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SOLOTHURN/ Stadtheater: Le Chalet Suisse • Theater Orchester Biel Solothurn • Stadttheater Solothurn • (4. Vorstellung )

30.09.2023 | Oper international

Le Chalet Suisse • Theater Orchester Biel Solothurn • Stadttheater Solothurn  • Vorstellung: 29.09.2023

(4. Vorstellung • Premiere am 15.09.2023)

Ein Wurf! Ein grossartiger Wurf!

Theater Orchester Biel Solothurn wird mit dem Doppelabend «Le Chalet Suisse» seinem Ruf als Hort anspruchsvollen Musiktheaters mehr als gerecht. Es dürfte kaum ein weiteres Theater geben, das mit so geringen Mitteln so hochkarätiges Theater bietet. «Le Chalet Suisse», «Le chalet» von Adolphe Adam und «Betly» von Gaëtano Donizetti, bietet einen höchst unterhaltsamen Ausflug in die Musik- und Theatergeschichte.

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Szene aus «Le chalet»; Foto © Konstantin Nazlamov

Basis beider Einakter ist Goethes Text zum Singspiel «Jery und Bätely». Der Text traf Den Nerv der Zeit, die Naturromantik und die aufgeklärte Idee der bevorzugt in der Schweiz angesiedelten Freiheit. Musterbeispiel dafür ist der Stoff des Wilhelm Tell, heute hauptsächlich in der Vertonung Rossinis bekannt, aber schon 1791 von André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813) auf die Bühne gebracht (und 2006 bei TOBS) zu erleben. Die «Verwertung» des Stoffs nahm nun ihren üblichen Lauf: Nachdem Erfolg mehrerer Vaudevilles mit diesem Sujet, teils schon aus dem Hause Scribe, Erfolg hatten, bot Scribe Adolphe Adam ein neu entstandenes Libretto zu Vertonung an. «Le Chalet» auf das Libretto von Augustin Eugène Scribe und Anne-Honoré-Joseph Duveyrier (Mélesville) erlebte seine erfolgreiche Uraufführung am 25. September 1834 in der Opéra comique in Paris. Vor allem in Italien war es schon seit Rossini und Bellini üblich, sich bei der Wahl neuer Sujets an der Kulturhauptstadt Paris und den dortigen Erfolgen zu orientieren. Es steht zu vermuten, dass Donizetti «Le chalet» bei einem Aufenthalt in Paris, wo er in dem Haus wohnte, in dem Adam lebte, kennengelernt hat. Das Libretto hat er sich dann gleich selbst übersetzt. Uraufgeführt wurde «Betly» am 24. August 1836 im Teatro Nuovo in Neapel. Eine Fassung in zwei Akten, die möglicherweise für Palermo gedacht war, wurde am 29. Oktober 1837 im Teatro Carolino in Neapel uraufgeführt.

Musikgeschichtlich interessant ist dieser Abend, weil sich anhand zweier nahezu identischer, im Abstand von nur 23 Monaten komponierter Libretti vergleichen lässt, wie einer der grossen französischen Komponisten (Adams Bedeutung reicht über «Giselle» und den «Le postillon de Lonjumeau» hinaus) und einer der Meister des Belcanto den Stoff bearbeiteten.

Die sechste Szene möge dazu dienen, die Natur- und Schweiz-Begeisterung der Zeit und formelle Unterschiede der französischen und italienischen Oper jener Zeit aufzuzeigen.

Auftrittsszene von Max:

«Le Chalet»:

Max.

Vallons de l’Helvétie,

Objet de notre amour,

Salut, terre chérie,

Où j’ai reçu le jour!

A l’étranger un pacte impie

Vendait et mon sang et ma foi;

Mais à présent , ô ma patrie,

Je pourrai donc mourir pour toi!

 

«Betly»:

Max.

Ti vedo ti bacio

Terreno natio,

Sorriso d’un Dio,

Mio solo pensier.

Qui torno alla gioia

Qui torno al piacer.

 

Elvezia se i tuoi figli

Spiegando le bandiere

Né bellici perigli

Volano a schiere a schiere.

Tutta la gloria a Elvezia

Tutta si deve a te.

 

Coro.

Esempio agli altri popoli

Tu sei d’onor dí fè.

Der Text von Scribe legt noch deutliches Gewicht auf die gesunde Natur («Ein Moment auf den grünen Feldern wird uns wieder Kraft geben»), wohingegen der Text in «Betly» schon deutlich martialischer tönt und den Hörer der Gegenwart, der auch das jüngere Repertoire kennt, gerade auch in seiner Vertonung sofort an den jungen Verdi und seine «patriotischen» Opern erinnert. Und ähnlich wie beim Tell gilt die Schweiz mit ihren Bergen als Hort von Freiheit, Treue und Ehre («Esempio agli altri popoli

Tu sei d’onor dí fè.»: «Anderen Völkern sei sie ein Beispiel an Ehre und Treue»).

In formaler Hinsicht zeigt der Vergleich ein Couplet bei Adam (die Mischung von Dialogen und im weitesten Sinne liedhaften Einschüben ist für die Opera comique als Gattung konstitutiv) und bei Donizetti ein klassisch aufgebaute «Scena» der italienischen Oper: Rezitativ – Cavatina («Ti vedo ti bacio») – Tempo di Mezzo (hier instrumental) – Cabaletta («Elvezia se i tuoi figli»).

Vergleicht man die Musik der beiden Werke als Ganzes, so fällt auf, dass «Le Chalet» von leichter, lockerer, tänzerischer, in manchem auch an Rossini erinnernder Musik geprägt ist. Donizettis «Betly» tönt etwas gesetzter und ist geprägt von süssen, fast an Bellinis «melodie lunghe lunghe» erinnernden Melodien abwechselnd mit Momenten, die an das Brio und den Schmiss des jungen Verdi erinnern.

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Szene aus «Betly»; Foto © Konstantin Nazlamov.

Andrea Bernard lässt sich für seine Inszenierung vom Stammbaum der Libretti, als des Basierens von «Betly» auf «Le Chalet» und von «Le Chalet» auf «Jery und Bätely» inspirieren. So erzählt er «Le Chalet» als Probe von «Betly» und «Betly» entsprechend als Aufführung des Geprobten. Damit zitiert er Donizettis «Le convenienze teatrali» und entwickelt es, wenn man so möchte, weiter. Der entscheidende Kniff ist, dass in «Le Chalet» ein Modell von Betlys Haus und entsprechende Figuren zu sehen sind und diese dann nach der Pause, wenn also «Betly» gespielt wird, zum Leben erwachen (Bühnenbild: Alberto Beltrame). Da ist Betlys Haus das Bühnenbild, in dem die umgeworfenen Figurinen (und das zerknüllte Theaterplakat) liegen: sie erheben sich und fragen, entsprechend zum Bühnenhimmel gerichtet den Regisseur, wie es weitergeht. Als keine Antwort kommt, nehmen sie das Spiel selbst in die Hand und entfernen erstmal das zerknüllte Plakat von der Bühne. Bernard zeichnet die Figuren gleichermassen akribisch wie liebenswürdig und stellt damit hohe Anforderungen an die schauspielerischen Fähigkeiten der Solisten und Kollektive. Besondere Aufmerksamkeit widmet er Betly, die in «Le Chalet» noch die zickige Diva ist, die alle möglichen (und unmöglichen) Forderungen stellt. Der Forderung nach einem Cheminée antwortet der Regisseur mit einer Schachtel Streichhölzer. Ihre Forderung nach einer weiteren Arie, sie sei ja schliesslich die Protagonistin, lässt Bernard Daniel beantworten: Nein, er sei der Protagonist und die Oper heisse ja nicht «Betly». Aber es kommt, wie es kommen muss: Der arme Regisseur, hier von Max dargestellt und der Statisterie TOBS unterstützt, muss so einiges erdulden. Die Diva erhält ihren Willen, die aufgeführte Oper heisst jetzt «Betly». Das Plakat mit dem falschen Titel hatte sie, während der Proben, in einem Wutanfall zerknüllt und ins Modell des Hauses geworfen. (das wird ja dann zu Beginn von «Betly» von der Bühne entfernt.) Die frischen, farbenfrohen Kostüme hat Elena Beccaro entworfen, Mario Bösemann das Licht gestaltet. Die Aufführung von «Betly» ist dann eher zurückhaltend inszeniert, denn hier, bei Belcantisten Donizetti, sehen die Solisten im Vordergrund.

Die Solisten werden ausserordentlich gefordert und leisten schlicht und einfach Ausserordentliches! Michele Govi, ein Urgestein des TOBS, glänzt als Max (vor allem als Regisseur in «Le Chalet») mit grandiosen pantomimischen Fähigkeiten und seinem wunderbar warmen, balsamisch fliessendem Bariton. Pierre-Antoine Chaumien mit seinem hellen, strahlenden, absolut höhensicheren Tenor kann als Daniele gleichermassen ideal die Leichtigkeit Adams und den Belcanto Donizettis umsetzen. Besonders zu erwähnen ist die hohe Musikalität des Sängers und die entsprechend geschmackvollen Verzierungen. Roxane Choux gibt die Betly mit genauso höhensicherem, wunderbar vollen Sopran und grosser Bühnenpräsenz. Ein für diese Produktion ideales Ensemble.

Der Chor TOBS (Chorleitung: Valentin Vassilev) ist mit grosser Spielfreude am Werk und geniesst seine Auftritte sichtlich.

Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn spielt unter Franco Trinca hochmotiviert und mit grosser Leidenschaft. Die Leichtigkeit Adams und die Italianità Donizettis werden perfekt umgesetzt.

Ein Wurf! Ein grossartiger Wurf!

Aufführungsdaten Biel:

So. 01.10.23, 15:00; Di. 03.10.23, 19:30; Mi. 01.11.23, 19:30; Di. 07.11.23, 19:30;

Do. 09.11.23, 19:30; Fr. 22.12.23, 19:30; So. 31.12.23, 19:00; So. 14.01.24, 17:00.

 

Aufführungsdaten Solothurn:

Do. 05.10.23, 19:30; Sa. 07.10.23, 19:00; Mi. 27.12.23, 19:30.

 

Auswärtige Vorstellungen:

Sa. 11.11.23, 19:30; Visp (La poste); Do. 18.01.24, 19:00; Theater Winterthur,

Sa. 20.01.24, 19:00; Theater Winterthur; So. 21.01.24, 14:30; Theater Winterthur,

Fr. 01.03.24, 20:00; Theater Casino Zug.

 

30.09.2023, Jan Krobot/Zürich

 

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