Schwetzinger Festspiele, MALINA, Oper von Karola Obermüller und Peter Gilbert, Libretto von Tina Hartmann nach dem Roman MALINA von Ingeborg Bachmann, Uraufführung 24.4.2026

„Ich“ mit ihren Rappen. Foto: SWR. Schwetzinger Festspiele
Zur Eröffnung der diesjährigen Schwetzinger SWR Festspiele wurde in Kooperation mit dem Theater Aachen, das auch der Auftraggeber war, MALINA im 50. Jahr nach der Erscheinung von Bachmanns einzigem Roman 1971 als Oper gespielt.
Bachmann war vielfältig in das Musikleben ihrer Zeit involviert und Hans Werner Henzes berühmteste Librettistin („Der Prinz von Homburg“, „Der junge Lord“). Ihr Roman ‚Malina‘ enthält als erster moderner Roman integrierte Leitmotive der Protagonistinnen in Notenschrift, allerdings ohne Notenschlüssel, damit das Geschlecht der damit gemeinten Person nicht leicht identifiziert werden kann. MALINA ist vielleicht der erste feministische Roman. Die Hauptpersonen sind das weibliche „Ich“, dessen Mitbewohner Malina und ihr unnahbarer Geliebter Ivan.- Bei dem Kompositionsduo Karola Obermüller & Peter Gilbert ist die ‚Aufgabenverteilung‘ nicht so klar. Aber jedenfalls ist es nicht so, dass die Komposition etwa des Prologs, der die Personen (an Realpersonen kommen nur die beiden Kinder von Ivan hinzu), der 1.Akt („Glücklich mit Ivan“) der 2.Akt („Der 3.Mann“) und der 3.Akt „Von letzten Dingen“ zwischen der Komponistin und dem Komponisten aufgeteilt worden ist. Wer was komponiert hat, steht nicht im Programmheft, und in der Einführung erklärt Karola Obermüller dazu, dass jeweils eine/r einen Teil komponiert habe, der dann vom anderen „supervisiert“ worden sei, bis man sich dann auf eine Endfassung geeinigt habe. Jedenfalls kam der Bachmannsche Roman einer Vertonung wohl sehr entgegen, da die Musik vielschichtige komplexe Gefühle auszudrücken und dabei die verschiedenen Räume kongenial fluten kann. Dazu steht natürlich auch elektronische Musik bereit, und die Autor- innen haben sich auch befleßigt, die ‚Einlesungen‘ des Romans von Bachmann anzuhören und sich von ihren Stimmungen und Redefluss inspirieren zu lassen. In ihren atonalen Teilen kann es auch verstörend wirken, das ist aber bei solchen Themen ja vom Publikum gewollt und wird begrüßt.
Die Inszenierung von Franziska Angerer nutzt geschickt die Gegebenheiten des Rokokotheater. Das „Ich“, Larissa Akbari, flüssig gleißender Sopran, aber oft Sprechgesang, ist fast die Einzige, die sich auf festem Bühnenboden bewegt. Ihre Männer befinden sich öfter auf einer Art Bühnenkanzel oder in Proszeniumslogen. Dadurch sind sie soweit voneinander entfernt, dass es spannend wird, wenn doch eine Interaktion zustande kommen kann. Die Bühne selber ist meist in schwarz gehalten (Pia Dederichs).Die Kostüme meist einfärbig aber auch mit geometrischer Kontur besonders in diesem toxischen Geschlechterspiel des 1.Aktes.Während hier auch Märchen der Icherzählerin/Bachmann eine Rolle spielen, geht es im 2.Akt um Träume und traumatische Aufarbeitung von Gewalterfahrungen/Holocaust/Patriarchat. Der 3.Akt widmet sich mehr und mehr der Beziehung zwischen ‚Ich‘ und Malina, und dieser schält sich als ihr Doppelgänger heraus, der nach ihrem Verschwinden ihre Stelle einnimmt. Es ist der Countertenor Valer Sabadus, der mit bestem Gespür und feinem runden, auch voluminösem Stimmgewölk der Rolle nachspürt. Weiters singen den Ivan baritonal dezidiert: Michael Schröder, Prinzessin und Prinz (im Märchen): Jelena Rakic und Angel Macias, die Kinder Bela und Andras: Kasper Muthmann und Anouk Pflaum Der Opernchor Aachen wird in Aufnahmen eingeblendet, und im Graben spielt das Sinfonieorchester Aachen sehr animiert vom Dirigenten Chanmin Chung.
Friedeon Rose’n

