Rosemary Standley und François Lazarevitch schiffen sich nach Norden ein

Kompakte Drehorgeln, historische Sackpfeifen und das raue Klirren einer Metallgitarre gehören eigentlich nicht zum üblichen Handwerkszeug, wenn französische Barockmusiker sich dem britischen Volksgut nähern. François Lazarevitch und seine Musiciens de Saint-Julien tun es trotzdem. Für ihre neueste Produktion bei Alpha Classics haben sie sich mit Rosemary Standley verstärkt – jener Sängerin der franko-amerikanischen Rockformation Moriarty, deren Stimme so unverwechselbar zwischen staubigem Chanson und erdigem Folk changiert. Gemeinsam spüren sie den alten Balladen Englands, Schottlands und Irlands nach: düsteren Geschichten von Mord, Eifersucht, feuriger Liebe und herben Enttäuschungen, die Francis James Child und Cecil Sharp einst aus dem mündlichen Gedächtnis des Volkes aufklaubten. Was dabei entsteht, ist weder historische Aufführungspraxis noch glatt polierte Weltmusik, sondern ein eigenwilliger Trip über die stürmischen Seegebiete des nordatlantischen Liedguts.
Schon beim Auftakt mit dem unvermeidlichen Klassiker Scarborough Fair wird klar, dass hier keine süßliche Barden-Romantik bedient wird. Die Gesangsstimme steht haarscharf am Ohr, intim, ohne Schnörkel und Allüren. Rosemary Standley nimmt den Hörer sofort gefangen, während die Instrumente um sie herum sanft atmen. Direkt danach wechselt das Ensemble die Szenerie und zündet in The Tailor and the Mouse ein ausgelassenes Folk-Feuerwerk. Es herrscht gelöste Kneipenstimmung, als hätte man sich nach drei Pints Dunkelbier spontan um den Stammtisch geschart. Gerade diese Mischung aus akademischer Stiltreue und hemmungsloser Spiellust bildet den eigentlichen Reiz der Aufnahme.
Das Repertoire schlägt waghalsige Haken. Auf den träumerisch-melancholischen Dreg Song von Archie Fisher folgt eine rasante schottische Instrumental-Suite, in der Strathspey und Reels aufeinanderprallen. Man spürt das Hochmoor förmlich unter den Sohlen. Die Musiker greifen dabei zu einer faszinierenden Instrumentenpalette – von der Viola da gamba über die Barockharfe bis zur seltenen Pandora. Dieses metallbesaitete Lauteninstrument aus dem 17. Jahrhundert entwickelt im Zusammenspiel mit dem schottischen Bodhrán eine erstaunlich moderne Dynamik, die streckenweise an das Picking amerikanischer Folk-Gitarristen erinnert. Die Grenzen zwischen den Epochen verschwimmen ohnehin ständig. Wenn Lazarevitch eine alte Barockmelodie anstimmt, schimmert darin oft schon jene Harmonik durch, die viel später Simon & Garfunkel oder Joni Mitchell berühmt machte.
Besonders stark geraten die Momente, in denen die Dramaturgie ins Morbide und Mystische kippt. Riddles Wisely Expounded beginnt mit dunklen, schweren Cello-Akkorden, die eine unheimliche Spannung aufbauen, ehe die Geschichte ihren Lauf nimmt. Das atemberaubend schöne The Three Ravens wird von einem mehrstimmigen Gesang getragen, der so rauchig und geheimnisvoll wirkt, als stünde man mitten im Nebel einer elisabethanischen Moorlandschaft.
Ein absoluter Höhepunkt ist das gälische Arbeitslied Gaol ise gaol i. Diese traditionelle Weise, die ursprünglich von Frauen beim Walken von Tweed-Stoffen gesungen wurde, entwickelt in der Fassung der Musiciens de Saint-Julien einen beinahe tranceartigen Sog. Der unerbittliche Tanzrhythmus treibt die Strophen voran, die Instrumente umkreisen den Gesang wie aufgeregte Seevögel, und die Dringlichkeit des Vortrags lässt keinen unberührt. Man spürt die körperliche Arbeit, den Schweiß und die Einsamkeit der Hebriden in jeder Note. In solchen Augenblicken wird aus historischer Archivware lebendige Gegenwart.
Nicht alle Experimente gelingen gleichermaßen nahtlos – was dem Album eher guttut als schadet. Die von Jazz-Saxophonist Vincent Lê Quang beigesteuerten Arrangements versuchen stellenweise, den Geist der 1960er und 1970er Jahre heraufzubeschwören. Während Scarborough Fair in diesem Gewand fein zu schweben vermag, wirkt der Ausflug in die amerikanischen Appalachen bei Every Night, When the Sun Goes In fast ein wenig zu kalkuliert auf Wildwest-Feeling gebürstet. Doch schon im nächsten Titel, dem herrlich abgeklärten Katie Cruel, fängt sich die Produktion wieder. Die Eleganz kehrt zurück, sobald die Flöten das Kommando übernehmen.
Die sechzig Minuten folgen einem klaren Atemrhythmus. Reine Instrumentalstücke wie die Turlough O’Carolan gewidmeten Carolan’s Welcome und Planxty Burke wirken wie kleine Oasen der Ruhe. Sie öffnen den Raum und lassen dem Hörer Zeit zum Durchatmen, bevor der nächste wilde Tanz losbricht. In Moving Cloud kommt die Traversflöte so nah an den Gehörgang heran, dass man den Anblasdruck des Musikers direkt auf der Haut spürt. Das ist handwerklich auf höchstem Niveau, ohne je steif oder akademisch zu wirken.
Gegen Ende erlaubt sich das Ensemble noch einen Ausflug in die populäre Klassik. Thomas Moores Evergreen The Last Rose of Summer erklingt in einer feinen, hochgradig lyrischen Gestaltung. Standley verzichtet glücklicherweise auf jedes falsche Pathos und führt die Melodie mit schlanker, schwebender Tongebung. Es ist eine liebevolle Verneigung vor den unzähligen Bearbeitungen, die dieses Lied seit dem 19. Jahrhundert erfahren hat – von der Opernbühne bis zu Nina Simone. Den würdigen Schlusspunkt setzt die schottische Ballade Henry Martin: ergreifend und genau richtig als letztes Wort.
Diese Veröffentlichung ist ein Glücksfall für Liebhaber alter Musik und anspruchsvollen Folks gleichermaßen. Lazarevitch und Standley haben sich das Material nicht nur angeeignet – sie haben es durchlüftet, geschüttelt und mit feiner Ironie und tiefem Respekt neu zusammengesetzt. Man legt diese CD ein und vergisst für eine Stunde die Welt da draußen. Genau das sollte gute Musik leisten.
Dirk Schauß, im September 2026
Songs from the North Country
Rosemary Standley, Gesang
Les Musiciens de Saint-Julien
François Lazarevitch, musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha1268

