Ludwig van Beethoven: Fidelio • Sommeroper Selzach • Premiere: 05.08.2026
Eine Ode auf die Kraft der Frau
Bei der Sommeroper Selzach ist in diesem Jahr eine in ihrer eindeutigen Zweideutigkeit geniale Inszenierung von Beethovens einziger Oper «Fidelio» zu erleben. Ungekürzt und ganz ohne Umstellungen, ganz vertrauend auf die Kraft des Werks.

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1893 wurde im solothurnischen Selzach in Anlehnung an die Oberammergauer Passionsspiele erstmals ein Passionsspiel aufgeführt. Nur zwei Jahre später stiftete der Initiant Adolf Schläfli (1856–1924) den Bau des Passionsspielhauses. Das ganz in Holz ausgeführte Gebäude umfasst einen hohen Theaterturm, der die Bühne und technische Installationen wie Seilzüge und Beleuchtung beherbergt, und daran anschliessend den längsrechteckige Zuschauerraum, darunter Nebenräume, wie Garderoben, Toiletten oder Kasse. Zwischen Bühne und Zuschauerraum ist der Orchestergraben untergebracht. Der nach hinten ansteigende, stützenfreie Zuschauerraum bietet 700 Zuschauern (früher über 1000) Platz und ist damit grösser als die Theater von Biel, Solothurn, Luzern und selbst Bern.

Foto © Ariane Totzke
Beethoven wollte mit «Fidelio» und der von ihr vertretenen Werte Treue, Mut, Menschlichkeit, Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit und Vertrauen ein Zeichen für Freiheit und Gerechtigkeit setzen – und gegen jede Form von Willkür und Tyrannei. Beethovens Mahnruf ist heute noch genau so aktuell wie zur Zeit der Entstehung der Oper. Und Regisseur Dieter Kaegi (Intendant von Theater Orchester Biel Solothurn) kleidet diesen Mahnruf mit starken Bildern (Ausstattung: Dirk Hofacker) in eine Ode auf die Kraft der Frau. Das «Haupttor» (allen weitere Zitate in diesem Abschnitt aus den Szenenanweisungen im Libretto) und die «Wallmauer» nehmen die Holz-Architektur des Passionspielhauses auf und zeigen Fotos von Despoten wie Napoleon, Mao und Stalin, die der Freiheit im Wege stehen. Zu Beginn der Oper sind Marzelline und Jaquino zu sehen, wie sie im «Hof des Staatsgefängnisses» eine Tafel aufbauen. Bei Kägi, für den die Gedanken von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit im Mittelpunkt stehen, wird diese Tafel dann Teil des Abendmahls bei dem Fidelio als Erlöserin das Brot bricht. Damit nimmt Kägi wieder Bezug auf Architektur und Atmosphäre des Aufführungsorts: seit diesem Jahr ist das bislang übermalte Christuszeichen XP (Chi-Rho) über dem Bühnenportal wieder freigelegt. Im zweiten Aufzug öffnet sich der Hof und ein «Sturmauge» und der Text «Ihr Mauern fallt, Ihr Throne bebt, die Völker träumen nicht vergebens. Ein Lied, das für die Freiheit lebt, ist stärker noch als Angst des Lebens» (zusammengesetzt aus verschiedenen Gedichten des Vormärz) führt hinaus ins «Licht». Im Finale, wo die Gefangenen frei sind, legen sie Fidelio und Florestan die Bücher zu Füssen, die sie im Gefängnis gelesen haben. Kurz und gut: Kägi gelingt eine eindrückliche Ode auf die Kraft der Frau.
Was hat es nun mit der anfänglich erwähnten eindeutigen Zweideutigkeit auf sich? Kaegi bietet, gewollt oder ungewollt, mit seiner genialen Inszenierung starke Möglichkeiten zu Assoziationen und spielt dabei damit, dass Auge und Hirn manchmal Dinge sehen, die nicht da sind. Zu Beginn wird das dreigeteilte Bühnenbild (passend zur Entstehungszeit der Vorlage von Nicolas Bouilly) in den Farben der Tricolore beleuchtet. Das Auge und Hirn des politisch und historisch informierten Zuschauers kann nun dazu neigen, unbewusst die Reihenfolge und Anordnung der Farben zu ändern. Welcher Aktualitätsbezug nun entsteht, möge der geneigte Leser, nötigenfalls anhand der fürs Bühnenbild frei verwendeten Fotos, frei assoziieren.
Die von Dieter Kägi gecasteten Solisten überzeugen rundum. Flurina Stucki (Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin) gibt mit tadellos geführtem Sopran und bewegender Bühnenpräsenz die Leonore. Die Stimme überzeugt mit gut dosierter Dramatik und wunderbaren Farben. Jason Kim springt für den erkrankten Jonathan Stoughton als Florestan ein und überzeugt schlankem, wohl dosiert heldischem Tenor. Leonardo Galeazzis Don Pizzaro überzeugt mit dunkel gefärbtem Bariton und der Rolle angemessener Bosheit. Flurin Caduff gibt den Rocco mit agilem, wunderbar schlank geführtem Bassbariton. Marlene Chevalley Knoepfler gibt Marzelline mit rollengerecht leichtem, schlank geführten Sopran. Remy Burnens überzeugt als Jaquino mit hellem, wie bei ihm gewohnt perfekt fokussierten Tenor. Felix Gygli als Minister sowie Konstantin Nazlamov und Serguei Afonin als Gefangene
Iwan Wassilevski (Musikalische Leitung) legt die Partitur oratorienhaft an und wählt entsprechend eher gemächliche Tempi. Das Orchester der Sommeroper Selzach setzt die Partitur mit goldleuchtendem und samtweichen Wohlklang um. Ein besonderes Lob gebührt dem wunderbaren Blech. Valentin Vassilev hat den Chor der Sommeroper Selzach tadellos einstudiert.
Ein bewegender Abend!
Weitere Aufführungen jeweils 19.30 im wettersicheren, klimatisierten Passionsspielhaus Selzach:
07.08.2026, 08.08.2026, 12.08.2026, 14.08.2026, 15.08.2026, 19.08.2026, 21.08.2026, 22.08.2026.
Jan Krobot

