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ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Ballet BC Vancouver: „Solo Echo/Bedroom Folk/Busk“

26.01.2020 | Ballett/Tanz

ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Ballet BC Vancouver: „Solo Echo/Bedroom Folk/Busk“

Die im kanadischen British Columbia beheimatete Kompanie Ballet BC Vancouver gastierte mit drei von Frauen geschaffenen Arbeiten als Österreich-Premiere im Festspielhaus St. Pölten. Die Choreografinnen Aszure Barton, Sharon Eyal und Chrystal Pite schufen für das überragend agierende 18-köpfige Ensemble drei sehr unterschiedliche Stücke, die mindestens eines vereinte: Tanzkunst auf Weltniveau.

Aszure Barton: „Busk“

Von einem Besuch der zentralkalifornischen Stadt Santa Barbara inspiriert, bei dem sie die Polarität zwischen dem Reichtum der dort lebenden Prominenten (diese Stadt ist die teuerste Wohngegend der USA) und der grassierenden Armut andererseits tief beeindruckte, schuf die gebürtige Kanadierin Aszure Barton, nach fast 20 Jahren in New York lebt und arbeitet sie nun in Los Angeles, 2009 ihr Werk „Busk“. In der hier präsentierten verkürzten Neubearbeitung von 2019 stellt sie 15 TänzerInnen in wechselnden Konstellationen, vom Solo bis zum Chor, auf die Bühne. Und mit ihnen das von Marx so genannte Lumpenproletariat, alle dunkel gekleidet (Kostüme: Michelle Jank) und mit Kapuzen zeitweise auch die Köpfe und Gesichter noch bedeckend.


Ballet BC: „Busk“, (c) Michael Slobodian

Wir sehen sie frieren und sehen sie betteln, mit den Händen und den Hüten. Und im fallenden kegligen Licht heben sie die kapuzengeschützten Köpfe. Die Gesichter leuchten hell aus all der Finsternis um sie herum. Barton gibt den Menschen ihr Antlitz zurück, macht aus der anonymen Masse eine Gruppe von Individuen. Von denen immer wieder jemand ausbricht. Eine Frau tanzt zeitgenössisch-urban ihre Selbstermächtigung, das Sternen-Licht einer Discokugel steht dabei auch im Saal. Kämpferisch entblößt ein Mann seinen Oberkörper, fliegt auf den Schwingen seiner Arme empor ins Licht. Nur kurz. Ein Anderer kauert resigniert auf der Stiege, im Hintergrund. Munch’s „Schrei“ zieht mehrmals kurz durch die Gesichter, die später auch die Zunge blecken. Uns, den Zuschauern.

Im Zusammenspiel mit dem Lichtdesign von Nicole Pearce und der Musik-Auswahl und dem Sound-Design der Choreografin selbst entstand mit „Busk“ (deutsch: Straßenmusik machen) eine von zärtlichem Mitgefühl durchdrungene, zutiefst humanistische, meisterlich getanzte Symphonie auf die Unterschicht, komponiert aus dem Sound der Gassen und Gossen dieser Welt. Die Fähigkeit zu leiden und zu kämpfen und vor allem die Würde, die sie ihren Figuren gibt, berühren nachhaltig.

 

Sharon Eyal: „Bedroom Folk“

2015 kreierte die gebürtige Israelin Sharon Eyal, die 18 Jahre bei der Batsheva Dance Compagnie tanzte und für diese wie unter anderem auch für das NDT (Nederlands Dans Theater) Werke schuf, gemeinsam mit Gai Behar, seit 2013 führen die beiden ihre international geschätzte Kompanie „L-E-V“, „Bedroom Folk“. Fünf Männer und fünf Frauen tanzen in schwarzen, hautengen Kostümen zu den treibenden Rhythmen von Ori Lichtik. Der mechanischen, zuckenden, stampfenden, hüpfenden Synchronizität der im dumpfen geistigen Dämmerschlaf vegetierenden Gruppe stellt sie expressive individuelle Ausbrüche gegenüber. Dieses kurzzeitiges Erwachen Einzelner ahndet die Gruppe mit körperlicher Züchtigung und Ablehnung.

Auch Solidarität sehen wir. Eine Frau, der in ihrer Erschöpfung die Kraft zum Gleiches Tun verlorenging, wird von einem Mann getragen, eng in die Gruppe eingefügt.


Ballet BC: „Bedroom Folk“, (c) Michael Slobodian

Diese Choreografie gipfelt in einer dem Tanz der vier kleinen Schwäne in „Schwanensee“ so ähnlichen Fünfer-Reihe. Die von einem bösen Zauber ver- und entführten Kinder, die schon so früh sich selbst Entfremdeten, die Verwandelten, üben brav die Schritte. Eingegliedert, gleichgeschaltet. Der anfangs wie der beginnende Tag aufsteigende leuchtend orangefarbene Hintergrund senkt sich wieder. Und als wenn die Mutter abends zur Schlafenszeit zwei Lampen nacheinander ausschaltet, verlischt das Licht.

Mit „Bedroom Folk“ schuf Sharon Eyal eine die Ursachen von individuellen seelischen Verformungen und letztlich Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung benennende, hochpolitische Arbeit. Die Poesie ihrer Bilder schafft assoziative Freiräume, die Botschaft jedoch ist klar formuliert. Brillant.

Chrystal Pite: „Solo Echo“

Es schneit im Hintergrund. Chrystal Pite, eine der führenden Choreografinnen des zeitgenössischen Tanzes, sie tanzte im Ballet BC und in William Forsythe’s Ballett Frankfurt, kreierte „Solo Echo“ 2012 für das NDT. Sieben TänzerInnen in ärmellosen Nadelstreifen-Anzügen tanzen zu zwei Chellosonaten von Johannes Brahms. Op. 38 in e-Moll und im Alter von 29 bis 32 Jahren komponiert und Op. 99 in F-Dur, mit 53 geschaffen, geben allein schon mit ihren Tonarten, dem melancholisch-schattigen Moll und einem lichten Dur, weit mehr jedoch mit ihrem jeweiligen Charakter, Energie und Leidenschaft sowie Klarheit in Form und Ausdruck, eine perfekte akustische Basis ab für den Blick auf die Entwicklung eines Menschen.


Ballet BC: „Solo Echo“, (c) Michael Slobodian

Das Pendel der Gefühle schlägt im ersten Teil gewaltig aus. Die Emphase der Musik unterstreicht das Ungestüm und die Getriebenheit der Jugend, mit der die TänzerInnen das Suchen und Forschen, die Unsicherheit und die empfundene Unzulänglichkeit, das Drohen eines unbekannten Dunkels, Auflehnung, Kampf und auch Liebe und Zartheit – im Wortsinne – verkörpern. Der zweite Teil, ruhiger, gesetzter, harmonischer, ist dennoch nicht frei von Ängsten, Ungewissheit und innerer Zerrissenheit. Am Ende stehen die, die alle Eines sind, in dichter Reihe voreinander. Nacheinander fallen sie erschöpft aus den Armen des hinter ihnen Stehenden und gehen ab. Es bleibt einer allein am Boden, friedvoll, der dem Flehen der letzten Gehenden nicht folgt. Der Schnee fällt unaufhörlich …

Das im Programmheft zu „Solo Echo“ abgedruckte und dieser Arbeit ihr lyrisches Fundament gebende Gedicht von Mark Strand schließt mit den Worten: „… tell yourself in that final flowing of could through your limbs that you love what you are.“

Mit größter Sensibilität, Zärtlichkeit und ungeheurem Mitgefühl zeichnet Chrytal Pite auf äußerst differenzierte Weise die seelische Entwicklung eines Menschen. Die poetische Kraft dieser Arbeit ist überwältigend.

Allen Stücken gemeinsam ist das außergewöhnlich hohe Niveau der auf klassischem Vokabular aufbauenden, dieses jedoch weit in die Zukunft entwickelnden tänzerischen Darbietung. Die Präzision eines jeden Einzelnen sowie die der synchron getanzten Parts, die durch alle technische Meisterschaft nicht erdrückte Sensibilität und Ausdrucksstärke der TänzerInnen erreichen nur sehr wenige Kompanien.

Und was macht die Qualität dieser Zusammenstellung von drei weiblichen Choreografien aus? Die den Arbeiten, so unterschiedlich sie sind, zu Grunde liegende unerschütterliche Humanität, die Empathie, der Fokus auf die Psyche des Menschen und die emotionale Klugheit der Konzepte und deren Umsetzung. Und das Ballet BC Vancouver mit seiner herausragenden Klasse.

Emily Molnar, sie tanzte selbst in dieser und der Kompanie von William Forsythe (in dessen Erbe sie sich sieht), leitet das Ballet BC seit 2009 und schuf mit diesem 45 Werke, mit denen sie seither weltweit höchst erfolgreich touren. Mit der Saison 2020 wird sie die künstlerische Leitung des NDT übernehmen.

Rando Hannemann

Ballet BC Vancouver: „Solo Echo/Bedroom Folk/Busk“, am 24. Jänner 2020 im Festspielhaus St. Pölten.

 

 

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