Schwetzingen Schlosstheater: Ulysses von Reinhard Keiser, 16.12.2022

Dora Pavlilova mit zwei Amouretten (c)Susanne Reichardt.
Beim ‚Winter in Schwetzingen‘, dem Barockfest des Theater Heidelberg, wird das musikalische Schauspiel in 3 Akten von Reinhard Kaiser, Ulysses, gespielt, Libretto: F.M.v. Lersner. Die musikalische Rekonstruktion stammt von Clemens Flick, der auch die musikalische Leitung innehat. Zusätzliche Texte von Ulrike Schumann, Operndirektorin des Theaters Heidelberg. Dieser längere Vorspann kann schon einigermaßen belegen, dass es sich bei dieser Oper um eine Art Pasticcio handelt, bei dem verschiedene Komponistenhände am Werk sind. Ob die Noten der Uraufführung im November 1722 im Hofteatret Christiansborg, Kopenhagen, den Opernmachern original vorlagen, ist nicht sicher, jedenfalls hat Clemens Flick Arien aus Keisers Oper ‚Orpheus‘, die ihm besser gefiel, eingearbeitet und damit wohl auch den Inhalt verändert. Die Nymphe und Zauberin Circe hat in Ulysses‘ Abenteuern ihren zweiten Auftritt in seiner Heimat Ithaka und versucht, die Wiedervereinigung mit Gattin Penelope zu verhindern. Weiters ist ein Barde, es könnte Homer sein, immer rechts an einem Tischchen postiert, der zwischendurch räsoniert oder auch mit eigener Zieharmonika begleitet singt.
Die Musik Keisers ist schon barock mit auch kürzeren Rezitativen und einigen hübschen Arien, die sich auch J.S Bach zunutze machte. Aber in ihr ist noch nicht die vollbarocke Konzision und die Virtuosität der Koloraturen enthalten.
Die Inszenierung von Nicola Raab findet in einem manchmal veränderten Einheitsbild (Ausstattung: Madeleine Boyd), einer Kneipe, ‚Bar Ithaka‘, statt. Davor ein sich aufreckender Baum aus Gehirn- oder Darmwindungen, ohne Äste oder Blätter. Circe kommt hier dem auf eine Person reduzierten Freier Urilas zu Hilfe, um sich selber wieder Ulysses zu gewinnen. Nur vordergründig sagt sie auch Penelope, die sich in die Natur verziehen möchte, Unterstützung zu. Cephalia, eine der Mägde, ist hier die Kneipenwirtin, und erwartet verliebt die Rückkunft von Ulysses‘ Gefährten Eurilochus. In einer Art Spiegelarie erkennt aber Ulysse sich selbst und kehrt dann zu Penelope zurück. Der Zauber Circes übt jetzt keine Macht mehr aus, und sie bleibt allein zurück. Der Spiegel wird Ulysse von zwei Amouretten vorgehalten. Das Ganze zieht sich mit einer Pause 3 Sunden lang hin, bringt im Grunde aber keine neuen Erkenntnisse.
Circe ist Dora Pavlikova mit spritzigem, gestochenem ansatzweisem Koloratursopran in einem hochgeschlitztem Glitzerkleid. Das Gegenteil davon Penelope, Jutta Böhnert, mit weich fließenden Gewändern und mit schönstimmig bravem Sopran, dem romantischen Biedermeier entsprungen. Sehr gut kommt auch Theresa Immerz als quicke Kneipenwirtin zum Einsatz, die auch den Dichter Klaus Brantzen immer mit Met und Schnaps bedenkt und dann selig in die Liebe zu ihrem gut gestylten beherztenTenor Joao Terleira versinkt. Ulysses ist mit Henryk Böhm ein Glatzkopf, der mit klarem ausgreifendem Bariton den Entwicklungsprozeß des Griechenhelden nachzeichnet. Andrew Nolen ist als skeptischer Urilas ein dunkelgetönter pointierter Baßbariton. Erste und zweite Amourette geben Manuela Sonntag und Elena Trobisch, Soprane des Opernchors Heidelberg.
Fagott, Violoncello, Theorbe, Barockflöten und Cembalo stellen gut musizierend Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Heidelberg unter der konzisen Leitung von Clemens Flick.
Friedeon Rosén

