Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

SARLEINSBACH/OÖ/ Nordwald Kammerspiele im Schloss Sprinzenstein: HELMBRECHT. Musiktheater von Claudia Federspieler und Johannes Huber

30.07.2026 | Oper in Österreich

Ein altes Schloss ist aus dem Tiefschlaf erwacht

helm

Mit dem Musiktheater „Helmbrecht“ begeben sich die Nordwald Kammerspiele im Schloss Sprinzenstein bei Sarleinsbach auf historische Spuren – Bericht von der bejubelten Vorstellung einer neuen Oper von Claudia Federspieler am Mittwoch, 29. Juli 2026

  Sie kennen das Schloss Sprinzenstein nicht? Das ist bei der Fülle von Baudenkmälern in Österreich aus früheren Zeiten keine Bildungslücke. Derzeit ist es allerdings höchste Zeit, seine Aufmerksamkeit auf das Dorf Sarleinsbach zu lenken. Dort wird vom 24. Juli bis 8. August von heimischen Kräften mit Unterstützung umliegender Vereine auf hohem Niveau Theater gespielt. Und noch dazu unter freiem Himmel, eine großartige Sache, wenn das Wetter mitspielt, auf der ca. 600 Personen fassende Tribüne. Ich hatte Glück und genoss die dritte Vorstellung als großes Ereignis im kleinen Ort bei herrlichem Abendwetter. Die Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Da öffnete sich vor den Augen eine für den Ab- und Zugang praktisch konstruierte Bühne, man dachte an ein Nestroy-Stück, und ließ „zu ebener Erde und im ersten Stock“ ein zündendes Spiel ablaufen. Drei Stunden inclusive Pause ein das Interesse fordernde Stück aus der Ritterzeit, von dem man vielleicht schon im Volksschulalter gehört hatte.

Bei den seit einigen Jahren hierzulande erprobten Sommertheater-Projekten wird jeweils auf aktuelle Themen Wert gelegt und in Abstimmung mit der Vergangenheit des Ortes wieder die richtige Stoffwahl gefunden. Diesmal griffen die Kammerspiele mit ihrem theaterversierten Obmann Karl Lindorfer die 400 Jahre zurückliegenden Bauernkriege auf und untersuchten akribisch die Quellen des mittelalterlichen Geschehens. Die Versnovelle „Meier Helmbrecht“ des Dichters Wernher der Gartenaere aus dem 13. Jahrhundert galt über Generationen im oberösterreichischen und bayerischen Raum als Kulturgut. Erzählt wird darin vom Bauernsohn Helmbrecht, der die Feldarbeit verschmäht, und den es wider Willen des Vaters in die große Welt zieht. Einige neue Phantasiesplitter des Regisseurs und spannende Ideen zum Aufleben der Urdichtung sollten dem Original sehr nützlich werden, wenn man in Einzelheiten der Dichtung eintaucht und diese aussagebetont in den Mittelpunkt stellt. So kehrt Helmbrecht von seiner „Flucht“ zum ersten Mal nach Hause zurück, um Vater, Mutter und Schwester als Beweis seines reichen Lebens mit Geschenken zu überhäufen. Unerkannt geht er wieder zurück in die große Welt. Auch seine aufflammende Liebe zur früheren Freundin Cleopha (Juri Eckerstorfer) kann ihn nicht zum Verbleib in der heilen Welt des Familienlebens bewegen. Der Vater verweist den Sohn, als dieser verletzt, blind und auf Krücken gestützt vom Krieg heimkommt, des Hauses. Von Bauern, die er plünderte und schändete, wird er hingerichtet. Ein Raubritter ist aus Helmbrecht geworden. Ein Gauner, der Klöster ausraubt, stiehlt und lügt, was eine büßende Strafe verdient.

Die Darstellung vom ausbrechenden Kampfgeist in der Vorstellung verblüfft an so manchen Stellen durch die tiefsinnige Hingabe an das Werk. Die Mitwirkenden aller Altersklassen bis zu noch gar nicht reifen Schulkindern ließen ihr Theaterblut reichlich fließen, als hätten sie es durch ihre Herkunft geerbt bekommen. Die NordwaldKammerspiele beweisen wieder einmal ihre theatralische Stärke und machten sich nicht zum ersten Male durch die Pflege von Verschmelzung der regionalen Geschichte mit gegenwärtiger Relevanz einen Namen. Bewährte Titel von Stücken wie „Leinenhändlersaga“, „Obersteiger“ und „Bauer, Tod und Teufel“ künden vom bisherigen Erfolg ihrer Theaterspiele.

Soweit also die Synopsis des mittelalterlichen Rittergedenkens auf Schloss Sprinzenstein. 

Die aus Südtirol stammende, in Linz lebende Komponistin Claudia Federspieler, stellte sich für die Vertonung des von Johannes Huber neuverfassten Textes mit ihren kontrapunktischen Fähigkeiten gekonnt zur Verfügung. Im Brotberuf Primgeigerin im Bruckner Orchester Linz, bewies sie längst ihre vielfältige Kreativität, die sich schon im Kindesalter zeigte. Über 70 Werke verschiedenster Sparten von Kammermusik bis Oper umfasst ihr bisheriges Oeuvre. Bei den NordwaldKammerspielen schätzt man ihre gediegene schöpferische Arbeit. Ihre Musik erschließt sich jedem Hörer spontan. Statt atonal zu schreiben oder krampfhaft gesuchten Modernismen eine Chance zu geben, wirkt ihr stilistisch zeitloses Konzept von Nachhaltigkeit und verrät deutlich eine persönlich aussagestarke Handschrift. Wenn es gestattet und eine Orientierung Federspielers an Vorbildern auszuschalten ist, möchte ich eine leise Anpassung an den illustrativ bildhaften Ton gültiger Neutöner etwa eines Arvo Pärt oder Kurt Schwertsik erwähnen. Weil bei Federspieler Klangfarben, Instrumentierung und Tanzdynamik ihre Musik gemeinsam auszeichnen. Die Komponistin am Konzertmeisterpult des Kammerspiel-Orchesters war unmissverständlich ein sicherer Garant für die Qualität der Aufführung, dirigiert von Thomas Eckerstorfer.

Die Liste aller zur Produktionsleitung von Karl Lindorfer zählenden Mitarbeiter, Chorsänger, Tänzer, Kostümbildner und last not least die personalintensive Besetzung mit Sängern von professionellem Rang veranlasst zu einem ganz lauten, verdienten Pauschallob. Als Protagonisten Arnold Kehrer als Titelheld, Paul Linecker als Vater, Erika Zwirtmayr als Mutter, Elisabeth Baehr als Schwester, Christian Haimel in der Rolle des Berthold, Pauline Simmel jener der Mechthild, Nora Huber der Radegund und Karl Lindorfer des Meier Ruprecht. Gilt nun das neue, uraufgeführte Ritterwerk als eine Oper, Musical oder als was sonst? Ist nicht wichtig, berühmt wurde es durch die kaum zu überbietende Meisterleistung eines theaterbesessenen Volkes im Lande, für die das Publikum nicht lange genug applaudierte. Bravissimo!

Georgina Szelles

 

 

Diese Seite drucken