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ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Crystal Pite & Jonathon Young und Kidd Pivot mit „Assembly Hall“

12.05.2024 | Ballett/Performance

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ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Crystal Pite & Jonathon Young und Kidd Pivot mit „Assembly Hall“

Kaum jemand verschmilzt Tanz und Theater so gekonnt wie Crystal Pite und Jonathon Young. In ihrer „Assembly Hall“, einer heruntergekommenen, „endlos trostlosen“ US-amerikanischen Mehrzweckhalle, findet die 93. Jahreshauptversammlung eines durch Mitgliederschwund, schwache Finanzen und bezweifelte Zwecke am Abgrund stehenden Wohltätigkeits- und Schutz-Vereins statt. Und sie proben ein Reanactment eines mittelalterlichen Ritterspieles, das sich mit der Gegenwart verschränkt.

Was treibt Menschen in die Gemeinschaft? Was macht eine Gemeinschaft aus? Welche Merkmale hat sie? Und warum sind Gemeinschaften nicht selten überaus fragil? Jenseits des Sich-selbst-nicht-spüren-Wollens deuten sie auf eine Vielzahl von An-Trieben, Gemeinschaften zu etablieren, ihnen beizutreten und sie zu (zer-) stören. Die wechselseitige Beziehung von Geschichten und Geschichte und uns ist eine weitere dieser hier als Österreich-Premiere gezeigten Arbeit unterlegte Ebene.

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Crystal Pite & Jonathon Young und „Kidd Pivot“: „Assembly Hall“ © Sasha Onyshchenko

Die kanadische Tänzerin – sie tanzte unter Anderem in William Forsythe’s Ballett Frankfurt – und Choreografin Crystal Pite schuf in 35 Jahren über 60 Stücke, die an den namhaftesten Häusern der Welt Teil des Repertoires waren und sind. 2002 gründete sie in Vancouver „KIDD PIVOT“, ihre eigene, weltweit tourende Kompanie. Mit dem kanadischen Theatermacher Jonathon Young verbindet sie seit ihrem ersten gemeinsamen, mehrfach ausgezeichneten Stück „Betroffenheit“ aus 2015 eine Zusammenarbeit, die Genre-Grenzen sprengende, in die Tiefen der menschlichen Seele dringende Arbeiten hervorbringt.

Schauspieler haben die Texte eingesprochen, die TänzerInnen sprechen sie nicht nur lippensynchron nach, sie spielen sie tänzerisch-gestisch. Und das mit ungeheurer Präzision. Wir hören und sehen rituelle Beschwörungen der Gemeinsamkeit und der Gemeinschaft, Ignoranz, Schuldzuweisungen, Miss- und Verachtung, Scheinheiligkeit, Feindschaft, das Schmieden von Allianzen gegen die Mehrheit, Schmerz, Projektion, die Unfähigkeit loszulassen, Selbstmitleid und Selbstbeweihräucherung, Gemeinsamkeit und Einsamkeit, Konflikt und Streit, gruppendynamische Prozesse, den Willen zur Macht, Blendung, Demut und Unterwerfung, ausgeprägte Egos, wie Führer die psychisch-emotionalen Bedürftigkeiten der Einzelnen erkennen und (be-) nutzen, um aus ihnen Masse zu formen, und die Entscheidungs-Unfähigkeit eines Führers.

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Crystal Pite & Jonathon Young und „Kidd Pivot“: „Assembly Hall“ © Michael Slobodian

Unterschiedliche Meinungen treffen aufeinander, es wird debattiert und diskutiert (zuweilen verhallen die Worte im Raum), gekämpft und getötet. Manchmal ist es eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. In die Texte eingewebte Weisheiten und Tiefgründigkeiten geben den Charakteren Profil. Die Überzeichnung der sprach- und emotions-begleitenden Gestik wirkt abstrahiert-skurril, ist jedoch, neben dem performativen Aspekt, ein deutlicher Verweis auf das Veräußerlichen eines Innenlebens, das nach Aufmerksamkeit und einer sich selbst gegenüber nicht empfundenen Wertschätzung und Liebe lechzt. Es entsteht eine einzigartige Poesie, die ihre Kraft aus der klugen Metaphorik der sprachlichen und theatralen Elemente schöpft und die von Anbeginn gefangen nimmt.

Die TänzerInnen/PerformerInnen agieren auf allerhöchstem Niveau. Sie nähern sich dem Thema Gemeinschaft, warum und wie sie entsteht, gebildet wird, was sie zusammenhält und was sie so fragil macht, auf vielen Ebenen, durchdringen es philosophisch, psychologisch, behavioristisch und historisch, flechten gesellschaftliche, soziale und individuelle Faktoren zu einem dichten Gewirk aus Wahrheit und Dichtung, Realität und Mystik und Offenbarem und Verdecktem. Das Ergebnis ist ein fiktional-reales Abbild des sich sozialisierenden Menschen, der mit seinem So-Sein politische und gesellschaftliche Realitäten determiniert. Früher, jetzt und immerdar. Und alles wirkt irgendwie vertraut.

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Crystal Pite & Jonathon Young und „Kidd Pivot“: „Assembly Hall“ © Michael Slobodian

Eines der vielen Bilder: Paradox und gleichnishaft wie Jesus Christus (und vielen anderen) geschehen töten sie den lang ersehnten Erlöser und zementieren damit den Status Quo auf vielen Ebenen. Politisch, gesellschaftlich, individuell, psychologisch. Aus Angst vor Veränderung, um festzuhalten an Vertrautem, auch wenn dieses schmerzt, ungerecht ist und/oder das Selbst sabotiert, um auf der bewussten Ebene sich und der Umwelt Unzulänglichkeiten nicht eingestehen und auf der unbewussten Ebene ungeliebte Persönlichkeits-Anteile nicht anschauen zu müssen. Weil wir alle doch geliebt werden wollen.

Zudem verweisen sie damit auf die Ablehnung und Verteufelung all jener die psychische Heilung anstrebenden Wahrheiten und deren Verkünder sowie auf die Ignoranz einer ansonsten so wissenschafts-affinen Gesellschaft gegenüber der Wissenschaft vom Unbewussten. All das zielt in universeller Weise auf Gefühls- und Schmerz-Vermeidung. Allein dieses Bild demonstriert die Komplexität des Stückes und die Breitbasigkeit seiner Schöpfer.

Tiefgründiger Witz und Humor umschiffen jegliche Plattitüden weiträumig. In den expressiven Soli, Duetten und Gruppentänzen erfassen die TänzerInnen die komplexen emotionalen, Persönlichkeits- und Beziehungs-Strukturen auf einzigartige Weise. Die verbal und physisch ausgetragenen Debatten manifestieren die Vielfalt von Interessen und Standpunkten, jedoch, und das im Wortsinne wesentlich, vor allem das Aggressions- und Gewalt-Potential im Einzelnen und in Bündnissen dieser.

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Crystal Pite & Jonathon Young und „Kidd Pivot“: „Assembly Hall“ © Michael Slobodian

Wuchtige Akkorde aus Tschaikowski’s Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll Op. 23 stellen sie der Interaktion der Performenden zur Seite. Das Sounddesign von Owen Belton, Alessandro Juliani und Meg Roe, das Bühnenbild von Jay Gower Taylor, die Kostüme von Nancy Bryant, das Lichtdesign von Tom Visser und das Videodesign von Cybèle Young ergänzen „Assembly Hall“ zu einem Gesamtkunstwerk ersten Ranges.

„Assembly Hall“ ist kraftvoll, energetisch und bildgewaltig, ist vieldeutig und offen für Projektionen und Interpretationen, ist meisterlich komponiert aus Tanz, Theater, Text und Dichtung, Sound und Musik, Bühnenbild und Kostümen, Licht- und Videodesign, bravourös dargeboten von einem hochklassigen, homogenen und doch mit künstlerischen Individuen besetzten Ensemble, das mit der Bandbreite und dem Niveau seiner tänzerisch-performativen Qualität herausragt aus der Oberschicht der internationalen Tanz-Kompanien.

Dave fragt einmal: „Ist die Menschheit noch zu retten?“ Das Bild am Ende der mit Standing Ovations gefeierten Aufführung, als sie Fragmente einer Rüstung, jeder der Acht trägt eines vor sich, zusammensetzen zu einem glänzenden Blechkleid, erzählt von der Möglichkeit, dass viele verschiedene Teile doch ein funktionierendes, sinnvolles, lebensfähiges Ganzes ergeben können.

 

Crystal Pite & Jonathon Young und Kidd Pivot mit „Assembly Hall“ am 09.05.2024 im Festspielhaus St. Pölten.

 

Rando Hannemann

 

 

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