Giuseppe Verdi: Aida • 21. St. Galler Festspiele • Theater St. Gallen • Premiere: 19.06.2026
Musikalisch überzeugt diese «Aida»
Auf Grund der politischen Vorgaben, der Klosterhof darf nur alle zwei Jahre bespielt werden, muss die Opernproduktion der 21. St. Galler Festspiele im Grossen Haus stattfinden. Ben Baur widmet sich Verdis «Aida».

Foto © Xiomara Bender
Da der Regierungsrat St. Gallen 2020 entschieden hat, die Konzession für den Klosterhof ab 2023 nur noch alle zwei Jahre zu vergeben, waren die St. Galler Festspiele gezwungen sich für die gerade Jahre ab 2023 nach einem alternativen Spielort umzusehen. Auch um die Verankerung im Kanton zu fördern, entschied man sich für das Jahr 2024, von der Naturkulisse beeindruckt, für Aufführungen im Flumserberg. Die Aufführungen, die stattfinden konnten – 3 von 6 Aufführungen musste wegen des Wetters abgesagt werden –, wurden nicht wie gewünscht frequentiert. 2026 finden die Aufführungen nun im sonst in dieser Zeit für Vorstellungen nicht genutzten grossen Haus statt.
Das Sinfonieorchester St.Gallen zeigt sich unter musikalische Leitung von Modestas Pitrenas, der seine letzte Premiere als Chefdirigent von Konzert und Theater St.Gallen dirigiert, in bestechender Form. Neben wunderbar satten Streichern beeindrucken vor allem die sicheren Blechbläser und der wunderbar homogene Klang des ganzen Kollektivs. Der Entscheid keine «Aida-Trompeten» zu benutzen, ist beim vorliegenden Inszenierungskonzept nachvollziehbar.
Nicht minder beeindruckend sicher bewältigen der Chor des Theaters St.Gallen und der Opernchor St.Gallen ihre Aufgaben. Die beiden von Filip Paluchowski einstudierten Ensembles überzeugen mit sattem, kompaktem Klang.
Amber R. Monroe, die in dieser Saison ihr Rollendebüt als Aida an der Washington National Opera feierte, gibt als Aida ein perfektes Europa-Debüt. Sie nennt einen kraftvollen, ausgesprochen farbenreichen, technisch tadellos geführten Sopran ihr eigen und überzeugt mit einer ergreifenden Bühnenpräsenz. Marcelo Puente gibt den Radamés mit guter Technik und die Kräfte klug einteilenden Tenor. Die Stimme rutscht aber immer wieder nach hinten, so dass der Klang leicht gaumig und die Diktion etwas unsauber wirkt. Vincenzo Neri überzeugt mit gleichermassen kernigem wie kraftvollem Bariton als Amonasro. Libby Sokolowski gibt die Amneris mit gut fokussiertem Mezzosopran, dem es in den entscheidenden Momenten ein klein bisschen an stimmlicher wie szenischer Überzeugungskraft gebricht. Ihr Mezzosopran entspricht nur bedingt dem Stimmtypus (hochdramatischer Mezzosopran), den Verdi, so Modestas Pitrenas im Interview im Programmheft, nach einer Azucena («Il trovatore») und einer Élisabeth («Don Carlos») vor Augen gehabt haben dürfte. Die beiden Bässe, Jonas Jud als König und Sultonbek Abdurakhimov als Ramfis mit gut geführten, klangschönen Stimmen und guter, von natürlicher Autorität geprägter Bühnenpräsenz. Die zuverlässigen Ensemblemitglieder Olivia Smith und Riccardo Botta ergänzen als Hohepriesterin und Bote das Ensemble der Gesangssolisten. Die Tänzer (Choreografie: Rachele Pedrocchi) Elenita Queiróz als Alte Amneris, Daria Gerig und Anaís Puyal als Junge Amneris sowie Sara Peña Cagigas, Sara Pennella und Steven Forster als Schatten der Amneris ergänzen das Ensemble.
Über jeder Inszenierung einer «Aida» schwebt die Frage, ob der Regisseur dem «Ägyptenbezug» des Werks Raum geben will oder nicht. Die Verortung im Alten Ägypten (als, wie es das Programmheft beschreibt, «unüberschaubare Klitterung von (pseudo)historischen Ereignissen mit einer fiktiven Liebesgeschichte») hat die Rezeption so nachhaltig geprägt wie bei nur ganz wenigen Werken der Opernliteratur. «Aida» könnte es, wenn es auch sehr schwierig ist, zulassen dem «Ägyptenbezug» aus dem Weg zu gehen. Ben Baur (Regie und Bühne) möchte eine «eher intimen Lesart» wählen und «auch in den monumentalen Szenen den Fokus auf die Figuren nicht […] verlieren». Auf Grund des in vielen Momenten der Partitur entsprechend anwesenden Chores gelingt das nur bedingt. Baurs Interesse ist es, die «grossen, oft statischen Tableaus aus der persönlichen Perspektive der Figuren heraus zu lesen». Mit seinem Team hat er «nach einer Atmosphäre gesucht, die dem opulenten musikalischen Duktus entspricht und zugleich Raum für die intimen Szenen lässt: Ein Palast, ein Gefängnis und eine Grabkammer gehen fliessend ineinander über». Die Atmosphäre, die Baur gefunden hat, lässt intime Szenen zu. Die Einheit von Palast, Gefängnis und Grabkammer funktioniert leider nicht, denn was wie ein «verkommener» Heizungskeller wirkt, ist zumindest als Palast nicht glaubwürdig, da der Raum schlicht nicht dem entspricht, was sich die (in welcher Hinsicht auch immer) Mächtigen als Palast wählen. Die wenig «ästhetischen» Kostüme von Uta Meenen tragen zu dieser Glaubwürdigkeit nicht bei. Die Idee, dass die Gefangenen von Amneris und ihrem Vater den Triumphzug mitfeiern müssen, ist an sich reizvoll, verliert in diesem dunklen Einheitsbühnenbild aber fast jede Wirkung. Eine Feier nicht mit Gleichgesinnten, sondern mit Gefangene und Geiseln ist so nicht glaubwürdig. Die Aufspaltung der Figur der Amneris, damit diese selbst beobachten und der Zuschauer an ihrer inneren Reise teilnehmen kann, überzeugt nicht. Die Fragen, «was mit einem Menschen geschieht, der Schuld auf sich lädt und später auf sein Leben zurückblicken muss» und «wie […] politische Entscheidungsträger mit sich selbst [umgehen] wenn sie später auf die vielen Menschenleben zurückblicken, für die sie Verantwortung getragen haben», können höchstens einer Nachbereitung des Opernabends dienen.
Musikalisch überzeugt diese «Aida».
Weitere Aufführungen:
26.06.2026, 20:00; 28.06.2026, 18:00; 30.06.2026, 20:00; 02.07.2026, 20:00; 04.07.2026, 20:00.
23.06.2026, Jan Krobot/Zürich

