Sofia/III. Wagner-Festival: „SIEGFRIED“ u. „GÖTTERDÄMMERUNG“ – 29./31.5.2026
Ein Wagner zur Ehre gereichender „Ring“!

„Siegfried“.. Fotograf: Setoslav Nikolov
Der „Siegfried“, in der 2. Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ in nur 10 (!!) Jahren durch Plamen Kartaloff, den Generaldirektor der Sofia National Opera, ist an dieser Stelle schon nach der Premiere 2023 besprochen worden. Die Inszenierung ist also bekannt, sie unterscheidet sich im Regiekonzept fundamental von der ersten aus dem Jahre 2013. Kartaloff entwickelte sie im Bühnenbild von Hans Kudlich aus seinem sog. Scoreboard heraus, also aus dem Notenblatt. Damit vollziehen sich die Aktionen auf der Bühne in einer nahezu wundersamen Harmonie mit der Musik Richard Wagners. Hinzu kommt eine wunderschöne Beleuchtungsregie von Andrej Hajdinjak, die manchmal an Malereien von Marc Chagall erinnert. Immer wieder sieht man fast mystisch aufeinander abgestimmte Farbvariationen von Rot und Blau.
Das Bühnenbild konzentriert sich auf die drei Triskel, nordische Symbolfiguren, in denen sich Schicksale ereignen. Sie werden immer wieder situationsgerecht in Szene gesetzt, um die Problematik und Schicksale einzelner Akteure zu zeigen. Es ist hervorragend durchdacht, die Personenregie kommt damit praktisch von allein im Bild. Die Sänger kennen das Stück auch hervorragend, praktisch alle Sängerdarsteller, die meisten Bulgaren und sehr viele in die Schule von Professor Richard Trimborn gegangen. Das sieht und hört man sofort.

„Siegfried“.. Fotograf: Setoslav Nikolov
Christian Cser aus Ungarn ist jetzt schon im dritten Jahr der Wanderer. Sehr souverän, sehr ruhig in seiner ganzen Projektion, und sehr stimmschön. Alberich war wieder Plamen Dimitrov, etwas rustikal, aber das passt zu der Rolle. Kartaloff lässt ihn immer wieder auftreten, wenn er nicht singen muss, um zu kontrollieren, was gerade passiert. Martin Iliev singt hier nun schon seit 11 Jahren den Siegfried, also von Beginn an, aber eher den „Götterdämmerung“- Siegfried. Seine Stimme ist natürlich ein bisschen in die Jahre gekommen. Er deklamiert schon mehr als nötig wäre, aber hat immer noch diesen besonderen Aplomb in der Stimme mit guten Spitzentönen. So hat er auch diese den Siegfried zufriedenstellend geschafft, obwohl das früher schon besser gelang. Iliev ist wohl eher ein Siegmund und ein „Götterdämmerung“-Siegfried, musste diesmal aber alle drei machen. Kassimir Dinev gab als Mime wieder ein Gusto-Stück an unterprivilegierter Zwergenkunst. Wenn er mit dem Wanderer und dessen Weltkugel als Ball symbolisch um die Weltherrschaft kämpft und spielt, hatte das schon etwas, auch witzige Aspekte.

„Siegfried“.. Fotograf: Setoslav Nikolov
Radostina Nikolaeva war wieder die Brünnhilde. Ihr liegt die hohe Tessitura der „Siegfried“-Brünhilde besonders gut. Eine exzellente Leistung! Vesela Yaneva sang die Erda in einem prachtvoll-mythischen beigen Kostüm (Hristiana Michaleva-Zorbalieva) wunderschön und eindringlich. Sie lieferte mit Cser einen der Höhepunkte des Abends. Maria Pavlova als entzückender Waldvogel, der im Hintergrund mit einem gefiederten orangenfarbigem Kostüm am Trampolin hängend flatternd über der Bühne schwebte, brachte viel Poesie in den 2. Aufzug mit Siegfried. Petar Buckkov war ein perfekt verstärkter Fafner und blieb auch Drache…
Die „Götterdämmerung“: Als Dirigent Constantin Trinks am Ende auf die Bühne kam, sprangen alle im fast vollbesetzten Haus auf und zollten ihm und dem Ensemble außergewöhnlichen Beifall. Es war ein Finale, was man selten so sieht, so nah an Richard Wagner und trotzdem so phantasievoll dramatisiert und durch die phänomenale Lichtregie von Andrej Hajdinjak ins Bild gesetzt. Es war ein ganz großer Moment mit einem schlichten Lichtstrahl ganz am Schluss als Zeichen der Hoffnung! Aber es gab viele Momente, die großartig waren. Im 1. Aufzug erscheinen im Moment der großen Waldraute-Erzählung von Walhall sechs Walküren auf ihren roten Feuerpferden, und die ganze Götterfamilie auf der anderen Seite. Man merkte den nahenden Untergang! Diese stummen Zeugen aus den Vorabenden der Tetralogie waren etwas ganz Besonderes, eine blendende Idee von Plamen Kartaloff.

„Götterdämmerung. Fotograf: Setoslav Nikolov
Es ist eine Inszenierung, die durchaus auch mit modernen technischen Lösungen arbeitet, mit Technologie, die heute verfügbar ist, vor allem mit Multimedia Design. Die Art und Weise, wie die Bühnenbilder beleuchtet werden und die drei Triskels aus der nordische Mythologie dramaturgisch eingesetzt werden, war zeitweise bestechend. Der Chor ist in zwei Triskeln platziert und im dritten findet die Haupt-Handlung statt, die Auseinandersetzung. Das ist immer so intelligent aufgebaut, dass man gar keine Beschreibung braucht. Man kann alles sofort aus dem Bühnenbild erkennen. Selbst ein Nichtkenner der Tetralogie hat hier die Freude, dieses Werk recht authentisch vorgeführt zu bekommen.
Sängerisch war es auch weitgehend wieder sehr gut. Martin Iliev fühlt sich mit dem „Götterdämmerung“-Siegfried viel besser. Er ist so etwas wie der depressive gefallene Held, der deswegen auch als Tristan und als Siegmund reüssiert. Bis auf ein paar Höhen am Ende der Waldvogel Erzählungen sang er mit vollem Engagement und Emphase, sodass die „Götterdämmerung“ vor allem von Iliev und dem Hagen von Petar Buchkov lebte. Man könnte sagen, bei Iliev springt ein Funke über! Die Authentizität mit seinem heldentenoralen Material ist immer noch eindrucksvoll.
Brünnhilde war auch diesmal Wiener Radostina Nikolaeva, weil die „Götterdämmerung“-Brünnhilde vom Dienst, Iordanka Derilova aus Dessau wegen einer Aufführung dort nicht abkömmlich war. Nikolaeva war gut, aber ihr liegt die „Siegfried“-Brünnhilde sehr viel besser wegen ihrer höheren Tessitura. Bei der „Götterdämmerung“-Brünnhilde geht es doch sehr weit hinunter. Da hat Nikolaeva im tieferen Register ihre Shortcomings, obwohl sie das zu großen Teilen durch sehr gute darstellerische Leistungen teilweise ausgleichen konnte, auch wenn die Diktion zu wünschen übrig ließ. Atanas Mladenov sang wieder einen hervorragenden Gunther. Er müsste längst an großen Häusern in Westeuropa singen, schönes samtenes Timbre, guter Ausdruck, gute Gestaltung – viel mehr ist nicht möglich. Alma Lisa Bandalovska, die ja Sieglinde war, passt perfekt zu Mladenov und schafft auch die problematischen Stellen der Gutrune leicht.

„Götterdämmerung. Fotograf: Setoslav Nikolov
Alberich war wieder Plamen Dimitrov. Er kreuzt immer wieder auf, obwohl er im Grunde nur eine kurze Szene im 1. Aufzug hat. Eigentlich hätte er dann am Schluss noch einmal auftreten müssen, wie einst Günther von Kannen in der Regie von Harry Kupfer bei den Bayreuther Festspielen als Überlebender des Bösen. Das ist hier unterblieben, wäre bei diesem Alberich-Konzept aber ganz passend. Gesungen hat Dimitrov mit dem hervorragenden Hagen von Peter Buchkov die schlafwandlerische Szene zu Beginn des 2. Aufzugs äußerst beeindruckend. Er hat sich mittlerweile zu einem Hagen internationaler Klasse entwickelt und könnte sofort in Westeuropa singen.
Aber die bulgarischen Sänger haben fast alle keinen Agenten, sonst wären sie längst im Opern- und Wagner-Mainstream bekannt. Sie tauchen einfach nicht auf den Bildschirmen großer Agenturen in Westeuropa auf, zumal deren Vertreter auch nicht allzu oft den Weg nach Sofia in die Aufführungen finden. Violetta Radomirska war eine Entdeckung als Waltraute. Man kannte sie bisher eher als Carmen. Nun sang sie aber auch eine sehr engagierte und ausdrucksvolle Waltraute im Widerstreit zu Brünnhilde.

„Götterdämmerung. Fotograf: Setoslav Nikolov
Die Reintöchter wieder voller Anreiz mit guten Stimmen, immer noch erotisch verlockend. Stanislava Momekova als Woglinde, Ina Petrova als Wellgunde, und die Flosshilde war wie immer die wunderschön lyrisch-kantable Mezzo-Sopranistin Alexandrina Stoyanova-Andreeva, die auch schon einmal die Waltraute in der Sofioter „Götterdämmerung“ gesungen hat. Tsveta Sarambelieva war als Erste Norn tadellos, ebenso wie Ina Petrova als Zweite. Silvia Teneva war als Dritte Norm hingegen nicht so stark wie Liubov Metodieva in dieser Rolle zuvor.
Diese „Götterdämmerung“ war der absolute Höhepunkt der neuen Sofioter Tetralogie. Constantin Trinks wurde mit dem Orchester, das auf die Bühne kam, begeistert gefeiert. Es war ein großes Fest. Auch haben die neuen Blechinstrumente eine sehr klangvolle Wirkung entfaltet. Die Streicher sind breiter und intensiver geworden, und das Holz klingt nun auch warm und wunderschön. Man kann sagen, dass in Sofia nun ein sehr kompetentes Wagner-Festival entstanden ist, ein „Bayreuth des Balkans“. Diese Produktion sollte als Gastspiel in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, aber durchaus nicht nur im deutschsprachigen Raum gezeigt. Vielleicht auch sogar in den USA. Man kann davon ausgehen, dass das Publikum, welches sich noch wenig bis gar nicht mit dem Regisseurstheater angefreundet hat, diese Produktion sehr goutieren würde. Man sollte einmal überlegen, wie das zu machen ist – es wäre eine bedeutende Aufgabe der Direktion. „Weißt du wie das wird?“
Klaus Billand

