Giuseppe Verdi: Aida • 21. St. Galler Festspiele • Theater St. Gallen • Vorstellung: 28.06.2026
(4. Vorstellung • Premiere am 19.06.2026)
Das Sinfonieorchester St.Gallen zeigt sich in bestechender Form
Amber R. Monroe in der Titelrolle triumphiert mit ihrer ungemein an Farben reichen Stimme und hervorragender Technik.

Foto © Xiomara Bender
Ben Baur (Regie und Bühne) möchte für seine Arbeit eine «eher intime Lesart» wählen und «auch in den monumentalen Szenen den Fokus auf die Figuren nicht […] verlieren». Baurs Interesse ist es, die «grossen, oft statischen Tableaus aus der persönlichen Perspektive der Figuren heraus zu lesen». Mit seinem Team hat er «nach einer Atmosphäre gesucht, die dem opulenten musikalischen Duktus entspricht und zugleich Raum für die intimen Szenen lässt: Ein Palast, ein Gefängnis und eine Grabkammer gehen fliessend ineinander über». Die Atmosphäre, die Baur gefunden hat, lässt (bei fast geschlossenem Vorhang) intime Szenen zu. Die Einheit von Palast, Gefängnis und Grabkammer aber funktioniert leider nicht, denn was wie ein abgetakelter Prunksaal (nein, nicht Ballsaal) wirkt, ist zumindest als Palast nicht glaubwürdig, da der Raum schlicht nicht dem entspricht, was sich die (in welcher Hinsicht auch immer) Mächtigen als Palast wählen. Die Aufspaltung der Figur der Amneris, damit diese sich selbst beobachten und der Zuschauer an ihrer inneren Reise teilnehmen kann, überzeugt nicht, da dies nicht so recht zum übrigen Konzept passen will. Die Kostüme von Uta Meenen wirken wenig glaubwürdig. Die Choreografie hat Rachele Pedrocchi besorgt.
Amber R. Monroe in der Titelrolle triumphiert erneut mit ihrer ungemein an Farben reichen Stimme und hervorragender Technik. Der Klang der Stimme ist wunderbar voll, die Stimme schlank und agil geführt. Ihre berührende Bühnenpräsenz findet ihren Höhepunkt in einer innig gestalteten Nil-Szene. Marcelo Puente gibt den Radamés mit kräftigem Tenor mit reichlich Vibrato und «Träne» in der Stimme. Stilistisch will seine Interpretation nicht so ganz überzeugen. Vincenzo Neri überzeugt als Amonasro mit kernigem, gut fokussiertem Bariton und bewundernswert langem Atem. Libby Sokolowski gibt die Amneris mit klar fokussiertem, vollem Mezzosopran. In wenigen, aber entscheidenden Momenten fehlt der Stimme das letzte Quentchen stimmlicher wie szenischer Überzeugungskraft. Sultonbek Abdurakhimov überzeugt als Ramfis klangschönem, charaktervollem Bass-Bariton. Jonas Jud ist ihm mit schlank geführtem, kernigem Bass als König ein ebenbürtiger Partner. Olivia Smith als Hohepriesterin und Riccardo Botta als Bote ergänzen das im Ganzen überzeugende Ensemble.
Modestas Pitrenas (Musikalische Leitung), der seine letzte Produktion als Chefdirigent von Konzert und Theater St.Gallen dirigiert, überzeugt mit stimmigen Tempi und Lautstärken, guter Koordination zwischen Bühne und Graben und passenden Spannungsbögen. Das Sinfonieorchester St.Gallen zeigt sich wieder in bestechender Form: Neben wunderbar satten Streichern beeindrucken vor allem die sicheren Blechbläser und der wunderbar homogene Klang des ganzen Kollektivs. Der Chor des Theaters St.Gallen und der Opernchor St.Gallen (Choreinstudierung: Filip Paluchowski) werden zu einem der heimlichen Protagonisten des Abends und sorgen, geraden bei den feierlichen Hymnen, immer wieder für jene Gänsehautmomente, die grosses Musiktheater ausmachen.
Musikalisch überzeugt diese «Aida».
Weitere Aufführungen: 30.06.2026, 20:00; 02.07.2026, 20:00; 04.07.2026, 20:00.
30.06.2026, Jan Krobot/Zürich

