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SELMA

15.02.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

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Ab 20. Februar 2015 in den österreichischen Kinos
SELMA
USA  /  2014
Regie: Ava DuVernay
Mit: David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Carmen Ejogo, Oprah Winfrey u.a.

Wer heute die amerikanischen Südstaaten besucht, spürt genau, wie wichtig Martin Luther King hier ist – natürlich hier besonders, für die Afroamerikaner, die sich in den sechziger Jahren durch seine Kraft aus einem Schicksal befreien konnten, das nicht viel besser war als die Sklaverei einst – Verachtung und Rechtlosigkeit. Ein Stück Geschichte, das auch aus der Distanz von einem halben Jahrhundert noch schmerzt und das in den USA beharrlich aufgearbeitet wird. Eine Erinnerung, die für die ganze Schmelztigel-Nation der USA gleich wichtig ist, die dank der Besonnenheit eines Mannes am blutigen Bürgerkrieg vorbeischrammte.

Seltsamerweise erinnert man sich im Zusammenhang mit den sechziger Jahren weit eher an die Ära Kennedy (mit Jackie als Galionsfigur) als an die Bürgerrechtsbewegung, die die USA damals erschütterte und die Weißen so sehr empörte: Tatsächlich warteten sie nur auf die geringste Gelegenheit, um über ihre schwarzen Mitbürger herzufallen, und ein Bürgerkrieg, der in en Köpfen wohl nie zu bewältigen gewesen wäre, wäre die Folge gewesen.

Einer hat das erkannt: der Baptistenprediger Martin Luther King Jr., damals Mitte 30, bereits Träger des Friedens-Nobelpreises, einer der Führer der Bewegung, der (vermutlich nicht zuletzt von Gandhi) wusste, dass der „zivile Widerstand“ gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung von ihrer Seite nur gewaltfrei erfolgen konnte, ja musste.

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Dieser Film zeigt nun den Versuch der Bewegung, 1965 auf die Ermordung eines Schwarzen mit den Protestmärschen in Selma (einer Kleinstadt im US-Staat Montgomery) zu reagieren, mit dem ewigen Ziel, die Aufnahme der schwarzen Bevölkerung in die Wählerlisten zu erzwingen. Noch hatte man keinen Erfolg. Die Märsche wurden wiederholt. Es gibt Szenen, wo ihnen grimmige, bis über die Ohren bewaffnete weiße Streitkräfte den Weg versperren und am liebsten losballern wollen… King kniet nieder, betet und veranlasst in aller Ruhe den Rückzug. Lieber die scheinbare Niederlage als das Blutvergießen. Aber er gibt nicht und nicht auf. Wenn er das „We Shall Overcome“ von der Leinwand schleudert, gibt es Gänsehaut.

Hier wird nun nicht, in vielen Background-Szenen, das kluge, gemessene Verhalten des gar nicht „heldenhaften“ oder zur großen Führerfigur aufgeblasenen King (großartig verkörpert von David Oyelowo, der in „The Butler“ den aufrührerischen Sohn des Helden gespielt hat) gewissermaßen „gepriesen“: zwischen Frömmigkeit und Gottvertrauen hier, Zweifeln aller Art da, immer durchwebt von der Gewalt-Diskussion, wie weit darf man gehen? erlebt man das fesselnde Porträt eines großen Mannes, das man glauben kann.

Daneben aber ist man ist auch oft genug im Weißen Haus und erlebt quasi die Rehabilitierung eines Präsidenten, der wenig Sympathien genießt: Lyndon B. Johnson, der seinen Job nach der Ermordung Kennedys „erbte“, gilt an sich als wenig charismatische Persönlichkeit. Vielleicht hätte er sich im Leben von Tom Wilkinson verkörpern lassen sollen, der hier Einsichten für die Zukunft vor politische Sturheit stellt und den geifernden Gouverneur von Alabama, George Wallace (hektisch verkörpert von Tim Roth) aushebelt. Johnson hat sich damals, in besserem Wissen und kluger Erkenntnis, gegen die weiße Majorität  der Südstaaten gestellt, weil die Entschlossenheit von King und seinen Mitkämpfern ihn überzeugt hat, dass die USA nur überleben würden, wenn dieses elementare Problem gelöst wäre… Und so war es dann auch. Dass die hasserfüllten Fanatiker ja doch nicht nachgaben, zeigte die Ermordung von King drei Jahre später, 1968…

Man erlebt das Drama auf vielen Ebenen, auch jene weißen Journalisten werden gezeigt, die dafür sorgten, dass die Ereignisse nicht unter den Tisch gekehrt, sondern medial in aller Breite behandelt wurden – und die sich dafür von Ihresgleichen Tritte, Prügel und Schlimmeres einhandelten. Eine tragisch gespaltene Nation.

Regisseurin Ava DuVernay, ihrerseits Afroamerikanerin, arbeitet das Stück Geschichte weit mehr realistisch als heldenhaft auf. Eine brodelnde, hochgeschaukelte Atmosphäre des Hasses auf beiden Seiten wird spürbar, dagegen die Versuche der wenigen klugen Köpfe, Lösungen zu finden, statt Blut zu vergießen. Das ist bemerkenswert gelungen.

Sollte „Selma“ den „Oscar“ für den „Besten Film“ erhalten, dann nicht aus politischer Korrektheit, sondern weil es der eindrucksvolle Fall eines „richtig“ angepackten Geschichtsdramas ist. Es ist von gestern und kommt so packend nah von der Leinwand, dass man sich immer wieder betroffen ducken möchte… Es lebe das Bio-Pic, wenn es so aussieht.

Renate Wagner

 

 

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