„Le ciel ouvert, la vie errante’’ – Premiere von Bizets Carmen im Wolken(!)bruch St. Margarethen am 12.07.2023

Foto: Youtube
„Tralalalala, coupe-moi, brûle-moi, je ne te dirai rien ; tralalalala, je brave tout – le feu, et le ciel même!’’ entgegnet Carmen Leutnant Zuniga, als dieser sie im 1. Akt verhört. Dass dieses diesmal nicht ganz zutraf, dürfte sich bereits herumgesprochen haben: Ein ordentliches Gewitter beendete den Abend – immerhin zeitlich gut gelegt brach es während der Pause über das Gelände herein. Die ersten zwei Akte durften wir also erleben, welche Regisseur Bernard Arnaud in der imposanten Kulisse des Römersteinbruches auf zwei Erzählebenen inszenierte: Einerseits sprang er zeitlich in die 1930er Jahre und verlegte Carmen von Spanien nach Hollywood. Wir werden Zeuge eines Drehs in einem der großen Filmstudios, zahlreiche Filmkulissen scheinen auf und werden bei Bedarf durch die Statisterie und Bühnenarbeiter des Studios nach vorne gedreht, während sie ansonsten mit weißen Set-Kennzeichnungen vor blutroter Farbe gekennzeichnet sind. Das passt optisch sehr gut zur majestätischen Kulisse des Steinbruchs und ermöglicht es zeitgleich, die gesamte Breite der Freiluftbühne zu bespielen. So werden am Set von Carmen mehrere Szenen gleichzeitig gedreht, wir sehen parallelstränge und teilweise macht es das ein wenig schwer allen gleichzeitig zu folgen, liegt der Fokus doch automatisch immer auf den Sängern. Das kann schnell überlasten, zumal die Details nicht unwichtig sind, wie beispielsweise die Befreiung von Dancaïro aus der Haft durch seine Schmugglerfreunde.
Der Opulenz des Bühnenbildes schadet das natürlich nicht, ein gigantischer CARMEN Schriftzug prangt über der gesamten Szenerie und die 30er Jahre Ästhetik rundet die visuellen Eindrücke elegant ab. Hinzu kommen die im Steinbruch schon üblich gewordenen Pyro-Effekte: Gleich zu Beginn fährt ein brennender Mann auf dem Rad über die Bühne, Schüsse fallen, Flammen gehen auf. Die Verlegung in die 30er Jahre ermöglicht es Herrn Bernard, das Stück von jedwedem Torero-Kitsch zu befreien, ohne Abstriche bei der Ästhetik machen zu müssen. Klug ist dabei die Idee, den auf der Bühne gedrehten Carmen-Film in den spanischen Bürgerkrieg zu verlegen. So wird Carmen zum Mitglied des militaristischen, linksextremen Widerstands der Federación Anarquista Ibérica und kämpft gegen die Franquisten. Ist das eine Parteinahme? Mitnichten! Es unterstreicht vielmehr die Zwielichtigkeit Carmens und stellt die berechtigte Frage nach der Charakterfestigkeit einer Frau, die so sehr auf sich und ihre eigene Freiheit fixiert ist, daß sie dafür andere ins Elend schickt. Daß sie dies auch bei einem Offiziersanwärter (Don José ist zu Beginn Brigadier, was heute einem Stabsfeldwebel/ Oberstabswachtmeister entspräche) tut, kann wiederum als Zeichen des Widerstands interpretiert werden. Doch gibt sie zu, daß sie sich wohl verliebt habe und weigert sich, mit Dancaïro und Remendado fortzugehen, um eine weitere Aktion zu unterstützen: „La raison, c’est qu’en ce moment… Je suis amoureuse!“. Carmen wird also nicht zur Widerstandheldin verklärt, im Gegenteil: Sie ist eine schamlose, wenn auch verführerische Egoistin. Neben der Auskostung der visuellen Möglichkeiten dieser Rahmenhandlung, nutzt Herr Bernard also die schwierigen politischen Rahmenbedingungen zu einer Vertiefung der Charaktere was dem Stück durchaus guttut.

Foto: Oper im Steinbruch/ Jerzy Bin
Joyce el-Khoury nimmt diese Idee wunderbar auf und so sehen wir eine Carmen die – dem Geist der 30er Jahre entsprechend – in Marlene-Hosen auftritt, ihre Stärke jederzeit nach Außen trägt. Dabei vergisst sie aber ihre femininen Seiten keinesfalls, sondern setzt sie zielgerichtet dafür ein, das zu bekommen, wonach es ihr gerade verlangt. Und neben der eigenen Freiheit sind dies wechselnde Männer, die sie dennoch mit voller Sinnlichkeit und aufrichtig begehrt. Carmen genießt ihr unstetes Leben, doch sie sucht nach einem Pendant, einem Partner-in-Crime, mit dem sie auf Augenhöhe ihre Freiheit ausleben kann, um nicht mehr allein durch eine Welt zu ziehen, die unstet wie sie selbst ist – nicht zuletzt auch um dieses Unstete wohl ablegen zu können. Es scheint ein eigener Prozess der Sesshaftwerdung zu sein der sie antreibt, natürlich auf Carmens ganz eigene Art. Eben auf das Pferd ihres Mannes gesetzt zu werden und für immer dieser Realität entfliehen zu können: „Sur ton cheval tu me prendrais, et comme un brave à travers la campagne, en croupe, tu m’emporterais!“. Kein Wunder, ist diese Realität für sie doch eine der tatsächlichen Unfreiheit, der Armut und der Ungerechtigkeit. Frau el-Khoury kann dabei das Sehnen und die Sinnlichkeit Carmens sowohl darstellerisch verkörpern als auch stimmlich wirklich mit viel Finesse umsetzen. Neben den großen, pathetischen Gebärden Carmens, lässt sie Platz für verletzliche Augenblicke und die doch sehr verletzliche Seele Cramencitas. Da sind sogar leise Töne voll prickelnder Erotik und laute Töne voll von Träumen und Hoffnungen. Wie sie in „Prés des remparts de Séville“ Don José dann schließlich vollends den Kopf verdreht ist wirklich innig und schon in der Habanera zaubert sie zuvor eine beachtliche Grandezza auf den Tisch (auf welchem sie wortwörtlich tanzt). Brava!
Um so größer ist ihre Enttäuschung, als sie bemerken muss, daß Don José keinesfalls der Mann ist, den sie sich wünscht. Zu sehr sitzt dieser in seinen Konventionen fest im Korsett seiner Herkunft, seines Umfelds und seiner Erziehung. Hier stoßen tatsächlich zwei Welten aufeinander und die Wildheit Carmens ist wohl viel eher das, was Don José an Carmen reizt, als echte Liebe. Ein Ausbrechen, ein Wildsein vor den Verbindlichkeiten, die auf ihn mit einer militärischen Karriere und der Hochzeit mit Micaëla zukommen. Der Reiz des verbotenen eben. Dabei ist Michael Brian Moore durchaus passend besetzt: Er wirkt wie ein teilweise verschüchterter, gerade erst ins Leben entlassener Jüngling, der noch keine Ahnung von der Realität und den Fallstricken des Lebens hat. Das ist gut angedacht, doch zu Beginn wirkt Herr Moore auch gesanglich etwas schwach auf der Brust und nicht wie ein junger Soldat in voller Blüte. Weshalb sollte Carmen sich für ein solchen Hänfling überhaupt interessieren? Weil er die Stabilität des in geregelten Bahnen verlaufenden Lebens verkörpert? Erst zum Ende des zweiten Aktes blüht dann Herr Moore endlich auf, ironischerweise bei „La fleur que tui m’avais jetée“ und präsentiert ein beachtliches Stimmvolumen sowie einen Ausdruck wirklicher Leidenschaft. Diese Leidenschaft begründet dann sehr wohl, weshalb Don José sein gesamtes Leben riskiert, um einer unbekannten Zigarettenarbeiterin hinterherzulaufen.
Das ist auch zwingend nötig, denn nicht zu vergessen hat Don José ja auch Konkurrenz und hier ist insbesondere Escamillo zu nennen, dessen männliche Potenz in voller (toxischer?) Männlichkeit von Vittorio Prato aufgefahren wird. Das ist mal ein ordentlicher Bariton, der auch stimmlich mit stolz geschwellter Brust und einer ganz großen Ansage daherkommt. Machismo in Reinform und eine Lobhudelei sondergleichen, die aber so überzeugend daherkommt, dass man weiß, wer hier der eigentliche Platzhirsch ist – oder zumindest beansprucht dieser zu sein. Der prächtige Glanz von Herrn Prato tut sein Übriges dazu, daß wir ihn – obschon er in Mantel und Baskenmütze auftritt – vor unserem geistigen Auge beim Stierkampf in voller Traje de luces sehen. Hier sitzt wirklich alles, bravissimo für Vittorio Prato.
Nun, leider bleibt offen, wie sich die Inszenierung und die gesanglichen Komponenten des Abends weiterentwickelt haben. Denn wie bereits erwähnt, musste der Abend abgebrochen werden (und stattdessen wurde in der ORF-Übertragung die zweite Hälfte Aufnahmen der Generalproben gezeigt). Es ist durchaus möglich, daß sich die Produktion noch als eine Reminiszenz an das Spanien Hemmingways erweist und einige musikalische Höhepunkte in der zweiten Hälfte des Abends zu erleben gewesen wären. Sicher ist, daß das Piedra Festivalorchester und der Philharmonia Chor Wien unter der Leitung von Valerio Galli einen ganz wunderbaren, vollen und satten Klang schufen, der auch in den Details fein ausgearbeitet war und von dem wir definitiv noch gerne mehr hören würden. Sicher ist aber auch, daß sich Carmens Worte an José bewahrheiteten: „Le ciel ouvert, la vie errante“ – der Himmel öffnete sich und wir mussten schnellstmöglich ins Trockene weiterwandern, sogar rennen.
E.A.L.

