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SCHWERIN: ANDREA CHÉNIER. Premiere

19.01.2019 | Oper


Zurab Zurabishvili (Andrea Chénier), Karen Leiber (Maddalena). Foto: Silke Winkler

 

Schwerin: „ANDREA CHENIER“ – 18.01.2019

Es ist schon bemerkenswert, dass ein Opernhaus relativ kleiner Größe die gewaltige Revolutionsoper „Andrea Chenier“ (Umberto Giordano) in Szene setzt.  Das Mecklenburgische Staatstheater ging dies Wagnis ein und gewann auf jeder Linie.

Vorzüglich umspann Roman Hovenbitzer den Spagat zwischen Rokoko und revolutionärer „Neuzeit“, zeichnete mit ironischem Seitenblick die Dekadenz der zum Untergang verdammten Aristokratie und den neuen Herren der Gesellschaft mit ihrem blutigen Regiment. Kurzweilig stets am dramatischen Geschehen orientiert stilisiert mit Videoeffekten bereichert, erschien die Szenerie. Eigentlich schade, dass sich der Regisseur  unnötiger überflüssiger Mätzchen wie Eingriffe ins Libretto, Publikumsblendungen (kommen inzwischen bei diversen Regie-Dilettanten wieder in Mode) mittels greller Scheinwerfer bediente. Den Opfern des neuen Regimes blieb der Gang zur Guillotine erspart (wäre ja auch wirklich  schade um manche Protagonisten-Köpfe) man liquidierte die Erbarmungswürdigen per Würgeschlinge.

Hermann Feuchter löste die Aufgabe des Bühnenbildes auf bemerkenswert vorzügliche Weise: ein variabler Rahmen zeigte das Hintergrundgeschehen des ersten Bildes zur pompösen Ausstattung. Die Folgebilder waren von begehbaren Stahlkonstruktionen geprägt,  bestückt mit Bildern und Parolen, per Drehbühne bewegt dazu bestens ausgeleuchtet jeweils ins rechte Licht gerückt. Mit wenigem Instrumentarium schuf man  ideale Atmosphären. Une musicien rouge (Raphael Käding) untermalte mit der Ziehharmonika die verbindlichen „Chansons“ u.a. der Marseillaise die Akte. Weshalb allerdings Maddalena einem mobilen Trixi entstieg und Gerard seine große Arie in der Badewanne absolvierte? Derartige unfreiwillig komische Gags durfte man unter „Kuriosum“ einordnen.

Epochal sehr schöne Kostüme mit Puderperücken, Reifröcken und später modernen Créationen steuerte Roy Spahn bei und rundete somit die vortreffliche Optik bestens ab. Die anmutige Choreographie besorgte Emil Roijer.

Am Pult der Mecklenburgischen Staatskapelle residierte Michael Elis Ingram legte die Partitur in klangmalerischen Tableaus an, verhalf dem narkotischen Sog Giodanos herrlichen Melodien mit dem bestens disponierten Orchester zu idealer Klangentfaltung. Leider schlug jedoch Maestro zuweilen gehörig über die Stränge, ließ es gewaltig krachen und verwechselte Dramatik mit Lautstärke.

Von jenen orchestralen Eruptionen schienen die Solisten wenig beeindruckt und entfalteten sich größtenteils in vokaler Pracht. Allen voran der Titelheld Zurab Zurabishvili wusste die Tücken der Partie auf vorbildliche Weise zu umgehen. Stets am dramatischen Kern des Andrea vermochte  der georgische Tenor sein schön timbriertes Material effektvoll einzusetzen, führte die kraftvolle Mittellage farbenreich sicher intonationsreich gekonnt ins glanzvolle Höhenpotenzial und verstand es dennoch nach Bedarf in herrliche Piani zu wechseln. Das Auditorium honorierte die ungewöhnliche Vokalpräsentation mit euphorischer Begeisterung.

Dem männlichen Gegenpart des Carlo Gérard verlieh Yoontaek Rhim geradezu noble Züge. Sein kräftiger Bariton vereinte metallisches Timbre, ausgezeichnete Deklamation, souveräne Musikalität auf bewundernswerte exakte Weise und sicherte sich ebenso einen Großteil der Publikumsgunst.

Wie alle Solisten verstand es auch Karen Leiber den darstellerischen innerpsychischen Prozessen ihrer Figuren in beklemmend glaubwürdiger Weise gerecht zu werden und verkörperte eine berührende Maddalena. Die Sopranistin besitzt zwar eine warme Grundierung des Organs, konnte mich jedoch hinsichtlich der Registerbrüche und

den Schwächen während der hohen Lagen weniger überzeugen. Ich gewann den Eindruck die Dame mobilisierte ihre Kräfte  für das überwältigende Final-Duett.

Mit schönem Timbre und warmen Mezzotönen gesegnet punktete Hanna Larissa Naujoks und verhalf der Bersi ebenso zu optischer Attraktivität.  Eine junge Madelon mit sehr hellem merkwürdig intonierentem Mezzosopran gestaltete Itziar Lesaka. Dunkle reife Töne vernahm man dagegen von Jasmin Etezadzadeh (Contessa di Coigny).

Tenorale Charakterzüge schenkte Bruno Vargas den Partien Fouquier Tinville + Maestro di casa. Mit angenehm weichem Bariton sang Sebastian Kroggel den Roucher. Paul Kroeger glänzte mit den Studien des Dumas,  L‘abbate, Incredibile. Zur Ergänzung des Ensembles waren Cornelius Lewenberg (Fléville/Mathieu) sowie Olaf Meißner (Schmidt) zu vernehmen.

Zu intensiver Gestaltung und prächtiger Vokalentfaltung gaben der Opernchor und Extrachor (Joseph Feigl/Friedemann Braun) dem dramatischen Gepräge u.a. der Tribunal-Szene besonderes plakative Aspekte.

Mit frenetischem Beifall und Bravos bedachte das Publikum alle Mitwirkenden incl. Produktionsteam.

Gerhard Hoffmann

 

 

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