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ST.PÖLTEN/ Festspielhaus: BALLET BC mit Choreografien von Christal Pite, Bobbi Jene Smith & Or Schraiber und Medhi Walerski

27.09.2026 | Ballett/Performance

ST.PÖLTEN/ Festspielhaus: BALLET BC mit Choreografien von Christal Pite, Bobbi Jene Smith & Or Schraiber und Medhi Walerski

Mit drei Stücken sehr unterschiedlicher künstlerischer Handschriften begeisterte das im kanadischen Vancouver beheimatete Ballet BC, vor 40 Jahren als Ballet British Columbia gegründet, das Festspielhaus St. Pölten und eröffnete damit dessen Spielzeit 2026/27. Von der Hoffnung über die direkte Begegnung führten die Stücke das Publikum bis in die Sphären, wo Sichtbares und Unsichtbares zusammentreffen.

„SWAY“

Medhi Walerski, seit 2020 künstlerischer Leiter des Ballet BC, war unter anderem gut 10 Jahre lang einer der markantesten Tänzer des Nederlands Dans Theater (NDT), für das er 2008 seine erste Choreografie schuf. Sein Stück „SWAY“ zeigte erstmals das NDT 2 im November 2019. Im Repertoire des Ballet BC befindet es sich seit Mai 2024. Zu Musik von Adrien Cronet und Johann Sebastian Bach tanzen sieben Tänzerinnen und Tänzer in einem sich pyramidisch nach oben hin verjüngenden Bühnenraum.

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Ballet BC: „SWAY“ von Medhi Walerski (c) Millissa Martin

Inspiriert von Emily Dickinsons Gedicht „Hope is the thing with feathers“ untersucht die Choreografie das schwer zu fassende Wesen der Hoffnung. Der mehrdeutige Titel SWAY weist bereits auf zwei Aspekte, die den Tanz prägen werden: schwanken, taumeln, schwingen und sich wiegen sind charakteristische gestische Motive. Aus diesen, verflochten mit der zweiten Bedeutung des Wortes sway (Beeinflussung und Umstimmen), entwickelt Walerski ein komplexes Geflecht aus individuellen und kollektiven Impulsen und Wirkungen.

Die Musik demonstriert akustisch das im Inneren des Einzelnen entstehende Sehnen nach etwas Unnennbarem, das sich materialisiert im Physischen des Tanzes, dessen Energie von einem zum nächsten weiter gegeben wird, das verschiedene Gesichter hat und ungemein zerbrechlich ist. Was im Einzelnen wuchs, wird zu Gemeinsamkeit. Es schafft Gemeinschaften, kleinere und größere, deren Fortbestand bedroht ist, die als schützenswert erkannt werden und doch wechseln und zerfallen, um anderswo, leicht verändert, wieder zu entstehen.

Sie tasten und suchen, finden Halt und Stütze, werden getragen und wieder entlassen in die eigene Sehnsucht. Die, wie ein Äther wehend durch Tanz, Musik und Licht, ist es, die die sieben verbindet mit ihren individuellen sowie weiter gegebenen, vermittelten gemeinschaftlichen Zielen. Immer aber agieren die Tanzenden mit Respekt, Aufmerksamkeit und zärtlicher Empathie, verbinden so das Streben nach Autonomie mit dem darüber nicht verloren gegangenen Gemeinsinn.

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 Ballet BC: „SWAY“ von Medhi Walerski (c) Millissa Martin

Jenen aber, die Gemeinschaft und die Hoffnung als solche hinterfragt „SWAY“ in ihren Fundamenten. Bachs Lied „Nun kommt der Heiden Heiland“, elektronisch verfremdet, und eine aus der Reihe sanft zu Seite kippen gelassene Frau werden zu Symbolen einer vergemeinschafteten, uralten Sehnsucht nach Erlösung von außen. Althergebrachte, patriarchal geprägte Formen von Gemeinschaften und Gesellschaften sehnen sich nach Erlösung durch wiederum einen Mann. Doch vielleicht schlägt Medhi Walerski vor, sich auf eigene Kräfte und vor allem die der Frauen zu verlegen?

„Obsidian“

Vulkanischen Ursprunges ist dieses meist tief schwarze, spiegelnde und rasierklingenscharf brechende Gesteinsglas, das in der Gesteins-Heilkunde zur Aufarbeitung verdrängter Themen verwendet wird. Der Titel dieses im Mai 2025 im Queen Elisabeth Theater, dem Stammhaus des Ballet BC, uraufgeführten Stückes liefert bereits in einem Wort eine Fülle an Assoziationen. Tanz, Musik und Licht werden diese noch befeuern.

Bobbi Jene Smith und Or Schraiber, beide kennen sich aus ihrer Zeit als Mitglieder der Batsheva Dance Company, schauen mit sechs Tänzerinnen und Tänzern in Ur- und Abgründe von Beziehungen. Die Musik zu diesem Stück wird, anders als beim ersten und dritten, live gespielt. Die kanadische Pianistin, Sängerin, Gesangslehrerin und Haus-Pianistin des Ballet BC Perri Lo spielt Werke von George Ivanovich Gurdjieff und Thomas de Hartmann, entstanden in den 1920er Jahren und seit dem selten aufgeführt.

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Ballet BC: „Obsidian“ von Bobbi Jene Smith und Or Schraiber (c) Michael Slobodian

Lo und ihr Klavier werden zu Ko-Performern in diesem an Kontrasten reichen Stück. Schnelle, zuweilen explosive Wechsel zwischen Rohheit und Zärtlichkeit, Erotik und Aggression, Abweisung und Verlangen, Intimität und Auseinanderfallen beschreiben eine Paar-Beziehung, wütende Selbstermächtigung, verloren Sein und Einsamkeit das Ringen einer Frau mit sich selbst. Männlichkeits-Rituale, Provokation und Aggression unter Männern, auch die Homoerotik pendelt zwischen Aggression und Zärtlichkeit.

Weibliches Verlangen und Sehnsucht nach Liebe, männliche Suche nach einer Verbindung zu sich selbst, nach Identität und Integrität. Selbstzweifel und Fürsorge. Attraktion und Aversion. Zweifel und Vertrauen. „Obsidian“ beleuchtet verschiedenste Aspekte der Beziehungen zwischen Menschen und des Einzelnen zu sich selbst, untersucht Qualitäten und Quantitäten und stellt eine jede dieser Beziehungen als fragil, verletzlich und gefangen in der Polarität auf die Bühne.

Der Tanz lebt von den Spannungen zwischen Leidenschaft und Beherrschung, dem Einzelnen und der Gruppe und Nähe und Distanz, er zitiert mehrere Kulturen, changiert zwischen Eruption und Erstarren, wechselt die Tempi und emotionalen Zustände plötzlich und gründlich. Die Bewegung ist Resultat und Ausdruck tief empfundener Gefühle. Dieses nur 20 Minuten lange Stück schneidet sich durch die Häute, die diese Extreme verdecken, es zerrt aus der Wahrnehmung Verdrängtes ins (Bühnen-) Licht, es dringt in das Fleisch einer scheinheiligen Gesellschaft.

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Ballet BC: „Obsidian“ von Bobbi Jene Smith und Or Schraiber (c) Millissa Martin

Die Wurzeln dieser Unstetigkeit, der Boden-, Substanz- und Haltlosigkeit dieser Beziehungen und derjenigen, die sie gestalten, mögen in der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit des Einzelnen zu finden sein. Die Erosion von Werten und Glaubenssystemen hat Folgen, die tief in den individuellen und kollektiven Psychen ihre destruktiven Wirkungen entfalten. „Obsidian“ spiegelt unserer bedrohten Gemeinschaft ihr wahres Inneres.

 

„Frontier“

Den Abschluss und Höhepunkt dieses dramaturgisch schlüssig gestalteten dreiteiligen Abends bildete nach der zweiten Pause das bereits 2008 mit dem NDT uraufgeführte Stück „Frontier“. Im November 2024 mit dem Ballet BC erstaufgeführt, zeugt die Aufnahme auch dieser Arbeit in das Repertoire der Kompanie von Medhi Walerskis Politik, sie konsequent zur führenden kanadischen zeitgenössischen Ballett-Kompanie zu entwickeln.

Christal Pite schuf in ihrer bereits 35-jährigen Karriere als Choreografin über 60 Werke für namhafte internationale Ensembles. Mutig und ohne Scheu untersucht sie Themen, die die Grenzen des menschlichen Bewusstseins überschreiten, ob ins Unbewusste oder andere unsichtbare, unvorstellbare Aspekte der Realität hinein. Die Verbindung von geistes- und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen mit der menschlichen Lebenswirklichkeit sind ihr ein wichtiges künstlerisches Anliegen. Sie untersucht, was den Menschen bewegt.

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Ballet BC: „Frontier“ von Crystal Pite (c) Michael Slobodian

In „Frontier“ (Grenze) verschränkt sie das, was die Physik Dunkle Energie und Dunkle Materie nennt, was den Großteil des uns umgebenden Universums ausmacht und was nur an seinen Wirkungen auf sichtbare Objekte erkannt werden kann, mit dem, was der Psychoanalytiker C. G. Jung den „Schatten“ nannte, die unbewussten Inhalte unserer psychischen Gesamtheit also, die unbemerkt, nichts desto trotz massiv unsere Gefühle, unsere Wahrnehmungen, Gedanken und Entscheidungen beeinflussen. Die Parallelen sind offensichtlich.

Pite inszeniert in „Frontier“ das Aufeinandertreffen einer Überzahl von schwarz gekleideten Wesen und Einzelnen in weißem Dress. Damit installiert sie das Neben- und Miteinander von Sichtbarem und Unsichtbarem, von beobachtbarer und dunkler Materie also und von Bewusstsein und Schatten. Indem sie diese dunkle Masse aus dem Auditorium auf die Bühne kriechen und am Ende den selben Weg zurück nehmen lässt, hebt sie das in und zwischen und allen existierende, eigentlich Unsichtbare für den Moment der Performance ins Sichtbare.

Das aufwändige Bühnenbild von Jay Gower Taylor, das Lichtdesign des renommierten irischstämmigen Lichtgestalters und Fotografen Tom Visser und der Sound von Owen Belton und Eric Whitacre (sie lassen es wummern, drohend krachen, poltern, ein Herz pochen und Choräle erklingen) schaffen dunkle, unheimliche Atmosphären, in denen sich das Sichtbare, die bekannte Materie/Energie also und das Bewusstsein, den Wirkungen ihrer unsichtbaren Mit- und Gegenspieler ausgesetzt sieht.

Aus dunklen Hinterzimmern greifen die Schatten nach den um Selbstgewissheit ringenden Menschen, verstören und verunsichern sie, bringen sie aus dem Gleichgewicht oder rauben ihnen den letzten Rest an innerer Ruhe. Als Menge von schwarzen Körpern bilden sie, auf dem Boden liegend tanzend, das Fundament von Masse und Energie im Universum. Die Deutungen der Bilder als physikalisch oder psychologisch intendiert verschwimmen ineinander, ihr phänomenologisches Gewicht wir angeglichen.

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Ballet BC: „Frontier“ von Crystal Pite (c) Michael Slobodian

Das Stück dringt tief in die Seele des Menschen. Es beschreibt die Anwesenheit des Unbewussten in vielerlei Weisen. Ob als Fundament unseres psychischen Seins überhaupt, als Initiator von mittels Träumen an das Bewusstsein gesendeten Botschaften, als Herberge für unterdrückte Ängste und verdrängte, ungeliebte Persönlichkeits-Anteile, als Störfaktor, Unruhestifter, Bedrohung, Quälgeist, Persönlichkeits-Multiplikator, als Hort regressiver Ausflüchte oder auch als Kollaborateur, wenn für einen kurzen Moment beleuchtet. Über allem aber steht die Frage: Welche Kräfte treiben uns Menschen an?

Die finale Synchronisation der schwarzen Gestalten zu einem einzigen kraft- und machtvollen Organismus ist vieldeutiges Bild für die Dunkle Materie, die Vielzahl der unbewussten psychischen Aspekte in den Seelen des Einzelnen und des Kollektivs. Aus dem Tanz der 24 Ensemble-Mitglieder entsteht im Zusammenwirken mit Sound, Bühne, Licht und Kostümen ein beklemmendes, beängstigendes, jedenfalls aber faszinierendes Bild des Sichtbaren, das vom Unsichtbaren dominiert wird. „Frontier“ ist eine genial komponierte, kluge Choreografie, getanzt von einem herausragenden Ensemble.

Die drei gezeigten Stücke (Probenleitung für alle drei: Emily Chessa) fordern von der Kompanie eine große Bandbreite an tänzerischen und stilistischen Fertigkeiten und emotionalen Zugängen zu den so unterschiedlichen Themen. Die Souveränität, mit der das Ballet BC diese Anforderungen meisterte, spricht von der Reife der Ensemble-Mitglieder und der Qualität der künstlerischen Leitung durch Medhi Walerski, der die tänzerische Meisterschaft der Kompanie, das Handwerk also, zum Werkzeug macht für das Eigentliche: die Kunst. Großartig!

BALLET BC mit „Christal Pite . Bobbi Jene Smith & Or Schraiber . Medhi Walerski“ am 26.09.2026 im Festspielhaus St. Pölten.

Rando Hannemann

 

 

 

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