Gedanken zum Konzert am 18. April 2026
Mikhail Pletnev & Marc Bouchkov: Kammermusik als geistige Begegnung im großen Saal der Mozarteum Stiftung.
Es gibt Künstler, die gemeinsam auftreten – und solche, die gemeinsam denken. Mikhail Pletnev und Marc Bouchkov gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Ihr Auftritt in der Stiftung Mozarteum Salzburg war kein bloßes Generationentreffen, sondern getragen von einem künstlerischen Gleichgewicht, das sich nicht aus Routine speist, sondern aus gegenseitiger Wachheit.
Pletnev, dessen pianistische Autorität längst Legende ist, begegnet Bouchkov nicht als Mentor, sondern als Partner. Bouchkov antwortet mit großer künstlerischer Souveränität – vom ersten bis zum letzten Ton. Die eigentliche Besonderheit lag jedoch in der Verwandlungskraft ihres Spiels: Jedes Werk schien sich neu zu erfinden. Bekannte, vielfach gespielte Stücke des Repertoires wirkten plötzlich, als höre man sie zum ersten Mal.
In der Violinsonate von César Franck öffneten sich unerwartete klangliche Räume – Farben und Stimmungen, die sich jeder Beschreibung entzogen. Vertrautes wurde geheimnisvoll. In der Sonate von Edvard Grieg zeigte sich dies besonders eindrücklich: Nach einem schwebenden Beginn durch Pletnev trat Bouchkov im zweiten Satz mit einer Selbstverständlichkeit ein, die weniger wie ein Einsatz wirkte als wie die Fortsetzung eines bereits atmenden Gedankens.
Im Zentrum des Abends stand die Sonate von Alexey Shor und Mikhail Pletnev – ein Werk ihrer künstlerischen Begegnung, das sich bewusst gegen die ästhetische Strenge vieler zeitgenössischer Strömungen stellt. Shor, mathematisch geschult und weltweit gespielt, schreibt Musik, die sich nicht dafür entschuldigt, tonal zu sein – eine Musik, die Melodie als gültige Ausdrucksform behauptet, in einer Zeit, in der „modern“ oft mit „hermetisch“ verwechselt wird. Seine melodische Wärme trifft auf Pletnevs Präzision und dessen kompositorische Ergänzungen, die dem Werk eine zusätzliche Dimension verleihen.
Gemeinsam zeigten Pletnev und Bouchkov, dass Kammermusik ein gedankliches Miteinander sein kann – und dass zeitgenössische Musik berühren darf, ohne sich zu verkleiden. Eine humorvolle Improvisation über ein Violinschmankerl von Fritz Kreisler als Zugabe beschloss einen Abend, der in seiner Intensität wohl lange nachhallen wird.
Hans-Ulrich Müller

