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SEMMERING / Südbahnhotel: WINTERREISE mit BO SKOVHUS

Klangreise durch eine winterliche Seelenlandschaft mit Akkordeonbegleitung

21.11.2022 | Konzert/Liederabende
winterreise20.11.22

Bo Skovhus und Nikola Djoric. Alle (Handy-)Fotos: Manfred A. Schmid

SEMMERING / Südbahnhotel: WINTERREISE mit BO SKOVHUS und Akkordeon

20. November 2022

Von Manfred A. Schmid

Schubert-Bearbeitungen sind in Mode gekommen. Besonders Die Winterreise, opus magnum des Liedgesangs, wurde in letzter Zeit durch bemerkenswerte Neuinterpretationen – etwa von Hans Zender über Franui bis hin zu Oliver Welter und Klara Frühstück – bereichert. Die Winterreise aber, die Bo Skovhus gemeinsam mit Nikola Djoric im mondänen Speisesaal des Südbahnhotels präsentiert, besteht nicht aus Bearbeitungen oder Arrangements der 24 Lieder über eine Reise, „von der noch keiner kam zurück,“, sondern die Wiedergabe erfolgt höchst notengetreu. In die Partitur wird nicht eingegriffen. Warum das Publikum trotzdem mit bisher unbekannten Facetten und Abgründen des Werks konfrontiert wird und im Laufe der eineinviertel Stunden eine völlig neue Klangerfahrung macht, liegt vor allem daran, dass diesmal die Begleitung nicht auf einem Konzertflügel erfolgt, sondern auf einem Akkordeon. Der in Serbien geborene und in Wien lebende Akkordeonist Nikola Djoric, ein Meister seines Fachs, hat es sich zur Aufgabe gesetzt, mit dem Klangspektrum seines Instruments das Hörerlebnis klassischer Werke mit bisher ungehörten Farbtönen zu bereichern. Skovhus, der seit einiger Zeit sich vermehrt dem Liedgesang widmet und seine Präsenz in Opernproduktionen etwas zurückgenommen hat, im Mai aber als Dr. Schön in der neuen Lulu am Musiktheater an der Wien zu erleben sein wird,  ist ein idealer Partner in so einem Projekt, weil er in jedem seiner Liederabende aus neuen Erkenntnissen schöpft und die Partituren auslotet, als wär es zum ersten Mal.

Eine paar Hörerlebnisse und Klangerfahrungen mögen die neue Dimension, die Schuberts Winterreise in dieser Konstellation erreicht, belegen. Die warmen Töne des Akkordeons lassen im Eingangslied „Gute Nacht“ die kalte, abweisende Welt nicht so grausam erscheinen. Auch Skovhus scheint die grimmigen Tritte des Wanderes durch Eis und Schnee, wie durch eine innere Wärme angefeuert, abzufedern. In „Die Wetterfahne“ und „Der Lindenbaum“ wird der Wind, der mit der Wetterfahne spielt und der unruhig durch die Äste und Blätter der Linde weht, in eindrucksvoll Klangbildern eingefangen. Die starre Eiskruste über einen anscheinend stillen Strom wird im Lied „Auf dem Flusse“ vom Stakatto des Akkordeons als Klangbild in pastosen Farbbildern hingepinselt, während der Gesang keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass unter der harten Eisschale ein gefährliches Toben, ein Bild der inneren Zerrissenheit des Wanderes, vor sich geht. Auf die Frage nach dem zerbrochenen Ring der Geliebten, vom Bariton verzweifelt herausgeschleudert, bleibt der Strom stumm und ungerührt, was den sanft apreggierenden Ausklang des Liedes umso grausamer erscheinen lässt

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Konzertsaal ist der Speisesaal des Südbahnhotels

Hervorragen gestaltet Djoric die kreisenden Krähen, die bellenden Hunde und die rasselnden Ketten, während Skovhus in „Mut“ den Schnee, der sein Vorwärtskommen behindert, trotzig beiseite wischen möchte, sich dabei – von Lied zu Lied – von der bedrohlichen Realität aber immer mehr entfernt und in eine Traumwelt flüchtet. Die zunehmende Entfremdung macht sich auch in den gelassenen, verräterisch ruhig klingenden Liedern in Dur-Tonart – etwa in „Frühlingstraum“ – bemerkbar. Auch „Die Post“ klingt zunächst ländlich-idyllisch, wozu sich der Klang des Akkordeons besonders gut eignet. Das breite Klangspektrum dieses Instruments ist aber auch dazu imstande, dass das Lied „Letzte Hoffnung“ so schaurig klingt, wie man es wohl nie zuvor erlebt hat.

Hoffnung, Zweifel, Verzweiflung, das quälende Wirrwarr der Gefühle, wird von Skovhus mit inniger Hingabe gestaltet. In Nikola Djoriic hat er einen idealen Begleiter auf einer ungewohnter  Winterreise durch fremde, bisher zum Teil noch unbekannte Seelenlandschaften gefunden. Erschütternd das abschließende, trostlose Lied „Der Leiermann“. Das Publikum ist wie gebannt und verharrt, als der letzte Ton verklingt, in Stille. Es dauert, bis der Applaus ansetzt. Dafür ist er dann umso herzlicher. Er gilt einem interessanten Experiment, das neue Erfahrungen bringt. Aber fürs nächste Mal wird man sich wohl wieder auf den Bösendorfer oder Steinway freuen.

 

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