. So fest, dass sie an den Rand der bewussten Wahrnehmung gerutscht sind und die Auseinandersetzung mit ihnen zum Beispiel aus Anlass einer Ausstellung in Krems oder eines angekündigten Abends mit sieben zeitgenössischen Choreografien im Festspielhaus St. Pölten so Einiges ins Bewusstsein hebt.

Zum Beispiel, wie ambivalent unser heutiges Verhältnis zu ihnen ist. Die ausschließlich negative Bewertung von Habgier, Faulheit, Hochmut, Völlerei, Wollust, Zorn und Neid muss in einer fernen Vergangenheit wurzeln und erscheint im Wertegefüge des Neoliberalismus geradezu lächerlich. Weder Religionen noch Politik taugen noch als moralische Instanzen. Habgier ist der Motor des Kapitalismus, Faulheit macht uns erfinderisch, heißt jetzt Chillen und ist cool, Hochmut ist eine Frage der Perspektive und wird nur von unten, von den Opfern ihres Gefühls von Unzulänglichkeit so gesehen, Völlerei ist Konsum und Genuss und somit systemrelevant, Wollust haben Revolutionen als Menschenrecht erkämpft, zudem ist sie kapitalisiertes, wichtiges Wirtschaftsgut geworden, Zorn und Gewalt durchsetzen Gesellschaften und Religionen weltweit, und der Stachel des Neides wird schon in Kindertagen in die Herzen der Menschen getrieben.

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Gauthier Dance „The Seven Sins“, Sidi Larbi Cherkaoui: „Habgier“ (c) Jeanette Bak

Wie nun nähert man sich choreografisch diesen hochkomplexen Themen? Der künstlerische Leiter der Dance Company des Theaterhauses Stuttgart „Gauthier Dance“ Eric Gauthier umwarb erfolgreich sieben Größen der zeitgenössischen Choreografie, die in der Pandemie-Zeit sieben choreografische Miniaturen für seine Kompanie entwickelten. Uraufgeführt im Mai 2022 in Stuttgart, erlebte dieses Tanzstück aus sieben Güssen bereits zahlreiche internationale Aufführungen, bevor es nun in St. Pölten erstmals in Österreich gezeigt wurde. Eric Gauthier selbst führte in die Vorstellung ein mit der Bitte, die sieben Stücke, jeweils durch Flüstern des Titels angekündigt, als eine Gesamtheit zu betrachten.

Sidi Larbi Cherkaoui entwickelte „Habgier – Corrupt“. Viel eingesprochener Text über Gier und Ignoranz, klingende Münzen und dissonanter Sound begleiten den Tanz der Neun im Businesslook. „Alles, was wir designen, designed uns zurück.“ Sagt eine der Tänzerinnen. „Geld ist eine menschliche Erfindung.“ Die Gruppe liegt, mit Dollars bedruckte Stoffe umhüllen die Köpfe und Hälse, es raucht in ihrer Mitte. Es verbrennt uns alle. Vor allem unsere Seelen.

Aszure Barton lässt „Faulheit – Human Undoing“ von zwei Männern in schwarz tanzen. Das ziellose, gelangweilte, leere Treiben der beiden zu hämmernden, beißenden Klaviertönen wächst in Aggression, sich selbst und dem Anderen gegenüber. Sie bleiben gequält am Boden, der Sitzende masturbiert. Weil Müßiggang auf lange Sicht Befriedigung nicht bieten kann.

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Gauthier Dance „The Seven Sins“, Marcos Morau: „Hochmut“ (c) Jeanette Bak

Laute Paukenschläge donnern durch den hell erleuchteten Saal. Sie energetisieren sich synchron. „Ha!“ „Hochmut – Hermana“ von Marcos Morau zeigt fünf Frauen in blauen Kleidern, die in fast rituell wirkendem Tanz aus kalter Selbstgerechtigkeit und Arroganz herauswachsen in radikale Selbstermächtigung. Mit zitternden Fäusten vor der Brust und dann hochgereckter Hand scheinen sie entschlossen, ihnen bislang noch Verwehrtes zu ergreifen. Die Grenzen zwischen Selbstherrlichkeit und Selbstbewusstsein verschwimmen.

Marko Göcke schuf „Völlerei – Yesterday’s Scars“ für einen Mann, der mit freiem Oberkörper und schwarzer Hose zu Sitarklängen und Gitarrenmusik (The Velvet Underground) die Grenzen des für uns gewöhnlichen exzessiven Konsums noch sprengt. Äußerst expressiv in seinem Vokabular glänzt Luca Pannacci in seiner Darstellung psychisch-physischer Extremsituationen, in die Drogen und Alkohol ihn treiben und markiert damit den Höhepunkt des Abends. Unkontrollierter Konsum und seine Wirkung auf uns, eindrucksvoll choreografiert.

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Gauthier Dance „The Seven Sins“, Marko Göcke: „Völlerei“ (c) Jeanette Bak

„Wollust – Luxery Guilt“ von Hofesh Shechter irritiert. Weil man Shechters hochenergetischen Tanz erwarten mag und oft Bewegung in Slow Motion zu sehen bekommt. Aber nicht nur damit. Die zehn in hochgeschlossene weiße Kostüme gekleideten TänzerInnen agieren zur Musik von Shechter, der Sound schwillt an und ab wie das Rauschen unseres Blutes in den Ohren oder pocht wie ein erregtes Herz in unserer Brust, innere Konflikte aus. Leidenschaft, die nach außen drängt und regulierende Konventionen, natürliches, individuelles Verlangen und Konformität in der Masse. Fünf liegen mit gespreizten Beinen, fünf nähern sich der ihnen präsentierten Verheißung. Ein Blitz beendet es vor der Vereinigung.

Sasha Waltz lässt in ihrer Choreografie „Zorn – Ira“ ein Paar – anfangs durch Blackouts separierte – Szenen einer Ehe/Beziehung tanzen. Wut und Hass, erst von Seiten der Frau, dann auch vom Mann, steigern sich in Gewalt. Der Sound kreischt. Die zur Verfügung gestellten Pressefotos zeigen, dass das Stück offenbar auch für gleichgeschlechtliche (TänzerInnen-) Paare konzipiert wurde, was das eher flache Sujet ein wenig öffnet.

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Gauthier Dance „The Seven Sins“, Hofesh Shechter: „Wollust“ (c) Jeanette Bak

Drei Frauen in Weiß tanzen auf den Ballen. Unverkennbar Sharon Eyal. Wie immer subtil, aber nicht minder intensiv. In ihrer Arbeit „Neid – Point“ mischt die Israelitin ihre Moves mit klassischem Material. Eine nächste Überraschung. Äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden entwickeln die drei Frauen Neid und Eifersucht untereinander. Es ist kein materieller Neid. Sie neiden der Anderen ihr So Sein, um am Ende, verbunden und verbündet wie 3 Schwäne ins Dunkel des Bühnenhintergrundes zu tippeln und gemeinsam, mit seitwärts gedrehten Köpfen, ein unsichtbares, unbekanntes „da draußen“ zu fixieren. Sie suchen nach Projektionsflächen für ihre konsolidierte Unzufriedenheit mit sich. Neid schafft auch Gemeinsamkeit, ermöglicht durch Identifikation mit einem „Wir“, das das „Sie“ zu Andersartigen, ja Verfeindeten macht.

Das Thema „The Seven Sins“ ist Herausforderung und Wagnis. In welchem Ausmaß, zeigt dieser Abend deutlich. Die Choreografien bewegen sich zwischen Plakativem, metaphorisch-psychologisch Aus- und Umgedeutetem und intensiv Reflektiertem.

Grenzgänger zwischen Böse und Gut, zwischen Destruktivem und Konstruktivem Kontrollverlust

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Gauthier Dance „The Seven Sins“, Sharon Eyal: „Neid“ (c) Jeanette Bak

Gauthiers Hinweis, diesen Abend möglichst als ein Ganzes zu nehmen, mag auch einer sein auf unheilvolle Allianzen, die die Todsünden bilden. Grafisch unterstützt durch ein anfangs und zwischen den Stücken auf der Rückwand erscheinendes Heptagramm mit diversen Verbindungslinien zwischen den Ecken. Neid, Habgier, Zorn und Gewalt, Müßiggang und Völlerei. Allen gemeinsam ist ihre fundamentale Bedeutung für das Funktionieren der die heutige Welt prägenden ökonomischen, gesellschaftlichen, religiösen und ideologischen Systeme mitsamt ihren globalen und ökologischen Auswirkungen. So gesehen ergibt sich ein Bild, das durch die Relativierungen in einzelnen Stücken nicht weniger beunruhigend erscheint. Sie sind lebendige Aspekte der Welt und des Menschen, der sie formt. So verliert das Böse, wenn es nur genügend stark der Kompensation der psychischen Defizite und dem materiellen Wohlergehen des Einzelnen dient, seinen ursprünglichen Schrecken fast völlig.

Sound/Musik, Licht- und Bühnendesign sind ein Erlebnis für sich. Faszinierend war die thematische Auseinandersetzung der sieben herausragenden ChoreografInnen-Persönlichkeiten mit ihren jeweiligen Themen allemal. Die unterschiedlich starken Choreografien leben von den sie Tanzenden. Und die haben ihre Sache großartig gemacht.

Gauthier Dance mit „The Seven Sins“ am 06.10.2023 im Festspielhaus St. Pölten.

Rando Hannemann

 

 

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