SPOLETO/FESTIVAL DEI DUE MONDI/ SAN SIMONE: PLATONOV von Anton Tschechov
am 29.6.2026

Foto: Festival Spoleto
Mit 20 Jahren schrieb Anton Tschechow eine vieraktige Komödie, die er in einem Brief an seinen Bruder „Ohne Väter“. Er gab eine Abschrift einer von ihm sehr verehrten Schauspielerin des Maly-Theaters zu lesen. Deren Urteil war vernichtend: er möge sich doch lieber einen anderen Beruf suchen.
Tschechow nahm sich diese dumme Primadonnenbemerkung so zu Herzen, dass er jahrelang nur noch Einakter schrieb. Erst später fand er den Mut, wieder ganze Stücke zu schreiben. Der Rest ist Theatergeschichte.
„Ohne Väter“ blieb jedoch zu seinen Lebzeiten in der Schublade, unveröffentlicht und unaufgeführt. Erst nach seinem Tod fand man das Manuskript und publizierte es unter dem Namen „Platonov“.
Platonov wird ganz selten gespielt, vor allem im Russland, und ab und zu auch im tschechowverliebten deutschsprachigen Raum (in Hamburg, München, Zürich und einmal sogar am Wiener Burgtheater).
Nun hat Tschechow-Spezialist Peter Stein, der dieses Stück seit langem schätzt (er hatte es zu Beginn der Direktion Föttinger dem Theater in der Josefstadt angeboten, es wurde aber abgelehnt) endlich inszenieren können – als italienische Erstaufführung beim Festival dei due Mondi in Spoleto.
Man kann dieses historische Ereignis nicht anders als eine sensationelle Wieder-Entdeckung und Wieder-Gutmachung bezeichnen. Denn was wurde über Platonov nicht schon alles geschimpft: typisch Jugendwerk, unausgegoren, zu viele Figuren, zu konfus, zu lang etc.etc.
Was für ein stumpfsinniges Vorurteil, was für ein hanebüchener Unsinn !
Platonov ist ein Meisterwerk, Platonov ist eines der besten Tschechow-Stücke, ich würde sogar sagen: sein bestes.
Es ist ein großes Gesellschaftspanorama mit den besten Dialogen, die der Meister je geschrieben hat, mit vielen Themen und Figuren, die dann auch in späteren Werken (Möwe, Kirschgarten etc.) vorkommen, hier aber von einer viel stringenteren dramaturgischen Klammer vom Anfang bis zum Ende zusammengehalten werden.
Peter Steins Inszenierung ist auch ein Meisterwerk, denn es ist ihm gelungen, das beste Ensemble, das ich je auf italienischen Bühnen gesehen habe, um sich zu versammeln.
Alessandro Averone ist Platonov, und er verfügt in nahezu schon gespenstischer Weise über eine scheinbar anstrengungslose Vielfalt an sprachlichen und körperlichen Ausdrucksmitteln, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.Er kann sogar künstlich schnarchen.
Magdalena Crippa eine immer noch attraktive und lüsterne Generalswitwe, Giulio Petushi ihr weinerlicher Riesenbaby-Sohn, Sergio Basile ein sich trotz eklatantem Judenhass durchsetzender und seine Würde bewahrender reicher Jude, Odette Piscitelli eine ihren Hallodri-Gatten aufopfernd liebende Ehefrau, Maria Chiara Centorami ist die verheiratete, wunderschöne Sofì, die sich Platonov unverständlicherweise an den Hals wirft und mit ihm durchbrennen will, was eine letztlich tödliche Spirale an Katastrophen auslöst, Alessandro Sampaoli ist ein animalischer Bandit und Dieb – Außenseiter, Emilia Scatigno vollbringt als zwischen Weinen und Lachen hin-und hergerissenes hässliches Entlein, das am Schluss auch noch dem Monster verfällt, eine unglaubliche Leistung…und und und…
Die epochale, tschechowsche Horizonte eröffnende Produktion ist ab Februar auch in Mailand, Rom, Palermo, Genova und Palermo zu sehen.
Und wenn die Wiener Festwochen noch ansatzweise ein Theaterfestival wären, dann auch in…
Robert Quitta, Spoleto

