ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève mit „Mirage“
Mit hypnotischen Bildern verzaubern der französich-belgische Choreograf Damien Jalet, der japanische Bildende Künstler Kohei Nawa und das Ballet du Grand Théâtre de Genève das voll besetzte Festspielhaus St. Pölten. Die im September 2024 in Japan uraufgeführte zweite Version des Stückes „Mirage“ spielt mit optischen Illusionen, entführt in eine Welt zwischen Realität und Halluzination und stellt europäische Wahrnehmungs-, Denk- und Glaubens-Gewohnheiten auf die Probe. Denn: „Alles ist Metapher.“ So der Choreograf im Einführungsgespräch mit Bettina Masuch, der Künstlerischen Leiterin des Festspielhauses St. Pölten, das als Ko-Produzent an dieser hier als Österreichische Erstaufführung gezeigten Arbeit beteiligt war.

Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève: „Mirage“ © Gregory Batardon
Seit ihrem Kennenlernen vor gut zehn Jahren arbeitete Jalet für „Mirage“ bereits das fünfte Mal mit dem promovierten japanischen Bildhauer Kohei Nawa, Partner für Konzept und Bühnenbild, zusammen. Einflüsse fernöstlicher Philosophie prägten seither Sujet und Ästhetik ihrer gemeinsamen Arbeiten. „VESSEL“ aus 2016 und „Planet[Wanderer]“ (2021) zum Beispiel bilden andere Perspektiven auf eine in zwei Sphären gedachte Welt ab.
Das Stück „Mirage“ nun, das ohne „Planet[Wanderer]“ nicht denkbar gewesen wäre (so Jalet), ist zweiteilig konzipiert. Die Bühne ist eine weich geschwungene, nach hinten aufsteigende Welle mit einer sie oben abschließenden Ebene. Nur schemenhaft wird der erste Tänzer auf der sich langsam erhebenden oberen Plattform erkennbar. Das Licht (Yukiko Yoshimoto) gibt ihm ganz vorsichtig einsetzend seine Existenz.

Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève: „Mirage“ © Yoshikazu Inoue
Weitere folgen, von hinten die nun sichtbar gewordene bühnenbreite Rampe erklimmend. Sie bewegen sich erst oben, dann nach vorn und hinab, wie ferngesteuerte Wesen, allein in der Menge. Es ist nicht einfach auf der durch ihre Rundung verschieden abschüssigen Bühne. Ihr Gang in SloMo wird plötzlich und synchron schnell, für eine kurze Sequenz. Einige Male wiederholt sich das Spiel mit der Geschwindigkeit. Später dann kurze, flüchtige Begegnungen. Der Sound von Thomas Bangalter pocht. Später wird er mit sphärischen Klängen zur Magie dieses Stückes beitragen.
Sie bewegen sich in einer Wüstenlandschaft, atomisiert, in der festen Überzeugung ihrer Vereinzelung. Die Kostüme von Kunihiko Morinaga (Anrealage) unterstreichen ihre Individualisierung. Sandkörnern gleich werden sie bewegt von Windböen und fließendem Sand. Und von Moden, Erwartungen, Affekten und ihren inneren, unsteten und ungerichteten Impulsen. Zudem arbeiten Jalet und Nawa mit der Illusion von Zeit als einem die Wahrnehmung betrügenden Faktor. Nicht nur fließendes Eis und sich auftürmende und erodierende Gebirge, auch zwischen Energie und Materie fluktuierende Partikel relativieren das menschlich erlebte Raum-Zeit-Gefüge und das daraus resultierende Bild der Realität.

Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève: „Mirage“ © Yoshikazu Inoue
Die Ansprache des Unbewussten erfolgt über Bilder und Klänge. Wer mitdenkt, droht verloren zu gehen im Nebel der eigenen Gedanken. Nebel, nachdem sie eine Decke als wolkige Schicht hoch oben über die Szenerie legten, wälzen sich in Wellen die Rampe herab. Ein Körper bleibt liegen in der langsam fließenden, weißen Watte, die sich wie ein Berg über ihm häuft.
Auf der Rampe – hier fließt es über in den zweiten Teil – erscheinen Trugbilder von Menschen, langsam sich bewegend im Dunst, vom schwachen Licht, das diesen nicht durchdringt, als Ahnung in den Dampf gezeichnet. Man sieht die Menschen wie eine Fata Morgana, als unscharfe Vermutung eines ungewissen Seins. Die Nebel zergehen. Es bleiben ein paar fast nackte Körper. Verteilt und einsam bewegen sie sich langsam unter auf sie rieselnden glitzernden Partikeln. Diese Säulen aus fallendem Sternenstaub geben dem Raum viel Weite.
Und bald sind sie zu zweit. Aus einem Nebeneinander wird ein Miteinander, ein Verschränken der Körper und Zusammenfließen der Bewegungen. Bis eine bleibt. Allein auf der Bühne tanzt sie wie der Geist der Natur oder die Essenz des Menschlichen, während sich spiralförmig über ihr eine Säule aus funkelndem Staub herab auf sie und hinauf von ihr zu bewegen scheint. Als würden sich das Unten und das Oben, das Kleine und das Große, das Eine und das Alles, mineralischer Körper und die Natur, als würden sich Mensch und Gott miteinander verbinden und einander durchdringen. Ein wahrlich magisches Bild (bühnen- und lichttechnisch eine Meisterleistung!).

Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève: „Mirage“ © Gregory Batardon
Der Körper ist wie ein Gehirn, er speichert Erinnerungen an Millionen Jahre Evolution, so Jalet. Die Schluss-Szene: Sie, die mit dem göttlichen Glitter Benetzten, sitzen eng hintereinander aufgereiht auf der Rampe und bewegen die verbundenen Unterarme in Wellen, auf- und absteigend. Wie zu einem Organismus vereinigt. Ob es die Vielheit ist, aus der jeder und jedes Einzelne besteht, oder als wunderschönes Bild für die Verbundenheit von allem und allen, die höhere Ebene der Bewusstheit, die sie durch den Kontakt mit Gott oder der und ihrer Natur erlangt haben, durchdringt ihr Sein.
Die Ambivalenz zwischen fest und flüssig, die über den menschlichen Körper, der zu etwa 70% aus Wasser besteht, hinaus die gesamte Existenz prägt (abhängig von den Zeiträumen und Umgebungsbedingungen, die man betrachtet, hat so vieles diese beiden Eigenschaften), wird zu einem der vielen Aspekte, die die Bildsprache dieses Stückes bestimmen. So auch die Sanddüne und Ozean-Wellen der beiden Teile dieser Arbeit.

Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève: „Mirage“ © Yoshikazu Inoue
Die zentralen Werte der shintoistisch, buddhistisch und konfuzianisch geprägten japanischen Philosophie – unaufhörlicher Wandel, Vergänglichkeit, Harmonie, Sinnhaftigkeit des Lebens, innere Zufriedenheit, Selbstreflexion und stetige Weiterentwicklung – bilden das ethische Fundament. Alles in diesem Stück aber wird getragen von der Gewissheit einer tiefen Verbindung zwischen allem und allen und der Durchdringung alles Seins von dem, was Religionen das Göttliche, was Spiritualität das All-Eine, was die Philosophie als das eine Bewusstsein und was die Quantenphysik als verbundenen Gesamtzustand, als holistische Realität beschreiben.
Insofern manifestieren sich in „Mirage“ die Fundamente einer friedlichen, in jedem Sinne nicht-hierarchischen Welt, in der der Mensch sich als seiner Verantwortung bewusster Teil des Wunders Schöpfung begreift. Welche Kraft und welche Schönheit dort, hinter dem Horizont unserer westlich-jetzigen Wirklichkeit, auf uns warten, davon vermitteln Damien Jalet, Kohei Nawa und das herausragende Ballet du Grand Théâtre de Genève in diesem Gesamtkunstwerk eine wage Ahnung.
Ein Japaner und ein Europäer erschaffen mit „Mirage“ eine Welt zwischen Physik und tiefer Spiritualität, zwischen Realität und trügerischem Schein, zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen oberflächlich gelebtem Leben und der Vision von einer erleuchteten Gesellschaft. Die so sinnlichen Bilder des Stückes sind von einer poetischen Kraft, die ihres Gleichen sucht. Sie brennen sich ein in das Gedächtnis. Sein Geist erschüttert Gewissheiten nachhaltig.

Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève: „Mirage“ © Gregory Batardon
Denn „Mirage“ stellt unserer Lebens-Wirklichkeit eine andere, eine spirituelle Realität an die Seite. Deren so selbstverständliche Koexistenz soll verunsichern. Sie wirft Fragen auf. Vor allem die nach der Beziehung zwischen Wirklichkeit und Traum und in welcher dieser beiden Kategorien wir unser täglich Leben wähnen. Im finalen Bild vereinen sie die Gegensätze von fluide und solide, von Mensch und Natur, überwinden sie ihr Gefühl vom getrennt Sein, erleben sich als Teil Gottes, des Universums, der Schöpfung und/oder des All-Einen. Sie sind das Eine und das Alles. „Mirage“ ist ein Meisterwerk.
Damien Jalet . Kohei Nawa . Ballet du Grand Théâtre de Genève mit „Mirage“ am 24.01.2026 im Festspielhaus St. Pölten.
Rando Hannemann

