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ST. GALLEN/ UM!BAU: LA TRAVIATA – Premiere

20.03.2022 | Oper international

Giuseppe Verdi: La Traviata • Theater St.Gallen im UM!BAU • Premiere: 19.03.2022

 Solidarität unter den Theatern und Solidarität mit der Ukraine

Die Premiere von «La Traviata» am Theater St.Gallen stand ganz im Zeichen von Solidarität. Solidarität der Theater untereinander, so dass die Premiere überhaupt stattfinden konnte, und Solidarität mit der Ukraine, besonders nachdem das Drama-Theater von Mariupol (Akademisches Dramatheater des Oblast Donezk) in Grund und Boden gebombt wurde.

Theater St.Gallen

Wie bei so vielen Premieren in diesen Tagen war es auch bei dieser ungewiss, ob sie würde stattfinden können: abgesehen von der Generalprobe waren in der Premieren-Woche keine Proben möglich. Der Chor des Theaters St.Gallen und der Opernchor St.Gallen seien, so Operndirektor Jan-Henric Bogen, durch Coronafälle so geschwächt gewesen, dass nicht mehr jede Stimme hätte besetzt werden können. Durch Solidarität der Theater von Basel, Zürich und Innsbruck, genauer von deren Chören, die mit Sängern aushalfen, sei die Premiere doch noch möglich geworden. Aber nicht nur Corona bedrohe das Theater. Der Krieg in der Ukraine bedrohe das Theater als eine der Grundfesten unserer Kultur, als Ort des gesellschaftlichen Austauschs und freien Diskurs. Die Zerstörung des Drama-Theaters von Mariupol sei ein Sinnbild für die Verteidigung der europäischen Werte, für die in der Ukraine gekämpft werde. Das Theater St.Gallen verurteile den Krieg aufs Schärfste und solidarisiere sich mit der Ukraine und ihrer Bevölkerung. Man widme die Premiere den Opfern des Krieges und beginne den Abend deshalb mit der ukrainischen Nationalhymne.

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Foto © Ludwig Olah

Modestas Pitrenas hatte das Geschehen im Graben und auf der Bühne und dessen Koordination fest im Griff und führte Sänger und Orchester zu weitestgehend hervorragenden Leistungen. Das Sinfonieorchester St.Gallen spielte hochkonzentriert und besonders in den Vorspielen mit exquisit zartem Klang. Wo gefordert, waren auch imposante Aufschwünge möglich. Franz Obermair hatte die ihm zu Verfügung stehenden Sänger bestens einstudiert: von den Problemen war nichts zu bemerken.

Vuvu Mpofu gab die Violetta Valery mit kräftigem, sauber geführten Sopran. Was ihrer Interpretation fehlte, unklar, ob von der Regie gewollt oder nicht, waren die zarten Töne. Ihren Violetta starb einen Sekundentod. Jennifer Panara gab eine gute Flora Bervoix, ebenso Michaela Frei die Annina. Francesco Castoro sang mit endlosen Atem, perfekten Höhen und viel Schmelz einen mustergültigen Alfredo. Kartal Karagedik gab mit wunderbar frei strömendem Kavaliersbariton einen prächtigen, stimmlich noch recht jugendlichen Giorgio Germont. Christopher Sokolowski als Gastone, Kristján Jóhannesson als Baron Douphol, Justin Hopkins als Marchese D’Obigny und David Maze als Dottore Grenvil ergänzten das vom Publikum heftig akklamierte Ensemble.

Erstaunlich positiv, mit nur wenigen Buhrufen, nahm das Publikum die Regie von Nina Russi auf. Russi sieht in Violetta Valery eine moderne, mutige und unabhängige Powerfrau und macht sie in ihrer Inszenierung zusätzlich zur alleinerziehender Mutter, um zu kompensieren, dass die «Argumente» von Vater Germont Frauen von heute nicht beeindrucken. Sind ihre Krankheit und die gesellschaftlichen Strukturen nicht schon genug Problem? Beeindruckt die Forderung Giorgio Germonts Frauen von heute wirklich nicht? Die Forderung von Vater Germont bleibt ein Schlüsselmoment der Oper, denn es geht um die Forderung an sich, um die Doppelmoral. Die im Interview auf dem Programmzettel geäusserten Gedanken über Violettas Sorgen um die Zukunft ihrer Tochter sind dann völlig weltfremd, wenn Russi postuliert, Violetta wolle, dass ihre Tochter ihren Platz in der Dreieckskonstelation Violetta-Alfredo-Giorgio einnehme. Normalerweise wollen Eltern, dass es ihren Kindern einmal besser geht: welche Mutter will, dass ihr Kind zur Kurtisane (in der Inhaltsangabe fälschlicherweise als Edelprostituierte bezeichnet) wird? Eine aufmerksame Lektüre des Librettos würde zudem zum Schluss führen, dass Violetta nicht nach der Liebe und einem «bodenständigen Durchschnittstypen» sucht, sondern von der Liebe überrascht wird («È strano! … è strano! …» / «Es ist seltsam! … Es ist seltsam! …») und sich dieser dann verweigert («Follie! … follie! …» / «Aberwitz! … Torheit … eitler Wahn ist das!»). Hätte sie die Liebe akzeptiert, hätte dieses Gefühl ein stabiles Fundament, wäre Violetta zu Beginn des zweiten Akts nicht schon auf dem Sprung, den sie dann auch vollzieht. Ausstatterin Julia Katharina Berndt hat für Russi auf der Drehbühne ein Gerüstelement als ein Einheitsbühnenbild entworfen. Der leere Drehpunkt soll für Violetta und ihr Leben stehen. Dieses «Lebenskarussel» ist in seiner Kargheit wenig verständlich. Die dauernden Drehungen stören genauso wie das Treppauf Treppab der Solisten, dass eine Personenführung verunmöglicht. Violetta Valery steht in der Sicht der Inszenierung als Powerfrau bis zur letzten Sekunde voll im Leben (bis sie dann den bereits erwähnten Sekundentod stirbt) und hat dementsprechend kein Problem für «Parigi, o cara, noi lasceremo» die oberste Etage des Gerüstes zu erklimmen. Die Kostüme wirken wie das Resultat einer Aufräumaktion im Kostüm-Fundus, einem Besuch beim Zirkus und dem Aufruf an die Beteiligten doch eigene Kleider mitzubringen.

Konzertante Aufführungen können berechtigt sein.

Weitere Aufführungen:

Dienstag, 22. März 2022, 19.30 Uhr, Sonntag, 27. März 2022, 14 Uhr, Freitag, 1. April 2022, 19.30 Uhr,

Mittwoch, 20. April 2022, 19.30 Uhr, Sonntag, 24. April 2022, 19 Uhr, Sonntag, 1. Mai 2022, 17 Uhr,

Sonntag, 8. Mai 2022, 19 Uhr, Samstag, 21. Mai 2022, 19 Uhr, Mittwoch, 25. Mai 2022, 19.30 Uhr,

Montag, 30. Mai 2022, 19.30 Uhr, Donnerstag, 9. Juni 2022, 19.30 Uhr.

 Jan Krobot/Zürich

 

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