Archaische Wucht und seelisches Psychogramm: Verdis „Macbeth“ an der Nationaloper Sofia

Copyright by Svetoslav Nikolov
Die Nationaloper Sofia pflegt eine Premierenkultur, die im internationalen Vergleich ihresgleichen sucht. Anstatt eine Neuproduktion über Monate im Repertoire zu verteilen, präsentiert das Haus seine Lesarten in konzentrierter Blockform. Für den Rezensenten bietet dies die seltene Gelegenheit, innerhalb weniger Tage drei nahezu komplett unterschiedliche Besetzungen zu erleben. Dass Sofia dabei fast ausschließlich auf das eigene Ensemble zurückgreifen kann, unterstreicht das enorme künstlerische Potenzial und die Tiefe dieses Hauses.
Die visuelle Architektur des Unbewussten
Regisseurin Vera Petrova entwirft eine Inszenierung, die sich eng an Verdis Partitur anlehnt und dennoch eine eigenständige, mystische Ästhetik entwickelt. Im Zentrum steht die Symbiose aus Shakespeares dunklem Sarkasmus und Verdis leidenschaftlicher Tonsprache. Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Maria Koleva erschuf Petrova einen Raum, der das Reale mit dem Metaphysischen verzahnt. Dominierend sind schwere, architektonische Bögen – typisch gotische Elemente, die man aus klassischen Historienfilmen Hollywoods oder modernen Epen wie Game of Thrones kennt. Diese Bögen wirken wie monumentale Fragmente einer vergangenen Ära, ohne museal zu wirken.
Dieses steinerne Dekor kontrastiert wirkungsvoll mit unebenen, felsigen Terrains, die als Domizil der übernatürlichen Mächte fungieren. In der Farbdramaturgie setzen die packenden Kostüme in Schwarz und Rot klare Akzente von Macht und Blut. Ein zentrales Element ist der steinerne Königsthron, der durch Rotation zur Grabstätte mutiert – ein starkes Sinnbild für die Vergänglichkeit erschlichener Macht. Besonders eindringlich geriet die Bankettszene: Ein überlanger Steintisch dominiert die Bühne, dessen Form unweigerlich an einen monumentalen Sarg erinnert. Petrova überzeugt mit einer klugen, aus dem musikalischen Kontext abgeleiteten Personenführung. Sehenswert!

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Drei Wege zur Titelpartie: Ein psychologisches Panorama
Sängerisch boten die drei Abende eine faszinierende Vergleichsstudie der Titelpartie:
- Ventseslav Anastasov (25.02.): Er präsentierte einen klassischen Verdi-Bariton par excellence. Mit sehr ausgewogenem Agieren und feinem Legato zeichnete er Macbeth als noble, wenn auch fehlgeleitete Figur. Seine Interpretation bestach durch klangliche Schönheit und souveräne Beherrschung der Gesangslinie, die den inneren Adel des gestürzten Helden betonte.
- Biser Georgiev (26.02.): Georgiev wählte einen völlig anderen Ansatz. Macbeth ist bei ihm ein Getriebener ohne inneres Zentrum. Mit herrlich dunklem, bassbaritonalem Timbre und unruhiger, fahriger Körpersprache gab er den Macbeth als einen von Paranoia und Unsicherheit Gejagten. Die Intensität seiner Darstellung war greifbar; kleine Unpässlichkeiten in der Stimmgebung am Premierenabend integrierte er geschickt als Ausdrucksmomente, was die psychische Brüchigkeit der Figur noch unterstrich.
- Plamen Dimitrov (28.02.): Dimitrov war der physisch präsenteste Darsteller der drei. Er gestaltete die vielschichtige Rolle mit beeindruckender Souveränität und suggestiver Körpersprache, die den Raum füllte. Auch wenn die Vokale in den dramatischen Ausbrüchen nicht immer letzte Klarheit aufwiesen, überzeugte er durch packende darstellerische Wucht und stimmliche Ausdauer.
Die Lady: Triebfeder und tragische Figur
In Petrovas Lesart ist Lady Macbeth der eigentliche Motor der Handlung, getrieben von einem tiefen Schmerz über ihre Kinderlosigkeit – ein psychologischer Subtext, der ihrem Machthunger eine tragische Note verleiht.
- Alessandra di Giorgio (25.02.): Als ehemalige Mezzosopranistin verfügt sie über eine besonders substanzreiche Mittellage, die der Figur ein dunkles Fundament gab. Sie meisterte die mörderische Partie mit Verve; dass ihr Ton dabei nicht immer auf reinen Schönklang ausgelegt war, erwies sich als absolut rollenkonform und verlieh ihrer Lady eine herbe, gefährliche Aura.
- Gabriela Georgieva (26.02.): Die große Sängerdarstellerin bewies erneut ihre Ausnahmestellung. Mit einer dramatischen Stimme, die mühelos und mit faszinierender Leichtigkeit über die großen Ensembles strahlte, war sie das vokale Zentrum des Abends. Ihre kluge Artikulation und feine Phrasierung machten ihren Auftritt zu einer Lehrstunde in Sachen Verdi-Gesang.
- Radostina Nikolaeva (28.02.): Nikolaeva sang schlicht in einer eigenen Klasse. Mit warmem, fraulichem Timbre verlieh sie der Lady eine verführerische Komponente, die manipulativ-mütterlich wirkte. Ihre hochgradig nuancierte Darstellung zeigte eine Frau, die ebenso verführerisch wie zerstörerisch agiert – eine herausragende Leistung.

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Fundament und Flanken: Die Ensembleleistung
Das hohe Niveau setzte sich bis in die kleinsten Partien fort. Der Macduff fand in Emil Pavlov (25.02.) einen passionierten Interpreten mit edler Stimmführung und echtem Schmelz, während Daniel Damyanov (26./28.02.) mit starkem Tenor begeisterte. Den Malcolm profilierte Hrisimir Damyanov (25./26.02.) mit bemerkenswert geschärftem Rollenprofil.
Als Banco bildete der machtvolle Bass von Petar Buchkov (26./28.02.) einen felsenfesten Anker der Produktion; seine Bühnenautorität war in jedem Moment spürbar. Svetozar Rangelov (25.02.) gestaltete die Rolle hingegen zurückhaltender mit charaktervollen Nuancen. In den Nebenrollen setzten Anton Andreev als verschlagener Mörder sowie Ivanka Ninova (fein leuchtend) und Daniela Panchevska (stimmsicher) als Anstandsdamen wichtige Akzente. Die Rolle des Arztes wurde sonor von Angel Hristov und mit spürbar menschlicher Note von Nikolay Petrov ausgefüllt.
Magie des Grabens und des Chors
Besondere Erwähnung verdient das hervorragende Ballett unter der Choreografie von Riolina Topalova, das die metaphysische Ebene der Hexenwelt tänzerisch sensibel übersetzte. Angeführt vom ausdrucksstarken „Wächter der Träume“ (Alexander Alexandrov), wurden die Hexen zu einer omnipräsenten Bedrohung.
Der Chor unter Violeta Dimitrova lieferte eine fabelhafte Leistung ab, ergänzt durch den engagierten Sofia Boys‘ Choir in der Szene der Königserscheinungen, die mit ihren Kristallmasken als vereiste Gestalten einen optischen Höhepunkt bildeten. Dirigent Alessandro d’Agostini führte das klangschöne Orchester mit viel Brio und Passion durch die Partitur und bewies eine exzellente Einstudierung, die den Sängern stets den nötigen Raum zur Entfaltung ließ.
Am Ende standen riesige Begeisterung und anhaltender Applaus im Saal – ein verdienter Triumph für ein Haus, das mit solcher Hingabe, solchem Ensemble-Tiefe und solch kluger Regiearbeit zeigt, warum es zu den spannendsten Opernbühnen Osteuropas zählt. Diese „Macbeth“-Produktion ist nicht nur ein Ereignis für Sofia, sondern ein Beweis, dass große Oper auch abseits der Metropolen in hoher künstlerischer Qualität möglich ist.
Dirk Schauß, 02. März 2026
Giuseppe Verdis „Macbeth“ an der Nationaloper Sofia, Vorstellungen am 25.02., 26.02. und 28.02.2026

