Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte • Theater St.Gallen • Premiere: 02.05.2026
In Kooperation mit der Oper Graz
Spritziger Mozart in luftig-leichter Inszenierung
Selten geht die Zeit in einer «Così» so schnell vorüber, wie bei dieser luftig-leichten Inszenierung. Das Sinfonieorchester St. Gallen musiziert spritzig mit dunkel timbrierten Klang.

Foto © Edyta Dufaj
In der Inszenierung von Barbara-David Brüesch wohnen die beiden Paare, Dorabella und Ferrando und Fiordiligi und Guglielmo jeweils in einer Doppelhaushälfte, in einem Reihenhaus, wie es in jeder Agglomeration zu finden ist. Entsprechend spiegeln sich die Räume, sind aber nicht identisch: Wie sich die Einrichtung (Bühne: Alain Rappaport) unterscheidet, zeigt wie sorgfältig Brüesch gearbeitet hat. Im Schlafzimmer des Hauses Nummer 14, bei Dorabella und Ferrando, hängt ein Bild des Eifelturms, während bei Fiordiligi und Guglielmo eine Ansicht von (vermutlich) New York hängt. Auch sonst sind zahlreiche Details zu entdecken, die auf die Unterschiede der Charaktere verweisen. Um die Orientierung in der Handlung zu erleichtern, ist den jeweiligen «richtigen» Paaren in den Kostümen eine Erkennungsfarbe zugewiesen. Don Alfonso trägt einen dunklen Anzug, Despina eine Kittelschürze und modern interpretierte Kostüme für ihre jeweiligen Rollen (Kostüm: Sabin Fleck). Zur zeitgenössischen Atmosphäre trägt der anfänglich starke, dann aber nachlassende und nie übertriebene Gebrauch von Smartphones bei. Mit dieser «gebremsten Modernität» lässt sich vieles gut erklären: das Verhaftetsein in traditionellen Rollen, die Bedeutung des eigenen Häuschens (mit vielleicht späterer Familie) wie dann aber auch die Bereitschaft auf Don Alfonsos Experiment einzugehen und dann, wenn man beim Tausch das Gegenüber «sofort» erkannt, wie in einem Rollenspiel weiterzumachen. Es ist geradezu wohltuend, wie hier das Fragezeichen zum Gesellschaftsbild als Anregung zum Nachdenken gesetzt und dem Zuschauer nicht gleich um die Ohren gehauen wird. Solche Einladungen zum Nachdenken sind, auch wenn nicht jeder Zuschauer erreicht wird, weil ein Wollen vorausgesetzt ist, in der Summe weit wirkungsvoller als jeder krawallige, klamaukige, provozierende Zwang. Eine nette, aber nicht unbedingt neue Perspektiven schaffende Ergänzung ist die von Ann-Kathrin Adam mit beeindruckender Technik getanzte Figur des Amor (wenn sie nicht gerade dank der Technik über der Bühne schwebt). Brüeschs Konzept überzeugt mit seinen handwerklichen Qualitäten, der hervorragenden Charakterzeichnung und Personenführung und dem Blick aufs Wesentliche. Geradezu beglückend festzustellen ist, dass moderne, die «Geschlechterfrage» einbeziehende Produktionen ohne Krawall und Provokation möglich sind.
Pietro Rizzo, der für Yi-Chen Lin eingesprungene designierte Chefdirigent (ab der Saison 2026-2027) von Konzert und Theater St. Gallen, inspiriert das Sinfonieorchester St. Gallen zu einem prächtig satten, farbenreichen Mozartklang. Die Tempi sind gut gewählt und das Lautstärken-Management passt so. Rizzo scheint, so wie die Klangfarben gewichtet sind, eine Vorliebe für dunkle Streicher zu haben (oder die nach der Renovation hochmoderne Technik ist einmal mehr nicht ideal eingesetzt). Man darf gespannt sein, wie seine «Traviata» in Bregenz klingen wird. Der Chor des Theaters St. Gallen (Choreinstudierung: Filip Paluchowski), für einmal auch als Bühnenmannschaft gefordert, absolviert seinen Auftritt rundum zufriedenstellend.
Olivia Smith gibt die Fiordiligi mit rundem, vollem, perfekt geführtem Sopran und begeistert mit ihrer enormen Präsenz und feinen Charakterzeichnung. Jennifer Panara kann als Dorabella mit makelloser Technik und guten Höhen punkten. Brian Michael Moore gibt den Ferrando mit viel, vielleicht zu viel Energie, denn die Stimme steht permanent unter Druck. Mozart verlangt den Partien zweifelsohne viel Energie ab, die aber subtiler präsentiert werden sollte. Vincenzo Neri leiht dem Guglielmo seinen warm timbrierten, perfekt fokussierten Bariton. Die Krone des Abends gebührt dem herrlich listigen Don Alfonso von Jonas Jud. Sein herrlich kerniger Bass ist wunderbar wohlklingend, superb geführt. Mack Wolz glänzt in der Rolle der Despina.
Passend zur modernen Welt und der Bedeutung «sozialer Medien» bietet das Theater St. Gallen die Möglichkeit zum «Blind Date in der Oper» an: https://www.konzertundtheater.ch/blind-date/. Die erste Ausgabe brachte bei der Premiere 24 Paare zusammen.
Spritziger Mozart in luftig-leichter Inszenierung
Weitere Aufführungen: 11.05.2026, 13.05.2026, 17.05.2026, 22.05.2026 und 26.05.2026.
06.05.2026, Jan Krobot/Zürich

