SANTA CRUZ DE TENERIFE: ROMÉO ET JULIETTE – Premiere am 15.3.2026
Gehobene Ästhetik

Copyright: ©Auditorio de Tenerife/Miguel Barreto
In einer äußerst sehenswerten und nahezu traumhaft schönen, ja gar als opulent zu bezeichnenden Inszenierung des brasilianischen Regisseurs André Heller-Lopes aus Rio de Janeiro, brachte die Ópera de Tenerife in einer Produktion des Auditorio de Tenerife nun eine Neuinszenierung von „Roméo et Juliette“ aus der Feder von Charles Gounod heraus. Heller-Lopes hat mit seinem normalen Schwerpunkt in Brasilien und Lateinamerika schon sehr oft auch in Europa gearbeitet. Er inszenierte hier im Auditorio Ádán Martín nun seine zweite Produktion nach einer ebenso erfolgreichen „Rusalka“ im letzten Jahr. José Luis Gómez dirigierte das Symphonische Orchester von Teneriffa, welches sich in Bestform präsentierte. Das typische französische Flair der Musik Gounods wurde überzeugend und auch emotional in bestem Einklang mit dem Bühnengeschehen herausgearbeitet.
Der Regisseur stellte mit seinem Bühnenbilder Renato Theobaldo, der schon seit langem mit ihm zusammenarbeitet, die Ränge des heute nicht mehr existierenden Théâtre-Lyrique de Paris auf die Bühne, wo „Roméo et Juliette“ 1867 seine Uraufführung erlebte. Natürlich kommt auch der legendäre Balkon bestens zur Wirkung. So findet die Inszenierung praktisch als Musik-Theaterstück im Theater statt, in dem der einstmalige Prunk der eklektischen Ausstattung des alten Theaters mit vorwiegend dunkelrot/goldenen Tönen gebührend zur Wirkung kommt.

Copyright: ©Auditorio de Tenerife/Miguel Barreto
Auf der anderen Seite zeigt man aber auch Gerüste, die die bühnenhohen Aufbauten zusammenhalten, dazu Staubvorhänge, die von laufenden Arbeiten (Reparaturen?) aber auch von Instabilität und damit Unsicherheit sowie Gefahr zeugen. Das ganze riesige Bühnenkonstrukt scheint in einer gewissen Schwebe zu stehen, im Spannungsfeld zwischen der energiegeladenen Feindschaft zwischen den Montecchi und Capuleti, der die so überzeugende und intensive Liebe von Romeo und Julia entgegensteht, aber letztlich doch unterliegt.
Das Bühnenbild und die spektakuläre, etwas zu bunte große Geburtstagsfeier für Julia zu Beginn vermitteln noch eine gewisse Hoffnung auf eine neue Belebung der Beziehung zwischen beiden Familien. Der Regisseur lässt das hier bewusst offen. Er gibt dem Publikum so die Möglichkeit, mit diesen Bildern selbst zu assoziieren bei einer intensiven und auf hohe Emotionalität abstellenden Personenregie. Sie wirken opulent, sind aber vielleicht nur vordergründig so, denn im Hintergrund scheinen sie auch zerbrechlich, wie der Übergang in die dunkelblaue Balkonszene zeigt, wo sich die beiden näher kommen.
Kostümbildnerin Sofia di Nunzio siedelt mit zeitgenössischen Kostümen das Stück in der Gegenwart an, sodass sich auch junge Leute jederzeit mit dem Inhalt assoziieren können. Natürlich kommt Romeo mit einer Lederjacke und Julia auch einmal im Trenchcoat. Das passte aber alles sehr gut zusammen.
Im Übrigen ist das Thema des Stücks auch heute in einigen Ländern immer noch aktuell, so unter anderen in Brasilien. Hervorragend war wieder die Lichtregie von Gonzalo Córdova, der im Creative Team von André Heller-Lopes immer wieder durch eine sehr konzentrierte und auf Emotion setzende Lichtregie auffällt.

Copyright: ©Auditorio de Tenerife/Miguel Barreto
Auch gesanglich war fast alles sehr gut. Leider war Airam Hernández als Roméo etwas indisponiert, konnte also nicht so singen, wie man es von ihm gewohnt ist. Er hat es dennoch recht gut gemacht und war auch darstellerisch überzeugend. Sofía Esparza, eine Spanierin aus Pamplona, sang die Julia mit einem lyrisch timbrierten, aber dennoch zur Attacke fähigen, leuchtenden Sopran und wirkte auch optisch nahezu ideal für die Rolle. Simón Orfila war mit seinem ausdrucksstarken und prägnanten Bassbariton als Bruder Laurent sehr gut, und Fernando Campero gab einen engagierten Mercutio mit kraftvollem Bariton. Graf Capulet war Anton Keremidtchiev mit souveräner Darstellung und gutem Bariton. Er hatte hier in der letzten Saison den Fliegenden Holländer gesungen.
Auch alle kleineren Rollen waren gut besetzt von Christina Campbsall, Stéphano; Belén Elvira, Gertrude; Mario Bahg, Tybalt; Manuel Gómez Ruig, Benvolio; Guillermo Montecino, Grégorio; Romanas Kudriašovas, Pâris; und Mikhail Biryukov, Herzog von Verona. Der von Miguel Ángel Arqued geleitete Coro Titular Ópera de Tenerife – Intermezzo sang kraftvoll und transparent. Auch das Centro International de Danza Tenerife war chorografisch beteiligt.
So wurde dieser Abend nicht nur für das leading team und die Sängerdarsteller, sondern auch für Direktion von José Luis Rivero und Daniel Cerezo ein großer Erfolg. Sie treffen hier offenbar den Nagel auf den Kopf und haben immer wieder ein volles Haus. Diese Premiere war auch wieder ausverkauft, und die beiden weiteren Abende waren ebenfalls bereits weitgehend ausverkauft. Und das bei über 1.500 Plätzen!

Copyright: ©Auditorio de Tenerife/Miguel Barreto
Nun ist „Roméo et Juliette“ nicht unbedingt ein Kassenschlager, aber es ist eindrucksvoll, was hier auf den Kanaren, die doch uns Mittel- und Nordeuropäern vor allem bei Ferien-Überlegungen in den Sinn kommen (Turismo de Gran Canaria hat diese Reise auch gesponsert), gemacht wird. Und das Publikum ist sehr verständnisvoll, applaudiert kenntnisreich, oft mehr als in unseren Breiten… So sei allen Opern-affinen Touristen bei einem Besuch von Teneriffa ein vorheriges Studium der Ópera de Tenerife am besten unter dem Titel Auditorio Ádán Martín ans Herz gelegt. Das ausgezeichnete und inhaltvolle Saisonprogrammheft hat etwa die Dicke jenes der Salzburger Festspiele. Als nächstes kommt Ende April „Herzog Blaubarts Burg“!
Klaus Billand

