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SARSINA (Emilia-Romagna)/PLAUTUS FESTIVAL: CÀSINA von Plautus, PLUTO von ARISTOPHANES

19.09.2021 | Theater

SARSINA (Emilia-Romagna)/PLAUTUS FESTIVAL: CÀSINA von Plautus, PLUTO von ARISTOPHANES

am 16.8. und am 19.8.2021

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Es gibt Theaterautoren, die allen ein Begriff sind, deren Werke man aber nahezu nie zu sehen bekommt. TItus Maccius Plautus ist ein solcher. Er gilt als der produktivste und erfolgreichste römische Komödiendichter. Dennoch findet (vom Miles gloriosus einmal abgesehen ) kaum je ein Stück von ihm den Weg auf die Bühne. Und das trotz des großen Einflusses, den er auf die europäische Dramenliteratur ausgeübt hat: von Shakespeare über Molière, Kleist und Lessing bis hin zu Stephen Sondheim.

Ein kleines Dorf in den Appeninnen hält ihm und seinem Schaffen jedoch immer noch unverbrüchlich die Treue. Es heisst Sarsina, zählt derzeit 3372 Einwohner und hat dazu auch eine gewisse Verpflichtung, ist doch Plautus (wahrscheinlich 254 v.Chr.) hier geboren worden. Da man außer ihn eigentlich keinen anderen grossen Sohn aufzuweisen hat, widmen sich die Sarsianer dieser Verpflichtung aber mit großer Leidenschaft.

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Ein Plautus-Fresco an der Piazza. Foto: Robert Quitta

Es gibt ein kleines, aber feines Plautus-Museum, Theater, Restaurants und Spitäler sind nach ihm benannt, man zeigt sogar eine „Casa Plautus“ (was natürlich ein Holler ist). Die liebevollste Huldigung seiner „Nachfahren“ an den weltberühmten Dichter befindet sich jedoch in den Arkaden rund um den reizenden Hauptplatz. Da sind auf unzähligen Fresken sowohl Szenen aus seinen Komödien als auch deren Inhaltsangaben dargestellt. Man kann also (womöglich mit einem Glas Prosecco in der Hand) in der Abenddämmerung gemütlich um die Piazza (das ehemalige Forum) schlendernd in kürzester Zeit quasi ein theaterwissenschaftliches Open-Air-Hauptseminar in Sachen Plautus nachholen. Weltweit eigentlich einzigartig.

Am allerallerstolzesten sind die Sarsianer bzw. Sarsinaten jedoch (völlig zu Recht) auf das von ihnen alljährlich im Sommer veranstaltetes PLAUTUS FESTIVAL. Dafür haben sie sogar in einen benachbarten Hügel extra ein (modernes) Amphitheater hineingebaut, das leider sehr hässlich ist, aber immerhin viiielen Leuten Platz für Theateraufführungen bietet.

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Die Arena Plautina. Foto: Robert Quitta

Wir konnten heuer vom Meister selbst seine Komödie „Càsina“(Betonung auf dem ersten a) sehen.

Darin geht es um eine junge Sklavin gleichen Namens (die nie auftritt), in die sich der alternde Hausherr Lisidamo verschaut hat. Sein angetrautes Eheweib Cleòstrata versucht naturgemäss, den sexuellen Vollzug dieses Flugerls zu verhindern – mithilfe ihres Sklaven Calino. Dieser verkleidet sich als Càsina und kommt statt ihrer zum Stelldichein. Was nun daran so wahnsinnig lustig sein soll, dass ein alter Lustgreis auf eine fesche Transe reinfällt und warum sich die alten Römer deswegen massenweise auf die Schenkel klopften, bleibt uns Heutigen doch ziemlich unverständlich und berührt uns eher peinlich. Und so wurde dieser Abend – trotz des Aufgebots von so „monstres sacrés“ des italienischen Theaters wie Mariano Rigillo und seiner(auch im richtigen Leben) Gattin Anna Teresa Rossini eigentlich zu einer Enttäuschung und zu keinem Plädoyer für den Lokalmatador.

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Mariano Rigillo in „Càsina“. Foto: Robert Quitta

Da war die zweite Produktion, die wir sehen durften, schon von einem ganz anderen Kaliber. Es handelte sich dabei um des Grossmeisters der attischen Komödie, Aristophanes‘ letztes Werk mit dem schönen Namen „Pluto“(Reichtum, Gott des Reichtums), dargeboten vom Schauspielkollektiv

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Die Armut und der Reichtum. Foto: Robert Quitta

„La bottega del Teatro“ aus der benachbarten Kreishauptstadt Cesena.Die Handlung ist äußerst ungewöhnlich: Pluto ist hier ein alter, blinder Mann, der sich nicht traut, seinen Namen auszusprechen, weil dann alle was von ihm wollen. Auf Befehl des Orakels von Delphi nimmt sich der arme Schlucker  seiner an und bringt ihn zum Heiligtum des Askleipios, um ihn wieder sehend zu machen, damit der Gott den Reichtum in Hinkunft gefälligst gerechter verteilt. Was auch geschieht …worüber sich wiederum jene beschweren, die er noch in seiner Blindheit mit Reichtümern überschüttet hat. Um wieder Frieden herzustellen, versucht die Göttin der Armut Penía (eine großartige Figur), die Menschen vom Segen der Mittellosigkeit zu überzeugen…was ihr allerselbstverständlichst nicht gelingt…

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Der arme Pluto. Foto: Robert Quitta

Der Unterzeichnete gesteht, dass ihm so genannte zeitgenössische Aktualisierungen antiker Klassiker unheimlich auf den Senkel gehen.Wobei man sagen muss, dass das gerade bei Aristophanes immer schon so war, denn die Fassung von Pluto (aber auch von Lysistrata), die uns vorliegt, ist bereits eine einige Jahrhunderte später auf die damalige Gegenwart aufbereitete. Wie dem auch sei: so witzig und gescheit wie die Leute von der Bottega in Cesena den Stoff auf italienische Verhältnisse adaptieren (da hat ja erst vor kurzem der Vizepremierminister der Cinque-Stelle-Bewegung vom Balkon des Regierungspalastes aus tatsächlich nichts Geringeres als das Ende der Armut verkündet), kann man (auch wenn man als Ausländer nicht alles versteht) nur rückhaltlos begeistert sein. Vor allem, wenn es von so einem großartigen Ensemble wie diesem hier dargeboten wird – mit dem unendlich berührenden Stefano Biccochi (genannt Vito) als Pluto und der unendlich furchteinflössenden Barbara Abbondanza (nomen est omen!) als Armut.

Spielt wenigstens Aristophanes, wenn ihr schon nicht Plautus spielt…!

Robert Quitta, Sarsina

 

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