SOFIA/III. Wagner-Festival: LOHENGRIN WA am 12. Juni 2026

Pressefoto: Setoslav Nikolov
„Lohengrin“ – romantisch und geschmackvoll!
Es war wieder ein wirklich emotional mitreißender Abend. Als der Dirigent auf die Bühne kam mit den dort schon befindlichen Sängern, sprang das Publikum mehrheitlich von den Sitzen. Es war eine bemerkenswerte Atmosphäre an diesem Abend in der Sofia Opera, eine fast familiäre Atmosphäre, auch unter den Künstlern. Man merkte sofort, dass hier ein große Harmonie bestand in der Erarbeitung dieser Wiederaufnahme der sehenswerten „Lohengrin“-Inszenierung von Plamen Kartaloff, dem Generaldirektor der Sofia Oper, aus dem Jahre 2024.
Der bisher hier im Wagner-Fach noch nicht aufgetretene Dirigent aus Belgien, Martijn Dendievel, dirigierte diesen „Lohengrin“ mit viel Verve und großem Verständnis für die facettenreiche Partitur, die Führung der Sänger und die Dimensionierung der vielen Chorszenen. Das Orchester oder Sofia Opera hat sich über die letzten Jahre auch im Wagnerfach hervorragend entwickelt, woran vor allem Erich Waechter, Velizar Gentscheff, Evan-Alexis Christ und Constantin Trinks Feder- bzw. Taktstock-führend waren. Wenn man bedenkt, dass das Ensemble vor 16 Jahren noch gar keinen Wagner spielte, ist es mittlerweile ein auch international relevantes Wagner-Orchester geworden und hat auch schon bei Richard Strauss („Elektra“, „Ariadne auf Naxos“) sein großes Können bewiesen. Den Hochzeitsmarsch zu Beginn des 3. Akts wird man auch westlich des Balkans an einem Haus dieser Größe kaum besser hören können.

Pressefoto: Setoslav Nikolov
Alma-Lisa Bandalovska spielte eine sehr verletzliche Elsa mit stabilem Sopran und einem guten Potenzial zur Attacke. Sie ist mit der Sieglinde über die Jahre dramatischer geworden, und das bei großer Wortdeutlichkeit. Atanas Mladenov, war wie immer eine sichere Bank als erstklassiger Heerrufer. Er könnte überall in Westeuropa singen – ein hochtalentierter, noch relativ junger Künstler, aber eben nicht auf dem Schirm der allein an die vermeintlich westliche Allmacht des guten Operngesangs glaubenden Agenten. Biser Georgiev sang den König Heinrich prägnant und mit starkem Ausdruck, ein etwas hellerer Bass.
Gabriela Georgieva beeindruckte wieder als Ortrud mit einem schon ins Hochdramatische weisenden, dunkel gefärbten Sopran. Es stellt sich der Eindruck ein, dass Georgieva an die große bulgarische Tradition von legendären Sängerinnen wie Gena Dimitrova, Raina Kabaiwanska, Anna Tomowa-Sintow und momentan Sonya Yoncheva anzuknüpfen scheint. Ventseslav Anastasov war ihr Partner als Telramund mit einem kraftvollen Bariton und einer sehr guten Darstellung. Die Stimme müsste noch etwas mehr Varianz haben, mehr Facettierung und auch ein wenig mehr an Klangfülle zeigen. Die beiden waren jedenfalls ein starkes dunkles Paar!

Pressefoto: Setoslav Nikolov
Simon O’Neill war wieder Lohengrin. Gut, er ist auch nicht mehr der Jüngste, aber, es mag vielleicht auch Geschmacksache sein, die Stimme erscheint auch für den Lohengrin etwas zu hell und vor allem zu eng in der Höhe. Das klingt bisweilen etwas Tamino-artig, wird aber in der Tiefe und Mittellage schon wieder zu baritonal. Auch seine Darstellung erscheint etwas stereotyp und zurückhaltend. Piotr Beczala und Klaus-Florian Vogt sind da ganz andere Hausnummern, in jeder Hinsicht. Die Sofia Opera verfügt nun auch über einen hervorragenden Chor, der von Violeta Dimitrova einstudiert und phantasievoll choreografiert wurde.

Pressefoto: Setoslav Nikolov
Regisseur Kartaloff blieb mit dem Bühnenbildner-Team Hans Kudlich, Nela Stoyanova und Kristyan Stoyanov, in Zusammenarbeit mit Sven Jonke und Gudrun Geiblinger aus Linz, seiner Devise treu, eine Wagners Ideen und Intentionen nahestehende Lesart zu vermitteln. Die Inszenierung ist sehr geschmackvoll, auch die Kostüme vom Mario Dice. Ihr romantischer Charakter kommt nachvollziehbar herüber bei guter und farbenfreudiger, aber nie kitschiger Beleuchtung von Zach Blane. Im Mittelpunkt steht die Gerichtseiche, ohnehin bei Wagner zentral im 1. Akt. Hier erscheint sie im weiteren Verlauf in variierender Form, auch durch effektvolle Beleuchtung, in vielen Varianten. Damit werden intensive und stets zur Musik passende Momente erzeugt, die auch eine ständige Spannung des Geschehens aufrechterhalten.
Gottfried kommt schließlich als junger attraktiver neuer Herrscher (Kalin Dushkov), alle schreien auf, und Elsa sinkt zu Boden. Man hat also ein klassisches Ende gewählt und nicht ein Regisseurstheater-Finish wie immer wieder so gern in Westeuropa…
Klaus Billand

