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SICARIO

29.09.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPoster Sciario~1

Ab 1. Oktober 2015 in den österreichischen Kinos
SICARIO
USA / 2015
Regie: Denis Villeneuve
Mit: Emily Blunt, Benicio del Toro, Josh Brolin u.a.

Es gibt Filme, die erwecken tatsächlich den Eindruck, sie ermöglichten einen echten Blick hinter die Kulissen – der den Betroffenen allerdings keine Ehre macht. US-Behörden müssen sich immer wieder in der Presse anhören und im Kino ansehen, mit welch schmutzigen Händen sie agieren. Es weiß ohnedies jeder. Sie tun es trotzdem. Und es kann dennoch faszinieren.

Wie in diesem Film, der härter nicht sein könnte. Gleich zu Beginn der Horror der „alltäglichen“ Polizeiarbeit in Phoenix, Arizona: Ein schäbiges Haus am Stadtrand, als Drogenschuppen ausgemacht, Angriff des FBI. Was man entdeckt, sind in den Wänden eingemauerte Leichen, weil die Drogenbosse „Abfälle“ offenbar solcherart entledigen, und eine Bombe, die auch FBI-Agentin Kate Macer trifft. Wenn auch nicht so schwer, dass sie nicht beim nächsten Einsatz mitmachen kann.

Was da geschehen soll, wer eigentlich beteiligt ist, das bleibt für den Kinobesucher lange undurchsichtig, dröselt sich erst am Ende langsam auf und verblüfft dann doch – oder doch nicht. Man traut den Leuten schließlich alles zu. Dass Kate nur als Alibi-Frau des FBI dem Team beigestellt wird, das Matt Graver (zu wem gehört er eigentlich?) führt, stellt sich später heraus (Josh Brolin ist der Inbegriff eines groben Klotzes, da wird an der Figur nichts nachgebessert). Und wer ist Alejandro (Benicio del Toro, undurchsichtig, bis er dann wirklich in Aktion tritt), der auch dabei ist, ehemals Staatsanwalt aus Kolumbien, aber was ist und macht er hier? Wer führt hier den Kampf gegen Drogen und auf welcher Ebene? Regisseur Denis Villeneuve hält alles meisterlich in Schwebe, und letztlich ist nur eines klar: Traue niemandem!

Jedenfalls geht es rund, rüber von Arizona nach Mexiko, jemanden kidnappen (illegaler geht es nicht, auch wenn die Amerikaner es für die „gute Sache“ tun), damit man zum allerhöchsten Boß vordringen kann, aber wenn der mit Familie beim Esstisch sitzt, dann hat man es – ja, offenbar mit einen privaten Rachefeldzug zu tun… „Sicario“ heißt nämlich Killer. Und wenn man dann mit Kate in dem Tunnel der Schmuggler landet, wird einem echt bang – wohin in diesem Labyrinth, und wer benützt es eigentlich noch?

Emily Blunt als Agentin, die noch so etwas wie ein Gewissen hat, wird durch das Geschehen durchgeschüttelt so wie der Zuschauer, sieht schließlich, was ihre Kollegen treiben, mehr noch, riskiert ihr eigenes Leben, wenn sie nicht ganz brav den Mund hält. Das ist so empörend, dass man schreien möchte, da wird zwischen Behörden und Gangstern gemauschelt, manche Aktion findet nur zum Schein statt, ein paar Bauernopfer, und in Wirklichkeit ist die Sache längst abgemacht. Wie es möglicherweise auch anderswo in der Welt zwischen Polizei und Krimiszene zugeht.

Wenn man versucht, das Geschehen nach dem Film innerlich abrollen zu lassen, kennt man sich vielleicht noch immer nicht ganz aus. Aber man hat einen Film gesehen, der den unangenehmen Geschmack der Authentizität verbreitet – und wo man vor Spannung und Unruhe nicht aus und ein wusste. Kurz, viel mehr als ein üblicher Krimi.

Renate Wagner

 

 

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