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ST. GALLEN / UM!BAU: Joseph Bologne «CHEVALLIER DE SAINT GEORGES»:

05.10.2022 | Oper international

Joseph Bologne «Chevalier de Saint-Georges»: Der anonyme Liebhaber • Theater St.Gallen im UM!BAU • Vorstellung: 05.10.2022

(3. Vorstellung • Premiere am 17.09.2021)

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Say his name!

Das Theater St.Gallen beginnt die neue Saison unter dem Motto «Gemeinsam anders sein» mit der neuzeitlichen europäischen Erstaufführung (so die Dramaturgie; Operabase weist für 2005 drei Aufführungen in Metz aus) von Joseph Bolognes «Der anonyme Liebhaber». Seine Opéra-ballet ist exemplarisch dazu geeignet Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen: die klassizistische Oper im Stile Glucks stammt von einem der ersten Komponisten mit afrikanischen Wurzeln.

Regisseur Femi Elufowoju jr. verbindet in seiner Neufassung die Handlung des Librettos mit der Biographie des Komponisten. Dies bietet sich an, da sowohl der Protagonist der Handlung wie der Komponist den Vornamen Joseph tragen. Und diese Neufassung kommt dem hier mit Arien in Französisch und Dialogen in Deutsch gezeigten Werk enorm zugute. Puristen mögen entsetzt sein, aber mit diesem Kunstgriff, der das Werk mit der Black Lives Matter-Bewegung verknüpft, ist der Wiederentdeckung des Komponisten sicher am ehesten gedient («Sayhis name!» fordert der Programm-Flyer). Die kurzweilige Komödie mit Balletteinlagen endet mit dem Heraustreten des Liebhabers aus der Anonymität und der Heirat mit seiner Verehrten. Elufowojus Neufassung endet mit einem grossen Monolog und dem Hinweis, dass dem Komponisten als Person of Colour die Heirat nicht möglich gewesen wäre. Was ist aus ihm, der Intendant der Pariser Oper werden sollte geworden? Wäre das heute anders, hätte er heiraten können? Auf den ersten farbigen Intendanten wartet die Opernwelt noch immer. ULTZ (Bühne und Kostüm) hat für die „Comedie en deux actes melée de ballets“ (so die Originalbezeichnung) ein hochpoetisches Bühnenbild geschaffen, das sich in seiner Mischung aus Salon-Plüsch und Realismus (immer als Bühne, Theater im Theater, erkenntlich) ganz in den Dienst des Werkes stellt und jeglichen Kitsch vermeidet. Die herrlichen Kostüme inspirieren sich an der Entstehungszeit der Oper. Charles Balfour und Andreas Enzler haben mit der Beleuchtung grossartige Arbeit geleistet. Elenita Queiroz hat die sensible Choreographie der namentlich leider nicht genannten, frisch und natürlich agierenden Tänzerinnen der Theatertanzschule St. Gallen besorgt.

Mit dieser Produktion hat das Theater St.Gallen einen guten Weg begangen, die Oper und ihren Komponisten dem Vergessen zu entreissen. Produktionen anderer Häuser sollten aber möglichst das Original aufführen, denn Bearbeitungen kratzen ebenso an der kompositorischen Eigenständigkeit Bolognes wie seine Bezeichnung als «Le Mozart Noir». In diesem Jahr wurde die Musik Bolognes als einem der frühesten Komponisten of Colour landauf landab aufgeführt. So bleibt nur zu hoffen, dass seine Renaissance von Dauer ist.

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Bild © Edyta Dufaj

Tenor Joshua Stewart gibt einen intensiven Joseph. Er hat leider keinen ganz idealen Abend erwischt, denn bei einzelnen Phrasen tönt die Stimme brüchig. Florina Ilie singt virtuos die Léontine und begeistert mit guter sitzender Stimme und stupender Technik. Warum in dieser Bearbeitung die Rolle des Ophémon en travestie angelegt ist, wird nicht wirklich klar. Äneas Humm begeistert auch in dieser Kostümierung mit seinem kernigen Bariton. Libby Sokolowski als Dorothee, Jennifer Panara als Jeannette und Christopher Sokolowski als Colin ergänzen formidable Ensemble.

Das Sinfonieorchester St. Gallen unter musikalischer Leitung von Kazem Abdullah bringt die über weite Strecken an Gluck erinnernde Musik höchst konzentriert zum Klingen. Die Behandlung der Streicher lässt sofort erkennen, dass Joseph Bologne auch ein Violin-Virtuose war. Franz Obermair hat den klangschön und bestens verständlich agierenden Chor des Theaters St. Gallen vorbereitet.

Eine mehr als lohnende Entdeckung: Auf nach St. Gallen!

Weitere Aufführungen: MO 07.11.2022, 19.30; MI 09.11.2022, 19.30; DO 17.11.2022, 19.30; SO 20.11.2022, 14.00; FR 02.12.2022, 19.30; FR 09.12.2022, 19.30.

06.10.2022, Jan Krobot/Zürich

 

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