Orgelkonzert Roman Summereder im Dom zu St. Pölten an der Metzler-Orgel am 12.4.2026
Blinder Instinkt und Hoffnungsstrahlen“
So überschreibt Roman Summereder sein Orgelkonzert und stellt zugleich das reformatische Lied des Adam Reusner (1533) über den Psalm 31 „In te Domine speravi“, gleich dreimal verschieden behandelt, in den Mittelpunkt seines Programmes, dessen österliche Merkmale am Weissen Sonntag deutlich wurden. „Folge deinem blinden Instinkt“ heißt es im Vers, wie Jehan Alain (1911-1940) in seinen Fantasien beschwört. Der große Neuerer der französischen Orgelmusik des 20. Jahrhunderts drückte dies gleich zu Beginn in der energischen Ersten Fantasie (1933) aus. Es wurde ein frommes „Et resurrexit“ und öffnete den Klangraum in den Himmel, inspiriert von Klangmodellen und Motivzellen. Nicht so wie die mehr verhalten visionäre Zweite Fantasie Alains (1936) endlich ins Dunkel führte und als Folge den „blinden Instinkt“ nachzeichnete. Der künstlerische Ausdruck hatte für Summereder Priorität, den Alain einmal übrigens als die einzige Form des Glücks bezeichnete. Summereders angemessener Konzertstart erwies sich jedenfalls als genau richtige Wahl für seine Themenschwerpunkte. Wie immer meisterhaft, so glänzte er auch diesmal wieder expressiv. Entgegen so mancher Interpreten zählt bei ihm nicht der aufrüttelnde Kontrast der aufzuführenden Werke, sondern die Geschlossenheit des repräsentativen Programmes und der Zusammenhang der Stücke, natürlich ausgedrückt in der persönlichen Sprache des jeweiligen Schöpfers. So ging nach Alain die Vortragsfolge weiter und spannte einen Bogen in die barocke Klangwelt mit Heinrich Scheidemanns (1596-1663) norddeutscher Orgelkultur. Der lebenslang als Katharinen-Organist in Hamburg tätige Komponist machte die einzelnen Choralzeilen des Psalm-Liedes zu einer meditativen Echo-Fantasie. Bekannt wurde er durch seine klassischen auf den cantus firmus fixierten Gattungen und schuf etwa 80 Werke, wobei er jedoch nicht an seinen berühmteren Zeitgenossen Dietrich Buxtehude heranreichte. Nach 300 Jahren verstand der reformierte Schweizer Klaus Huber (1924-2017) die Gebete des Psalm-Liedes indes ganz anders. Seine latinisierte Invention „In te Domine speravi“ aus 1964 begibt sich in die „Zwölfton-Landschaft“ und steigert die historische Liedmelodie bis zu kräftigen Klangeruptionen. Ottorino Respighi (1879-1936), der hier noch nicht deutsch-romantische Ästhetiker aus Italiens Opernwelt, hatte man hier bei der Orgelmusik als große Überraschung begrüßt. Sein prachtvoll zupackendes Preludio in si-bemolle maggiore über den Bach-Choral „In dich hab ich gehoffet, Herr“ und das Preludio in re-minore waren kostbare Beiträge und erweckten Assoziationen mit Max Regers souveräner Orgelmusik. Weiter in seiner Reihe führte Summereder quasi als Pflichtprogramm zu Olivier Messiaen (1908-1992). Dessen „Verset pour la fete de la dedicace“ war als eine faszinierende Tonsprache zu erleben aus einem Psalm-Modell mit dem gregorianischen „Alleluja“ zum Kirchweihfest, einstimmig im Intervallverlauf verfremdet angestimmt und dann modal harmonisiert weitergeführt. Bezeichnend für das Werk sind die zwei Kadenzen von Messiaens Lieblingsvogel, der Singdrossel, zweistimmig bedient mit diversen Intervallabständen. Jeder Ton erklingt in drei verschiedenen Oktavlagen mit einer besonders changierenden Farbigkeit. Die dreifache Pianostelle am Schluss gelang den Registrantinnen Theresa Allinger & Elisabeth Klutz zu wunderbarer Registrierungskunst. Ein gewichtiges Wort zu reden hatte Mauricio Kagel (1931-2008), ein extremer Neutöner mit seinen „Rossignols enrhumés“ aus Rrrrrr – 8 Stücke für Orgel aus 1981/82, provokant, aufregend, zungenbrecherisch, als sollten sie ein Denkmal für das bestimmte Register setzen. Mit expressivem Spiel verwandelte Summereder die Vogelklänge in zartgefiederte Figuren. Sein phänomenales Orgelbild entstand im Detail wie für den ganzen Abend. Er malte dieses an der Orgel, nicht ohne mit J. S. Bachs Präludium und Fuge in G-Dur BWV 541 zu schließen. Mit einem thematisch durchgehend perfekt ausgefeilten Programm von Vorbildfunktion für arrivierte Konzertorganisten von internationaler Größe. Das fachkundige Publikum holte ihn unter viel Applaus begeistert von der Orgelbank herab. Domorganist Ludwig Lusser feierte bei dem Konzert sein 20jähriges Domorganisten-Amt in St. Pölten. Ein exzellentes Orgelfest !
Georgina Szeless
Mail: g.szeless@liwest.at

