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SOFIA/ Belogradchik Rocks: „MADAMA BUTTERFLY“

08.08.2023 | Oper international

Sofia/Belogradchik Rocks: „MADAMA BUTTERFLY“ – 6.8.2023

Interkontinentaler Kulturaustauch und eine Brünnhilde als Butterfly!

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Copyright: Sofia Oper und Ballett/Setoslav Nikolov

Die Sofia Oper und Ballett mit ihrem umtriebigen und phantasievollen Generaldirektor Plamen Kartaloff ist besonders im Sommer für einige Überraschungen gut, wo andere Opern-Kompagnien ihre Ferien genießen. Nicht so in Sofia! Neben dem 1. Sofia Oper Wagner Festival, bei dem die Kompagnie gleich sieben Werke des Bayreuthers Meisters zeigte, darunter eine Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ innerhalb nur eines Jahres (siehe in diesem Heft), führte sie eines davon open air am Lake Pancharevo auf, den „Fliegenden Holländer“. Gleichwohl ließ es sich Kartaloff nicht nehmen, auch noch ein Open Air Festival im mystischen Belogradchik Rocks etwa 170 Kilometer nordöstlich von Sofia zu veranstalten, schon recht nahe an der Grenze zu Rumänien.

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Copyright: Setoslav Nikolov

Dort hat die Natur mit der Hebung eines vorsintflutlichen Meeresbodens durch Auswaschung und Erosion seltsam anmutende Felsentürme geschaffen. Und vor einer besonders eindrucksvollen Felsengruppe dieser Art finden seit mittlerweile schon acht Jahren im Sommer in der sogenannten Belogradchik-Festung in einem OpenAir-Theater mit etwa 700 Plätzen unter dem Titel „Opera in the Peaks“ Opern und Ballettabende statt. Im Laufe des Eintritts der Dunkelheit wird eine phantasievolle Lichtregie aktiv, welche die Felsen in mystisch anmutende Farben taucht. Sie lassen das Geschehen auf der Bühne davor zur regelmäßigen Begeisterung des Publikums noch intensiver und assoziationsreicher wahrnehmen.

In diesem Sommer war eine Inszenierung der „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini angesetzt, in Kooperation mit der Daegu Opera, deren Direktor Gap-geun Jeon, der „Madama Butterfly“ für Puccinis größtes Meisterwerk hält (welches Gérard Mortier einst für nicht mehr aufführenswert hielt) mit seinem gesamten Team aus Süd-Korea angereist war. Die Daegu Opera unterhält freundschaftliche Beziehungen mit der Sofia Opera, und man tauscht Produktionen aus. So inszenierte Kartaloff bereits die „Turandot“ in Daegu, und Lilla Lee, die damals mitsang, interpretierte nun in Belogradchik die Cho-cho-san in der Premiere am 4. August. Die Bühnenbilder wurden von der Sofia Opera vor Ort in der Belogradchik-Festung gefertigt. Aber leider fand nur die Premiere und die 1. Reprise im Felsentheater statt, in der die bulgarische Sieglinde aus der „Walküre“, Tsvetana Bandalovska, die Cho-cho-san sang. Dann kamen die Sommer-Gewitter, mit denen ja auch Bregenz ständig zu kämpfen hat. So musste man an diesem Abend leider in eine nüchterne Turnhalle umziehen, in den rasch aus Sofia herbeigeführten Bühnenbildern einer alten Produktion des Hauses. Es war ein große Logistik fordernder und gewagt erscheinender Kompromiss, das Publikum, welches in großer Zahl von sehr weit angereist war, nicht nach Hause zu schicken.

Aber es hat sich ganz und gar nicht als künstlerisches Qualitätsproblem erwiesen. Wenn auch die Bühnenbilder relativ schlicht wirkten, so spielten sie angesichts einer erstklassigen Besetzung, eines sehr guten Chores und auch der beeindruckenden musikalischen Leistung des Orchesters der Sofia Oper unter Maestro Andrey Galanov keine Rolle. Denn was an diesem Abend zu hören war, könnte in jedem großen Haus in Westeuropa ebenso glänzen. Keine geringere als Yordanka Derilova vom Nationaltheater Dessau, die zudem in der Premiere des neuen Sofioter „Ring“ Mitte Juli gerade die „Götterdämmerung“-Brünnhilde gesungen hatte, brillierte mit all ihren vokalen und darstellerischen Qualitäten als Cho-cho-san! Eine Luxusbestzung für die Rolle, die auch klarmachte, wieviel Hochdramatik in der Partie steckt, genau ihr Fach.

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Yordanka Derilova beim Schlussapplaus der Vorstellung vom 6.8., die in einer Sporthalle stattfinden musste. Foto: Klaus Billand

Kiril Manolov sang einen ebenso beeindruckenden Sharpless mit einem typischen Verdi-Bariton und tritt international auch weitestgehend im italienischen Fach auf. Darstellerisch bringt er auch eine imposante Erscheinung ins Spiel, sodass die Mahnungen zu Pinkertons Leichtfertigkeit „È un facile vangelo…“ erst recht glaubhaft wurden. Dieser wurde vom Daniel Ostretsov verkörpert, der auch hier schon wie bei seinem Loge im „Rheingold“  heldische Qualitäten andeutete, ebenfalls eine sehr gute Leistung. Vesela Yaneva war eine äußerst klangvolle Suzuki, die mit ihrer fast mütterlich fürsorglichen Darstellung und der Tiefe ihrer Stimme perfekt zur Cho-cho-san von Yordanka Derilova passte. Man nahm ihr die ganze erschütternde Betroffenheit angesichts deren Schicksals ab. Nikolay Pavlov war ein boshaft komödiantischer Goro, Kiril Konstantinov ein nachdenklicher und vokal einnehmender Yamadori, Stefan Vladimirov ein polternder Bonze mit prägnantem Bass, Tsveta Sarambelieva eine persönlichkeitsstärkere Kate als sonst üblich und Michael Yordanov ein Kaiserlicher Kommissar mit gutem Bariton.

Im Oktober ist ein Gastspiel der Sofia Oper mit ihrer „Elektra“ von Richard Strauss in Daegu geplant, und die Daegu Opera wird im November einen früheren Besuch der Oper von Ferrara mit der „Turandot“ von Plamen Kartaloff in Ferrara erwidern. Das ist in der Tat ein intensiver und phantasievoller internationaler, ja interkontinentaler Kulturaustausch, der ein gutes Vorbild dafür sein könnte, was möglich ist, wenn man die Phantasie hat und nur will…                                                                                                 

Klaus Billand

 

 

 

 

 

 

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