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SRUTTGART/ Ballett: „MAYERLING“ – Ein unlösbares Dilemma  

17.07.2026 | Ballett/Performance

Stuttgart: 15.07.2026: „MAYERLING“ Ein unlösbares Dilemma  

Das in Deutschland sicher weniger als in Österreich bekannte Drama um den Tod von Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn hat Choreograph Kenneth MacMillan von Anfang an fasziniert und er hat daraus das von vielen als sein Meisterwerk angesehene Ballett geschaffen, benannt nach dem Ort des Geschehens, dem Jagdschloss „MAYERLING“. Die Handlung basiert auf der wahren Geschichte und den Personen rund um Rudolfs letze Lebensjahre, wobei es MacMillan nicht um die wahrheitsgetreue Wiedergabe der Ereignisse ging, sondern um die Erforschung der menschlichen Psyche, ihrer verborgenen Ecken und die Auswirkungen, die Wünsche, Schwächen und Ausweglosigkeit eines Individuums haben können. Wie eng sein eigenes Leben mit dieser Choreographie verbunden sein würde (er starb während des 3. Aktes einer Aufführung beim Royal Ballet) konnte MacMillan damals sicher nicht erahnen.

Das Ergebnis ist ein schier überwältigendes Ballett, das auch eine neue Art von Körperlichkeit hervorbrachte, die man eher aus dem modernen Tanz kennt und die niemanden unbeeindruckt lassen kann.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Schwäche, die aus Unsicherheit entsteht und Zerrissenheit, die auf einem Kampf und somit auf Kraft und Stärke beruht. Rudolfs Persönlichkeit war zweifellos von beiden geprägt, dennoch kann man sein Leben als eines im mehr oder weniger stillen Widerstand betrachten und somit als mehr von Stärke geprägtes. So hat er trotz seiner sensiblen Psyche, die durch die von militärischen Foltermethoden geprägte Erziehung von klein auf traumatisiert wurde, als Sechsjähriger dennoch die Kraft aufgebracht, in den Hungerstreik zu gehen. Das bewog seine Mutter, Kaiserin Elisabeth, zum Eingreifen. Dies führte zu einer liberaleren Erziehung und rettete ihm vermutlich damals das Leben. David Moore betonte in seiner Rolleninterpretation über große Teile den ersten Aspekt. Dies zeigte sich einerseits in seinem Gesichtsausdruck, aber auch in kleinen Gesten, wie den immer wieder vor dem Körper hängenden, ineinander verschränkten Händen.

Noch mit leichten technischen Unsicherheiten im ersten Solo bei seiner Hochzeit mit Prinzessin Stephanie von Belgien gelingt es Moore, sich von Akt zu Akt zu steigern, auch die Zerrissenheit Rudolfs zu zeigen, die Spannung weiter aufzubauen und bis zum Ende aufrecht zu erhalten – in einer Rolle, die jeden Solisten in jeder Hinsicht aufs Äußerste fordert und als die schwierigste männliche Hauptrolle im Ballett gilt. Vielleicht gerade deshalb überzeugt er im letzten Akt am meisten; dort verschmilzt vermutlich seine persönliche Erschöpfung am besten mit dem Zustand Rudolfs vor dem Doppelselbstmord.

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Verwandte Seelen, bereit, gemeinsam in den Tod zu gehen: David Moore als Kronprinz Rudolf und Anna Osadcenko als Mary Vetsera  ©: Stuttgarter Ballett      

Anna Osadcenko zeigt auch altersbedingt eine reifere Version von Rudolfs Geliebter, der Baronesse Mary Vetsera. Vermissen lässt sie dabei den bekanntlich ausgeprägten, leidenschaftlichen und verspielt-mutigen Aspekt ihrer Rolle. Stattdessen ist sie Rudolf eher eine liebevolle, fürsorgliche Stütze. So kann trotz technisch einwandfreier Pas de deux und den atemberaubender Hebefiguren zwischen den beiden kaum das Knistern entstehen, das glaubhaft vermittelt, warum sie bereit ist, mit Rudolf in den Tod zu gehen. 

Überzeugend in ihren Darstellungen sind Daiana Ruiz als Kaiserin Elisabeth, die mit sich ringt und dennoch weder mütterliche Liebe noch Verständnis für Rudolf zeigen kann, sowie Fernanda Lopes als Prinzessin Stephanie, die vor allem das Entsetzen und die Angst in der Hochzeitsnacht, als Rudolf sie mit einer Pistole und einem Totenkopf erschreckt, beeindruckend vermittelt.

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Fernanda Lopes als Kronprinzessin Stephanie und David Moore als Kronprinz Rudolf ©: Stuttgarter Ballett 

Abigail Willson-Heisel darf als Rudolfs Lieblingsmätresse Mizzi Caspar ihrer Rolle noch mehr Temperament verleihen, was Matteo Miccini als Rudolfs Leibfiaker Bratfisch hingegen hervorragend gelingt; dabei vermag er auch mit dem charakteristischen Wiener Schmäh zu unterhalten. Als Gegenpol kann man die Rolle von Rudolfs Vater, Kaiser Franz Josef I., sehen, der Roman Novitzky vom ersten mahnenden Blickwechsel mit Rudolf nach dessen Flirt mit Stephanies Schwester Louise (Vittoria Girelli), mit viel Bühnenpräsenz das nötige Gewicht verleiht.

Henrik Erikson leitet erneut die Gruppe der ungarischen Offiziere, neu dabei sind Christopher Kunzelmann, Adrian Oldenburger und Lassi Hirvonen, die allesamt immer wieder Rudolf in Bedrängnis bringen und versuchen, ihn für ihre Sache einzunehmen.

In der Rolle von Rudolfs ehemaligen Geliebten, Gräfin Larisch, vermochte es Veronika Verterich sowohl die Durchtriebene, die versucht, das Verhältnis wieder aufleben zu lassen, als auch die um Rudolfs Zustand ehrlich Besorgte, glänzend zu interpretieren.

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Vielfältige Verbindung: Veronika Verterich als Gräfin Larisch und David Moore als Kronprinz Rudolf. ©: Stuttgarter Ballett

Zur spannenden Atmosphäre trug auch die von John Lanchbery orchestrierte Musik von Franz Liszt bei und Gastdirigent Guillermo Garcia Calvo führte das Staatsorchester Stuttgart erneut mit dem richtigen Gefühl für die schwierigen Tempi und die dramatischen Szenen.

In den vielen kleineren Rollen neu dabei waren Magdalena Dziegielewska (Baronin Helene Vetsera, Marys Mutter), Sonia Santiago (Erzherzogin Sophie, Mutter des Kaisers), Martino Semenzato (Colonel „Bay“ Middleton, Liebhaber der Kaiserin), Anton Tcherny (Graf Hoyos, Rudolfs Freund) und Jamie Constance (Rollendebüt als Prinz Philipp von Coburg, Rudolfs Freund) um nur einige Mitglieder der großen Gesellschaft an der Wiener Hofburg zu erwähnen.

Alle tragen ebenso wie die Hauptrollen zur Gesamtwirkung des Ballettdramas „Mayerling“ bei und das gesamte Ensemble zeigte sich auch gegen Ende der Spielzeit noch in Hochform.

Ein intensiver Abend, der sicher länger nachwirkt und vom Publikum mit viel Applaus belohnt wurde.

Dana Marta

 

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