SOFIA/III. Wagner-Festival: TANNHÄUSER – WA am 14. Juni 2026
Eine gute Wiederaufnahme

Pressefoto: Setoslav Nikolov
Diese vorerst letzte Neuinszenierung der Sofia Opera aus dem Vorjahr, die romantische Oper „Tannhäuser“ wurde hier schon eingehend besprochen. Deshalb soll nur noch auf die Sänger, das Orchester und das wichtigste der Inszenierung eingegangen werden. Wie schon im Premierenjahr wurde auch die Wiederaufnahme vor allem durch die Leistung der bulgarischen Sänger beeindruckend. Martin Iliev, hier seit langem bewährt als Siegmund, Siegfried und Tristan, war in der Emotionalität der Darstellung des Titelrolle wieder äußerst beeindruckend und emotional mitreißend. Er konnte dies durchaus mit tenoralen Qualitäten belegen, wobei die Gebrochenheit der Figur eindrucksvoll zum Ausdruck kam. Dabei war ihm gelegentlich anzumerken, dass er dieses Jahr mit dem Siegmund, beiden Siegfrieden und nun noch dem Tannhäuser recht viel an Heldentenören zu singen hatte…
Statt der Bandalovska war diesmal Eleonora Dzhodzhoska-Mladenova, Ehefrau des begnadeten Atanas Mladenov, die Elisabeth. Sie ging die Partie mit einer beherzten „Teuren Halle“ engagiert und sehr musikalisch an und steht sicher am Anfang einer guten Sängerkarriere, die jetzt schon vielversprechende Ansätze zeigt. Auch darstellerisch überzeugte sie mit hoher Emotionalität.

Pressefoto: Setoslav Nikolov
Gabriela Georgieva sang die Venus wieder mit hoher dramatischer Intensität, szenisch in der hier gespielten Zweiten Dresdner Fassung etwas zurückhaltend. Petar Buchkov war ein würdiger Landgraf Hermann mit profundem Bass. Atanas Mladenov sang wie immer schönstimmig und emotional einnehmend einen sofort unter allen Rittern auffallenden Wolfram. Emil Pavlov gab einen guten Walther von der Vogelweide und Stefan Vladimirov einen grimmigen Biterolf. Krassimir Dinev, der Mime des „Ring“, war diesmal Heinrich der Schreiber und Angel Hristov Reinmar von Zweter. Maria Pavlova, der entzückende Waldvogel aus „Siegfried“, sang einen lyrischen Jungen Hirten.
Regisseur Kartaloff sieht den „Tannhäuser“ als ein Drama unserer Tage, nicht nur als Parabel über Sünde und Vergebung. Für ihn ist Tannhäuser ein Mann, der in einer von Extremen zerrissenen Welt nach Ernsthaftigkeit und Freiheit sucht. Das geht im Finale and insbesondere nach der Romerzählung von Martin Iliev nachvollziehbar auf. Der Venusberg zeigt die Welt als ein rituelles Theater der Lust und Begierde. Man sieht pantomimenartige Darstellungen und Andeutungen von mythologischen und symbolischen Figuren. Das ist durchaus beeindruckend, zumal wenn Venus und Tannhäuser auf einem von Zentauren gezogenen Wagen hereinfahren. In Purpurrot verhüllt, dient er dann zu ihrem langen Duett. Weiterhin kaum überzeugend sind die im Hintergrund in rosa Licht aufgeblasenen Plastikblasen, die den Venusberg andeuten sollen und bei Tannhäusers Ruf nach Maria in sich zusammensacken. Die Kostüme von Hristiyana Mihaleva passten gut zur allgemeinen Ästhetik.

Pressefoto: Setoslav Nikolov
Das Bühnenbild von Sven Jonke setzt im 1. und 3. Akt zu stark auf beige Tuchbahnen, die an Seilen zu Spitzen willkürlich hochgezogen werden. Das Bühnenbild des 2. Akts besticht hingegen durch eine sehr gute szenische Zuspitzung auf den Sängerkrieg, der hier wirklich einer ist, äußerst dramatisch in seiner Entwicklung. Ein metallisch glänzender Rundhorizont geht eine gute Symbiose mit einem bühnenbreiten, kreisrunden und hell erleuchteten Plafonds ein, der die (vermeintliche) Ordnung und mentale Abgeschlossenheit der Wartburg-Gesellschaft markiert.
Der Chor der Sofia Oper unter Leitung von Violeta Dimitrova erscheint kostümmäßig völlig neutralisiert, wie unmenschlich, mit Masken im dogmatisch konservativen Wartburg-Einheitslook. Elisabeth steht schon von Beginn an sichtbar im Gegensatz zur Wartburg-Gesellschaft. Erst als es ernst wird, fallen die Masken aller, und die Realität bricht hervor. Das war in der Tat ein starker szenischer Griff Kartaloffs! Weniger überzeugend war eine längere musiklose Pause gleich nach der Ouvertüre, um einigen Damen in purpurnen Togen beim Herumtragen von kleinen Harfen zuzusehen, sowie eine viel zu lange Umbaupause bei der Verwandlung des Venusbergs in die grünen Auen um die Wartburg. Im ersten Fall wird in der Regel unmittelbar mit dem Dirigat fortgesetzt, auch um den Schwung aus der Ouvertüre in die Handlung mitzunehmen. Es gibt auch keinen Applaus für die Ouvertüre! Im zweiten Fall ist es gerade die Schnelligkeit des Bühnenbildwechsels, die den Gesinnungsumschwung Tannhäusers dokumentieren soll und sollte. Der Ruf „Mein Heil! Mein Heil ruht in Maria!“ stößt ihn unmittelbar in eine andere Welt. Bei Wagner steht dazu folgende Regieanweisung: Venus sinkt mit einem Schrei zusammen und verschwindet. Mit Blitzesschnelle verwandelt sich die Bühne.

Pressefoto: Setoslav Nikolov
Constantin Trinks gelang mit dem Orchester der Sofia Opera wieder eine sehr detailliert aufgefächerte Ouverture, die viel profunder wirkte als im Premierenjahr. Er verstand über den ganzen Abend die einzelnen Gruppen transparent und differenziert zu führen sowie Höhepunkte, auch der Chorsänger, wirkungsvoll und dynamisch herauszuarbeiten. Dieser „Tannhäuser“ war nicht nur stimmlich, sondern auch musikalisch wieder ein großer Erfolg für die Sofia Oper, die nun 90 Prozent des Bayreuther Kanons im Köcher hat! Und 2028 sind die „Meistersinger von Nürnberg“ geplant, womit dann der ganze Bayreuther Kanon ständig zur Verfrühung stünde!
Klaus Billand

