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SOFIA/ Nationaloper: „Madama Butterfly“ mit internationalen Gästen

15.03.2025 | Oper international

„Madama Butterfly“ mit internationalen Gästen an der Nationaloper Sofia, 14. März 2025

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Auftritt de Butterfly. Copyright by Sofia Opera and Ballett

Ein nervöses Fugato in den Streichern, ein Hauch von Fernost  – und dann, mit beinahe träger Nonchalance, die ersten Akkorde, in denen sich bereits das Schicksalvolle dieser Musik andeutete. So begann die Gala-Vorstellung von Puccinis „Madama Butterfly“ an der Nationaloper Sofia – eine Aufführung, die sich nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch als tief berührendes Gesamtkunstwerk entfaltete.

Plamen Kartaloffs klassische Inszenierung, von Julia Krasteva szenisch neu einstudiert, war in ihrer psychologischen Präzision und atmosphärischen Dichte ein eine überzeugende Interpretation an erzählerischer Klarheit. Kartaloff, Generaldirektor des Opernhauses in Sofia und Regisseur, der seit Jahrzehnten das Opernschaffen Bulgariens prägt, bewies hier einmal mehr, wie man eine scheinbar traditionelle Lesart mit subtilen, aber wirkungsvollen Details zu neuer Lebendigkeit erweckt. Sein Ansatz war es nicht, das Werk durch unorthodoxe Regieeinfälle zu dekonstruieren, sondern es aus sich selbst heraus sprechen zu lassen – mit intensiver Personenführung, emotionaler Wahrhaftigkeit und einer visuellen Ästhetik, die das Geschehen in kunstvolle Bilder goss. Es sind die logischen, aus der Partitur entwickelten Ideen, die sinnvoll wirken. Die Interaktionen wirkten schlüssig und die finalen Bildeindrücke gingen unter die Haut. Pinkerton stand paralysiert, ohne Emotion, vor der sterbenden Butterfly, während derer beider Kind sich mit einer kleinen Amerikafahne vom Haus seiner Mutter entfernte.

Szenisch war diese „Madama Butterfly“ eine Inszenierung von großer Eleganz. Lyubomir Yordanovs Bühnenbild zeigte atmosphärische Verdichtung: Ein traditionelles japanisches Holzhaus, dessen offene Wände ein Gefühl der Zerbrechlichkeit und Durchlässigkeit vermittelten; eine kleine Brücke über einem angedeuteten Wasserlauf, die wie eine Grenze zwischen zwei Welten wirkte. Das Lichtdesign von Emil Dinkov spielte subtil mit diesen Stimmungen: Im ersten Akt lag ein warmes Glühen über der Bühne, das im Laufe des Abends kälter wurde, bis zu Butterflys letzter Szene – ein visuelles Echo ihrer seelischen Reise.

Die Kostüme von Maria Trendafilova trugen wesentlich zur Charakterzeichnung bei. Butterfly erschien im ersten Akt in einem traditionellen, reich bestickten Kimono, während ihre Kleidung sich später zunehmend westlich wandelte – ein stilles Symbol ihrer inneren Wandlung, die mit dem tragischen Ende vollendet wurde.

Im Zentrum der Aufführung stand Kristine Opolais – eine Sopranistin, die diese Partie international bis an die MET führte. Ihr Cho-Cho-San war von der ersten Szene an mehr als eine bloße Verkörperung der Figur: Sie war eine lebendige Widerspiegelung all jener Illusionen und Hoffnungen, die mit zerstörerischer Kraft über sie hereinbrechen würden. Stimmlich bot sie einen durchgehend intensiven, fast kompromisslosen Zugriff. Doch genau hier lag eine Schwierigkeit: Ihre Stimme wirkte oft unter hohem Druck geführt, die Höhen kamen mit aufgerissener Tongebung und fehlender Flexibilität. Dadurch klang ihr Sopran in exponierten Passagen scharf, was insbesondere den lyrischen Momenten die notwendige Zartheit nahm. Ein süßes Pianissimo oder ein feines Mezza-Voce suchte man vergeblich – stattdessen dominierte ein durchgängiges Forte, das die Facetten der Partie nicht immer voll zur Geltung brachte.

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Kristine Opolais, Liparit Avetisyan .Copyright by Sofia Opera and Ballett

Auch darstellerisch fiel Opolais durch eine expressive, bisweilen überbordende Gestik auf. Ihre „Armchoreografie“ geriet oft zu ausladend, wodurch manche Szenen an psychologischer Subtilität verloren. Weniger wäre hier mehr gewesen – gerade in den stilleren Momenten hätte eine Reduktion der Bewegung die innere Zerrissenheit Butterflys noch stärker hervortreten lassen. Dennoch hatte ihr Spiel eindrucksvolle Momente: Anfangs schelmisch und kindlich im gestelzten Gang einer jungen Geisha, später mit einem zunehmend gebrochenen Körper, als hätte ihr Geist die Last der Realität nicht mehr tragen können.

Ihr Partner auf der Bühne, der armenische Tenor Liparit Avetisyan als Pinkerton, brachte mit seinem leuchtenden Tenor genau die Mischung aus verführerischem Charme und gedankenloser Skrupellosigkeit, die diese Figur verlangt. Er war eine ganz vorzügliche Besetzung. Sein „Dovunque al mondo“ hatte einen jungenhaften, übermütigen Glanz, während er in „Bimba, Bimba, non piangere“ mit verführerischer Wärme sang. Seine Stimme funkelte in den Höhen, besaß aber auch die notwendige Tiefe für die dramatischeren Momente. Dass Pinkerton in Kartaloffs Inszenierung nicht als reiner Schurke, sondern als ein Mann gezeichnet wurde, der nicht begreift, was er anrichtet, verlieh seiner Figur eine zusätzliche Tragik. Berühren konnte er mit seinem voller Schmelz vorgetragenem „Addio, fiorito asil“.

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Copyright by Sofia Opera and Ballett

Doch es waren nicht nur die Hauptrollen, die diesen Abend so besonders machten. Kiril Manolov als Sharpless war eine Klasse für sich – sein voller, nobler Bariton durchdrungen von einer stillen Verzweiflung, die sich immer wieder in fein nuancierten Linien ausdrückte. In der Szene, in der er Butterfly Pinkertons Brief überreichen muss, war seine innere Zerrissenheit schmerzlich zu spüren: Seine Stimme schwankte zwischen einer tröstlichen Wärme und einer Bitterkeit, die kaum verhohlen blieb. Darstellerisch wirkte er in seinen authentischen Reaktionen jederzeit wissend und zunehmend belastet. Ein fabelhafter Künstler.

Vesela Yaneva als Suzuki war mit ihrem dunkel leuchtenden Alt eine emotionale Stütze für die ganze Aufführung. Ihr Gesang war von einer tief empfundenen Innigkeit, die im Raum nachzitterte wie ein fernes Echo. In der letzten Szene, als sie erkennt, dass es für Butterfly keine Rettung gibt, verdichtete sich ihr Gesang zu einem leisen, verzweifelten Flehen – ein Moment, in dem ihre stimmliche Tiefe die Tragik der Situation noch verstärkte.

Nicht unerwähnt bleiben darf Angel Antonov als Goro, der Heiratsvermittler, dessen geschmeidiger, hintergründig schlangenhaft anmutender Tenor jede Nuance seiner gerissenen Geschäftstüchtigkeit offenlegte. Mit scheinbar beiläufiger Eleganz durchwanderte er das Bühnenbild, stets als unheilvolle, doch nie übertrieben karikierte Figur präsent. Seine feinen Wortakzente werteten den Charakter deutlich auf. Eine feine Besetzung. Stefan Vladimirov als Bonzo verkörperte mit autoritärer Wucht das traditionelle Wertesystem Japans. Tsveta Sarambelieva zeigte deutlich ihre Unsicherheit als Kate Pinkerton, zage Annäherungsversuche an Cho-Cho-San führten zu keinem Ziel. Eine Luxusbesetzung war der Yamadori in der Gestalt von Emil Pavlov mit feiner Stimme. Angel Hristov vervollständigte die Besetzung mit sonorem Bass als kaiserlicher Kommissar.

Das Sofioter Opernorchester unter Boian Videnoff bewies an diesem Abend große Souveränität. Videnoff dirigierte mit einem feinen Gespür für die lyrischen Bögen der Partitur, wobei sein Ansatz eher sinfonisch war – nicht von schroffen Kontrasten geprägt, sondern von einer durchgehenden Klangschönheit. Besonders auffällig war seine Sorgfalt in der dynamischen Gestaltung: Die Streicher erhielten Raum zum Atmen, ohne an Spannung zu verlieren, und die Holzbläser glänzten mit subtilen Farbnuancen. Auch die Übergänge waren fließend modelliert – etwa im Wechselspiel zwischen Orchestervorspiel und dem ersten Auftritt Butterflys, das mit geschmeidiger Agogik eine unaufdringliche Spannung aufbaute. Allerdings hätte man sich in manchen dramatischen Passagen noch etwas mehr Biss gewünscht. Die musikalische Wucht des Finales wurde nicht vollends ausgespielt – hier hätte eine stärkere Zuspitzung, eine noch rigorosere Zuspannung der Tempi den tragischen Höhepunkt noch nachdrücklicher unterstrichen. Dennoch zeigte Videnoff eine beachtliche Balance zwischen klanglicher Schönheit und dramatischer Erzählkraft. Der Chor in der Einstudierung von Violeta Dimitrova war darstellerisch engagiert und klanglich gut abgestimmt zu erleben.

Das Publikum reagierte mit begeistertem Applaus. Nach dem Finale, in dem sich Opolais mit gebrochener Stimme und beinahe erstarrtem Körper dem Schicksal ergab, brandeten Ovationen los, die lange anhielten und besonders Opolais, Avetisyan und Manolov galten.

Plamen Kartaloff bewies mit seiner Inszenierung einmal mehr, wie eine klassische Deutung durch durchdachte psychologische Nuancen überzeugt. Kristine Opolais überzeugte als Butterfly, Liparit Avetisyan begeisterte besonders mit seinem leuchtenden Tenor, und Kiril Manolov sowie Vesela Yaneva verliehen ihren Figuren eine emotionale Intensität, die das Drama umso eindringlicher machte.

Ein Abend, der nicht nur beeindruckte, sondern nachhallte – wie der ferne Klang eines japanischen Koto, der in der Dunkelheit verklingt.

Dirk Schauß, 16. März 2025

Giacomos Puccinis „Madama Butterfly“ an der Nationaloper Sofia am 14. März 2025

 

 

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