ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Das Hessische Staatsballett mit Choreografien von David Raymond & Tiffany Tregarthen, Marco Goecke und Imre & Marne van Opstal
Dieser hier als Österreich-Premiere gezeigte eineinhalbstündige Abend dringt mit drei Stücken von einem Choreografen und zwei Choreografen-Teams tief ein in oft unbewusste, dennoch oder gerade deswegen wirkmächtige Thematiken des menschlichen Seins. Das Hessische Staatsballett unter der Leitung seines Direktors Bruno Heynderickx entführt in wegen ihrer ästhetischen Ansätze drei höchst unterschiedliche, auf einer tiefen Ebene doch miteinander verwandte tänzerische Welten: Befunde menschlicher Existenz.
David Raymond & Tiffany Tregarthen: „Force Majeure“
Höhere Gewalt wirkt verschiedentlich. Kriege und Naturkatastrophen sind Subjekte meist ausschließender vertraglicher Vereinbarungen. Ebenso dem eigenen Einflussbereich entzogen scheinen Lebensumstände, denen wir allein durch unsere Geburt ausgesetzt wurden, sind und werden. Das Grund-Gefühl des Geworfen-Seins in die Welt und damit das Ausgeliefert-Sein an Kräfte außerhalb unserer Macht sind fundamentale Rahmenbedingungen der menschlichen Existenz. Sind diese Kräfte auch innere? Wie begegnen ihnen der Einzelne und Gemeinschaften?

Hessisches Staatsballett: „Force Majeure“ (c) De-Da Productions
Das kanadische ChoeografInnen-Duo David Raymond und Tiffany Tregarthen, international tätig, bereits mehrfach geehrt und seit 2021 für große Kompanien choreografierend, stellt eine vom Sein geplagte Frau fast nackt und allein auf die Bühne, bevor ihr eine zweite, schwarz gekleidete in ein ebensolches Kleid hilft. Machtlos Einsame werden tröstend vom sozialen Umfeld aufgefangen.
Intrapsychische individuelle Konflikte und die Flucht in die Zweisamkeit oder Gemeinschaft bestimmen das Geschehen. Alle suchen nach lebbaren Konzepten, mal hektisch, dann beinahe kontemplativ. Objekte, ein entwurzelter Baum und mit der Gruppe wild rotierende Tische, die Musik der französischen Komponistin Angèle David-Guillou, das Klavier wird zuweilen von Streichern und Bläsern begleitet, sowie das fast mystische Licht von James Proudfoot schaffen Düsternis und bedrückendes Ambiente.
In dem suchen die zwölf Figuren nach Halt und Antworten. Allein für sich, bei und mit einem temporären Partner, in der Gruppe. Dynamischer Tanz, von Freezes unterbrochen, zärtliche Duette und Soli, die die Verunsicherung nach der Vertreibung aus dem Paradies in Tanz gießen, gehen unter die Haut. Wie verloren sie sich fühlen und wie konsolidiert diese Befindlichkeit schon ist, wird auch in einem zerfallenden Duett spürbar.

Hessisches Staatsballett: „Force Majeure“ (c) De-Da Productions
Die 18 Minuten, die diese Stück dauert, wirken. Wie sehr der Schmerz sie niederdrückt und alles Lebendige sanft umhüllt, wie groß die Sehnsucht ist nach einem Ankommen und zu Hause Sein im Außen und in sich, und wie lähmend einsam jeder ist in lärmender Menge, das vermittelt „Force Majeure“ beeindruckend direkt. Ein Schleier aus Melancholie liegt über ihrem Streben. Vergeblichkeit scheint ihr Schicksal zu bleiben. Das Publikum schien sich zu spüren darin. Und jubelte.
Marco Goecke: „Midnight Raga
Nur zehn Minuten lang ist dieses für zwei Männer choreografierte Stück. Zu Musik des ikonischen indischen Sitar-Spielers und Komponisten Ravi Shankar (1920-2012) und der US-amerikanischen Blues-, Soul- und Jazz-Sängerin Etta James tanzen die beiden Ausnahme-Tänzer Ramon John und Marcos Novais in der, wie sie genannt wird, „nervösen Bewegungssprache“ des international gefragten, gefeierten und vielfach ausgezeichneten deutschen Choreografen Marko Goecke.

Hessisches Staatsballett: „Midnight Raga“ (c) De-Da Productions
Nur mit langen dunkelblauen Hosen bekleidet werden die nackten Oberkörper, Arme und Köpfe der Tänzer zu bald schweiß-glänzenden Verkörperungen von höchstem Tonus. Hochgeschwindigkeits-Moves und atemberaubende Expressivität nehmen vom ersten Augenblick an gefangen. Elemente indischen Tanzes und Soul-Dance, ironisch verfremdet, verschmelzen mit sprödem, formalem Duktus. Als präsentierten sie abstrahierte, zerhackte Emotionen, also die aus winzigen Zeitscheiben serialisiert zusammengesetzte Komplexität menschlicher Existenz. Unfassbar kraftvoll und präzise getanzt. Standing Ovations.
Imre & Marne van Opstal: „I’m afraid to forget your smile“
Nach der Pause markierte „I’m afraid to forget your smile“ den emotionalen Höhepunkt des Abends. Hinten und links sitzen die 17 Sängerinnen und Sänger des Konzertchores Niederösterreich. Vor ihnen liegen zwei Tänzerinnen und vier Tänzer. Choralartiger, getragener Gesang. Die Liegenden klopfen einen anderen, schnelleren Rhythmus energisch mit ihren Beinen auf den Boden. Sie setzen sich auf, rollen ihre Körper, klatschen mit Gliedmaßen und Oberkörper ihren Takt.
Es ist der gnadenlose Fluss der Zeit, die jeden Augenblick sofort zu Vergangenheit macht, ihn in das Reich der Erinnerung verschickt. Gegen diese Unerbittlichkeit stemmen sie sich mit jeder Faser ihres Körpers, versuchen, festzuhalten, was doch vergeht. Sie frieren die Bewegungen ein, immer wieder. Die Chormusik (von diversen Komponisten, unter anderem von Arvo Pärt) legt einen elegisch-melancholischen Teppich aus, auf dem der Tanz sich müht, das Sterben des Jetzt aufzuhalten.

Hessisches Staatsballett: „I’m afraid to forget your smile“(c) Andreas Etter
Die Abstimmung und insbesondere das kontinuierliche Fortführen der kontrapunktischen, völlig entkoppelten Tempi von Gesang und Tanz ist für Sänger und Tänzer eine gewaltige Herausforderung in diesem Stück von Imre & Marne van Opstal. 2014 begann das niederländische Geschwisterpaar zu choreografieren. Diese 2022 entstandene Arbeit wurde ein Jahr später für den Theaterpreis Der Faust nominiert. Wie ihr Stück „Woodoo Waltz“ 2024. Die beiden sind in dieser Spielzeit übrigens noch ein weiteres Mal im Festspielhaus zu Gast. Am 21. und 22. Mai tanzt die GöteborgsOperans Danskompani „Atlas Song“ zur Live-Musik der schwedischen Singer-Songwriterin Anna von Hausswolff.
Für „I’m afraid to forget your smile“ konnten die beiden den renommierten irischen Lichtdesigner Tom Visser, der seit 2003 für das Nederlands Dans Theater arbeitet, gewinnen. Er gestaltete zwei lange, hinter dem Chor hängende Tafeln, die mit variiertem Leuchten Zustände beschreiben. Farblich veränderliche Linien untersuchen per Spektral-Analyse emotionale Befindlichkeiten. Fokussiert zum berührenden Solo einer Frau, breitbandig bis flächig für die Bewegtheiten der Gruppe.
Ihre Angst, zu vergessen, treibt sie an, lässt sie schwelgen in zärtlichen Erinnerungen. Gesten des liebevollen Bewahrens werden eingewebt in zeitgenössischen Tanz. Eine Pieta, die die sechs formen, eine hingesunkene Frau, gehalten von einem Mann, lässt den Schmerz fühlen, den Trennung und Verlust bereiten. Skulpturen erzählen von Zärtlichkeit, Halten, Nähe und Erotik. Festgehalten.
Über jedem Augenblick liegt schon der Schatten der Wehmut, liegt die Gewissheit, dass er vergehen wird, liegt die Angst vor verblassenden Erinnerungen an ihn. Ihr Kampf gegen das Unaufhaltsame, ihre Versuche, das Vergängliche seinem Schicksal zu entreißen, ihr Taumel des Glücks, dem gleichzeitig Verzweiflung innewohnt, bewegen tief. Trennung, Abschied, Verlust und viele kleine Tode sind unvermeidbar. Sie tanzen die Gleichzeitigkeit von Werden, Sein und Vergehen, ein Duett mit einer Erinnerung, ein Solo, das schmerzlich bewusst macht, dass mit der Erinnerung Vollkommenheit verloren ginge, dass ihr Verlust wie eine seelische Behinderung empfunden würde.

Hessisches Staatsballett: „I’m afraid to forget your smile“(c) Andreas Etter
Am Ende sendet der Chor einen flehenden Ruf gen Himmel. Zu seinem „Herr, erbarme dich“ (“Kyrie eleison“) stehen die sechs aufgereiht vor dem Publikum, mit dem Rücken zu uns. Auch sie sind schon Erinnerung, die verblassen wird im Fluss des Lebens. Verweile doch, du warst so schön! Die Hingabe, mit der Singende und Tanzende in diesem Stück arbeiten, geht ins Herz. „I’m afraid to forget your smile“ ist eine berührende Hommage an die Vergänglichkeit, zutiefst menschlich in seiner Wehmut und Trauer. Und doch macht es Mut. Denn wir sind nicht allein.
Das Hessische Staatsballett zeigt mit diesem Abend ein beachtliches Spektrum an tänzerischem Ausdrucksvermögen. Stilistisch breitbasig angelegt fordert die Kombination dreier so unterschiedlicher künstlerischer Handschriften viel Einfühlung von den durchschnittlich 30 Jahre alten und damit bereits sehr erfahrenen, mit ihrer Individualität das Ensemble färbenden Tänzerinnen und Tänzern. Großartig nicht nur handwerklich umgesetzt, besonders beeindrucken diese drei Stücke mit ihrer gesamtheitlichen emotionalen Wirkung. Der Fragilität von Umständen, Überzeugungen und Gefühlen begegnet hier die Sehnsucht nach Beständigkeit. Und mit der gehen wir heim. Das Publikum feierte die Kompanie mit finalen stehenden Ovationen.
Das Hessische Staatsballett mit Choreografien von David Raymond & Tiffany Tregarthen („Force Majeure“), Marco Goecke („Midnight Raga“) und Imre & Marne van Opstal („I’m afraid to forget your smile“) am 10.04.2026 im Festspielhaus St. Pölten.
Rando Hannemann

