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SERGIU CELIBIDACHE: Schubert und Dvořák, Mahler und Strauss – Sensationelle Archivveröffentlichungen des Labels MPHIL

01.02.2018 | cd

SERGIU CELIBIDACHE: Schubert und Dvořák, Mahler und Strauss – Sensationelle Archivveröffentlichungen des Labels MPHIL

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 „Der geplünderte Übervater“, titelte der Spiegel am 8. März 1999: Mit Millionen-Aufwand pokern Deutsche Grammophon und EMI um den toten Dirigenten Sergiu Celibidache und spielen den notorischen Plattenhasser zum postumen CD-Star hoch. Das Duell der Konkurrenten dürfte die letzte große Schlacht der Klassikbranche sein.“ Nun ist das Ende der Geschichte auch noch nicht da und überhaupt relativieren die Zeit und der technische Fortschritt so manche Apodiktik der Vergangenheit. Ich würde heute gerne das Gesicht von Maestro Celbidache sehen, wenn er die soeben erschienenen „tönenden Pfannkuchen“ des Eigenlabels der Münchner Philharmoniker MPHIL auf einer top High-End Surroundanlage hören würde?

Ob er das jetzt auch alles als Dreck bezeichnen würde? Kann sein, ist eigentlich aber nicht wichtig schon längst handelt es sich bei den Celibidache-Bändern um universelles Kulturgut. Das Orchester, das am meisten von der hohen Kunst des rumänischen Kultmusikers als Generalmusikdirektor in den 17 Jahren profitiert hat, die Münchner Philharmoniker, hat mit Zustimmung der Erben einen Teil des musikalischen Vermächtnisses in den 90-er Jahren an die EMI (heute Warner) abgetreten. Vor allem der Bruckner Zyklus hat damals für Furore und wohl auch für sprichwörtlich „unerhörte“ Maßstäbe am Tonträgermarkt gesorgt.

Mit Gründung des Labels MPHIL werden nun weitere beeindruckende Schätze aus dem Archiv der Münchner Philharmoniker gehoben. Zuhörern aller Länder und Zonen verschafft dies den Zugang zu einer der wertvollsten Sammlungen von Aufnahmen bedeutender Künstler, allen voran Sergiu Celibidache.

Zwei CDs sind bislang erschienen, die das Herz vieler Klassikfreunde höher schlagen lassen. Franz Schuberts Symphonie Nr. 8 h-Moll, D 759 „Unvollendete“, aufgenommen am 30. September 1988 in der Philharmonie im Gasteig, München gekoppelt mit der Symphonie Nr. 9 e-Moll, op. 95 „Aus der neuen Welt“ von Antonín Dvořák, mitgeschnitten am 16. Juni 1985 im Herkulessaal der Residenz, München. Das andere Album ist Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“ (aufgenommen am 30. Juni 1983 im Herkulessaal der Residenz) mit Brigitte Fassbaender als Solistin und Richard Strauss’ „Tod und Verklärung“ (17. Februar 1979, Herkulessaal der Residenz) gewidmet.

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Rein technisch gesehen hat der Bayerische Rundfunk Wunderleistungen an Tonqualität, Räumlichkeit, Tiefenstaffelung und Transparenz vollbracht. Eine Wonne. Und unser verehrter Maestro? Ich finde, Celibidache widerlegt mit jeder veröffentlichten Aufnahme jedes mühsam zusammengeflickte Klischee über ihn als Interpreten. Wenn seine Kunst irgendwie zu charakterisieren ist, dann wohl mit einer Art von vierter Dimension im Hören und Erfassen musikalischer Raum-Zeitdimensionen. Celibidache hat den Klang des Orchesters im jeweiligen Raum aufgefächert und neben dem dramaturgisch zen-buddistisch angehauchten Denken vom Ende her als einziger eine Art von Gleichzeitigkeit (man denke in der Bildenden Kunst an die Werke des Kubismus) herstellen können. Das hat sich auch, aber nicht immer zwingend auf das Tempo ausgewirkt. Wenn eine Kugel oder ein Würfel in einem Augenblick von allen Seiten her gesehen werden kann, wird dies mehr an Aufmerksamkeit/ Konzentration in Anspruch nehmen, als wenn nur die jeweils eine Seite beleuchtet wird.

Besonders gelungen und epochal sind Dvoraks Neunte und die Kindertotenlieder von Mahler. Perfekt modellierte Monumente der Akribie, aber gleichzeitig ungemein frisch und vom Augenblick her inspiriert. Wer glaubt, dass Celibidache nur langsam dirigiert hat, der höre sich das Finale im vierten Satz aus der „Neuen Welt“, dieser eigentümlich soghaften böhmisch-amerikanischen „Nationalmusik“, inspiriert vom Sommer in Iowa, an. Überhaupt vermochte Celibidache Spannung aufzubauen, den großen Bogen atmen und detailreich phrasieren wie kaum ein zweiter.

Im Falle der Kindertotenlieder pflügen wir schwereres Fahrwasser. Celibidache, der Mahler eigentlich nicht mochte, ist hier in seiner einzigen Aufnahme zumindest mit diesem berührenden Orchester-Liederzyklus zu hören. In einem unendlichen musikalischen Fluss sind die tief im Leiden verwurzelten Worte gebettet, die Brigitte Fassbaender mit einer vokalen Eindringlichkeit und existenziellen Wucht ausstattet wie kein anderer Mezzo dies je vermochte. Genau diese hoch individuelle Qualität an herb-bitter-samtigem Timbre ist es, die Fassbaender auch als neben Lotte Lehmann faszinierendsten weiblichen Interpretin von Schuberts Winterreise ausweist. Mir fällt dazu spontan diese berühmte Formulierung „Als blicke man in einen tiefen See durch absolut klares Wasser bis auf den Grund“ ein, die so manche mit Celibidaches hoher Kunst assoziiert haben. Dies gilt ganz besonders auch hier.

Fazit: Die neuen Aufnahmen scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. Das Orchester ist großartig und folgt den Intentionen des Chefs auf Punkt und Beistrich. Allesamt bieten die CDs neue Referenzen im Katalog. Da bleibt es, nur noch einen Wunsch an die Verantwortlichen von MPHIL auszusprechen: Bitte rasch mehr davon, aber dann auch mit einem ausführlicheren Booklet und mehr inhaltlicher Exegese zur Interpretation vom Pultmagier Sergiu Celibidache.

Anm.: Die CDs sind als Japan Import auch in Ultimate High Quality erhältlich!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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