Salzburger Dom, 10.10.2026: Antrittskonzert Christian Thielemann in Salzburg
Eine Aufführung von Bruckners Siebter im Salzburger Dom verspricht kein gewöhnliches Antrittskonzert. Eine solch kühne Unternehmung stellt sich dem unbezwingbaren Reiz angesichts der Analogie von Architektur und Musik, errichtete der einstige Domkomponist Bruckner mit seiner Musik doch weit in den Himmel ragende Kathedralen.
Der Nachhall unter der Kirchenkuppel ist indes gewaltig, das stellt Musiker und Dirigent besonders angesichts von Bruckners gewaltigen Blockakkorden vor große Herausforderungen.
Wie gewaltig er speziell im Salzburger Dom ist, ließ sich schon in den ersten Takten vernehmen, als sich die Celli mit ihrer betörend schönen aufwärtsstrebenden Melodie erhoben. Nur ein Klangzauberer allerhöchsten Ranges wie Christian Thielemann vollbringt es, dass sie in berückender Schönheit gelingen.
Ihm, dem Solitär, ist es gegeben, seine Ohren auf die schwierigsten akustischen Verhältnisse passgenau auszurichten. Der Graben des Bayreuther Festspielhauses, an dem nicht wenige andere Granden haushoch scheiterten, steht beispielhaft dafür.
Für die Tücken in der Kathedrale tauscht er kurzerhand sein „Bayreuth-Ohr“ gegen ein ebenso hochsensibles „Salzburger Dom-Ohr“ aus.
Was er hier leistet, insbesondere in den Ecksätzen und im Scherzo mit dem markanten Trompeten-Thema erscheint einzigartig. Schon nach wenigen Minuten hat man den Dauerhall vergessen, staunt, dass die kostbar erarbeiteten Details in Klang und Dynamik sich trotz der Gegebenheiten klar vernehmen lassen.
Die im Orchester versammelten Studenten werden über diese Bewährungsprobe schon einmal mit den Ansprüchen des Meisters vertraut, die sich an Spitzenorchestern orientieren.
„Die Früchte hängen hoch“, sagte Thielemann vorab in den Salzburger Nachrichten.
Recht hat er! Die limitierte Zeit eines Ausnahmekünstlers reicht nur, um sie jungen Künstlern zu widmen, die in den Olymp der Klassik streben.
Die Früchte hängen aber noch aus einem anderen Grunde hoch. Thielemann ist zweifellos nicht entgangen, dass die Wiener Musikwelt gerade nach einer phänomenalen Wiedergabe von Bruckners Achter vor noch einem anderen Giganten niederkniet. Helga Rabl-Stadler, eine der höchsten Repräsentantinnen der österreichischen Kulturpolitik, die vor sieben Tagen im Musikverein saß, sitzt auch im Dom. Die Aufmerksamkeit im restlos ausverkauften Dom ist immens.
Thielemann, der mit den Wiener Philharmonikern alle elf Sinfonien des oberösterreichischen Spätromantikers famos in Bild und Ton verewigte, muss indes niemand vormachen, wie ein Bruckner schwer-dunkler Blüte zu tönen hat. Und sei es im Salzburger Dom, in den sich wohl kaum ein anderer überhaupt erst wagen würde. Mit absolutem Maximum an künstlerischer Potenz kontert er das Wiener Beben.
Er ist der Garant für das Gelingen! Nicht eine einzige Frucht bleibt folglich am Baum hängen.
Auf einem Silbertablett serviert er die ertragreiche Ernte.
Geprobt wurde dafür bestimmt bis zum Unfallen wie zuletzt in Berlin für „Wozzeck“ und „Die schweigsame Frau“, unerbittlich und mit dem Anspruch der denkbar größten Perfektion.
Die langsamen Sätze, die feierlichen Adagios, stets Bruckners Herzstücke, sind seine Spezialität. Wenn die Streicher mit dem Thema der drei aufsteigenden Viertel einsetzen, markig mit dichten breiten Bogenstrichen vorgetragen, ist die feierliche Atmosphäre besonders intensiv zu spüren, eine höchste Andacht waltet da im Raum. Nicht immer höre ich diese drei Viertel in dieser majestätischen Schönheit. Die Akzente, die der Komponist darüber geschrieben hat, sind vernehmbar, zugleich aber spielen die jungen Leute hier wie es sein soll, Linien ohne jedwede Löcher dazwischen, wie leider in anderen Aufführungen vielfach zu hören. In der Dichte des Spiels erstrahlen sie in der gebotenen Pracht.
Ein Traum ist natürlich wie in allen grandiosen Interpretationen dieser Sinfonie das zärtliche Thema in den Violinen mit den begleitenden Achteln in den Violen und Celli, die ihm einen fast wiegenliedähnlichen Charakter geben. Bei aller weltlichen Glückseligkeit liegt darin auch etwas Heiliges.
Das nenne ich die hohe Kunst des Transzendierens.
Das Adagio geht freilich wie in dieser Aufführung am tiefsten ins Herz, wenn es die Ruhe verströmt, die Bruckner in seiner Partitur vielfach ausdrücklich vermerkt. Das betrifft auch die etwas dräuenden Akkorde der Tuben im Übergang zu diesem Thema. Pianissimo stellt Bruckner sie sich vor, und das ist nahezu eine Zumutung auf diesen Instrumenten mit ihrem gewaltigen Volumen, erst recht in einer Kirche. Aber was hier unter Thielemanns magischen Händen gelingt, geht weit über das übliche Niveau eines Studentenorchesters hinaus.
Wie lange ein voll tönendes Orchester unter der Domkuppel nachhallt, wird vollends in den Generalpausen des Finalsatzes bewusst. Gefühlt sind es 20 Sekunden.
Auf der Achse zwischen Wien und Salzburg erleben wir einen einmaligen spektakulären goldenen Herbst der Bruckner-Interpretation! So dicht nacheinander lassen sich musikalische Höhenflüge selten erleben. Was für ein Fest!! Der Oktober 2026 schreibt sich schwergewichtig in die sinfonische Aufführungsgeschichte des zu seinen Lebzeiten vielfach unverstandenen Komponisten ein, der sicher viel dafür gegeben hätte, seine Schöpfungen derart vollendet zu erleben! Noch dazu im sakralen Raum!
Bruckners Geist schwebte spürbar über dem Altar, an dem Thielemann das Hochamt verrichtete.
Am Ende hat das Publikum im restlos ausverkauften Salzburger Dom eine singuläre Meisterleistung erlebt.
Kirsten Liese

