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SALZBURG/ Landestheater: „L`ITALIANA IN ALGERI“

05.10.2026 | Oper in Österreich

4.10. 2026 – Landestheater Salzburg: „L`ITALIANA IN ALGERI“

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Ensemble. Foto: Tobias Witzgall

 Nun, man müsste den Bericht in zwei Teilen abfassen: eine Reportage und eine Kritik! In der Reportage kann von großer Begeisterung des nachmittäglich ausverkauften Hauses berichtet werden, von viel Freude und Lachen und einem veritablen Erfolg! Von Zwischen-Appläusen nicht nur nach Arien, sondern auch einfach mal hinein: sogar in die Ouvertüre, die – wieder einmal „inszeniert“ – schon ein wirklich gelungenes Zirkusleben in bunten Bildern (eine Wohltat zum heutigen oftmaligen  Schwarz-Grau-Weiss im Zirkuszelt (Bühne: Philip Rubner , ausgezeichnet, nur leider „falsches Werk“!) bot. Angereichert mit 4 Zirkusclowns (laut Programmheft, auf dem bezeichnenderweise nicht die Protagonistin am Titelblatt zu sehen ist, sondern eine Artistin – klein im Hintergrund der Bey – äh.. Verzeihung „Zirkusdirektor“) die gefühltermaßen dreimal so oft auf der Bühne waren als jeder Sänger und ihre Sache tadellos beherrschten. Besonders gefeiert wurde am Schluß auch – zu Recht – Lea Toran Jenner, die mit Charme und unglaublichem Können neben Pool-Dance auch akrobatische Einlagen der Sonderklasse ablieferte! Kein Wunder gehört sie schon mit ihren jungen Jahren zur Creme de la Creme der internationalen Zirkuswelt, mit Auftritten in der ganzen Welt. „Arienunterbrechenden“ Applaus errang sie im zweiten  Akt, als sie dem Tenor bei seiner für die Scala nachkomponierten Arie „ Concedi, amor pietoso“ per Handstand mit ihren Zehen, weit hinter ihrem Kopf, Lindoros Rose aus der Hand nahm.

     Schön, daß mal ein beschwingtes Theatererlebnis ohne Zeigefinger und hintergründige Deutungen ablief, denn es ist auch das Recht des Publikums sich einfach zu unterhalten! Und das taten sie alle! Wobei ich mich erdreiste zu behaupten, daß sich die Freude über Akrobatik, Zirkusluft und Musik und Oper wohl in etwa die Waage gehalten haben.

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Theodore Browne, Nicole Lubinger, Daniele Macciantelli. Foto: Tobias Witzgall

     Aber beginnen wir mit der Kritik: Handwerklich war da sicher viel Zeitaufwand getrieben worden, und einige Szenen waren wirklich komisch und durchdacht! Aber es wurde eben NICHT „L`Italiana in Algeri“ gegeben, uraufgeführt 1813 in Venezia: Rossinis Musik war da – ein kleiner Einschub von Haly (Yevheniy Kapitula) , der nach der Einleitung zu seiner Arie von den „Femmine d`Italia“  plötzlich beginnt mit „Der Vogelfänger bin ich ja“ einzusetzen ( das passt sehr gut dazu!) und auf den Tadel des Dirigenten mit einem entschuldigenden „Aber wir sind ja in Salzburg“ antwortet, ehe dann die Arie richtig los geht, war eine sehr nette Idee. Aber das Libretto von Angelo Anelli wurde zum Teil nicht umgesetzt und auch nicht das, was dahinter steckt. Rossini komponierte sein in der frühen Schaffensperiode entstandenes Werk – bereits 1808 hatte Luigi Mosca dasselbe Libretto vertont – in einer Zeit, wo Begeisterung für den Orient herrschte, wohl auch durch Napoleons Ägyptische Expedition befeuert. Grundlage für Anellis Libretto könnte dabei auch eine gewisse Antonieta Frapoli gewesen sein, die, von nordafrikanischen Korsaren entführt, drei Jahre am Hofe des Bey von Algier lebend dann 1808 ohne Zahlung eines Lösegeldes freikam. Die erste Frau des Beys sah durch die Italienerin die Vormachtstellung gefährdet und soll sie wesentlich unterstützt haben. Warum Alexandra Liedtke (Inszenierung) alles versucht, um nur ja nichts „muselmanisches“ im Werke zu belassen entzieht sich meiner Kenntnis. Sollte es aus – grundfalscher! – sogenannter „correctness“ gewesen sein – nach dem Motto : ein Bey darf heute nicht mehr der „Böse“ sein (wobei man hier ja doch alles mit einem Augenzwinkern versehen muss) ist es noch schlimmer als es ohnehin war. Das Werk lebt von der Verschiedenheit der Kulturen, das „exotische“ war zu Rossinis Zeit wichtig – hier waren alle – uniform – aus der Zirkuswelt. Aufgrund der dauernden (Über-) Aktionen waren die Sänger ob ihrer Leistung zu bewundern – dass die letzte Erfüllung der Rossinischen Meisterwerke, die von Exaktheit, feinsten Nuancierungen und Abstimmungen Graben – Bühne leben, nicht immer gelangen, muss man Ihnen wohl nachsehen. Und natürlich ließ sich nicht alles im Text so „hindrehen“, dass es zum Zirkus passt! „Pensa alla patria“, der patriotische Weckruf der Isabella an ihre Mitgefangenen – da ist es manchmal ganz gut, dass dreiviertel des Publikums keine Ahnung haben worüber im Detail gesungen wird. Einen Geschlechterkampf, den wollten weder Rossini noch Anelli schaffen, dessen kann man sich sicher sein. Aber irgendwie lief es da darauf hinaus, wenn man Isabella in einen an eine Emanze erinnernden, sehr männlichen Hosenanzug steckt (Kostüme: Su Bühler), diese Männlichkeit  mit welliger Kurzhaarfrisur noch unterstreicht! Wenigstens half da die lieblich-frauliche Ausstrahlung von Katie Coventry, um die Begeisterung des Mustafa für sie zu erklären. Sie singt recht musikalisch und versucht intelligent die Klippen für sie zu umschiffen, das soll man ihr hoch anrechnen. Im „Pensa alla patria“ dann nimmt sie noch alle Kraft zusammen und geht auch stimmlich aus sich heraus. Aber leider war das insgesamt doch zu schmalspurig, eine Rosina in Algier – aber als Ensemblemitglied muss man eben singen was gebraucht wird. Gleiches trifft auf Nicole Lubinger zu! Aufgewertet schon durch die Regie als eine Art „Belcanto-Nedda“ besticht sie einerseits mit Bühnenpräsenz, köstlicher Mimik als auch mit einer stupenden stimmlichen Leistung. Sie demonstriert, wie man mit exzellenter Technik auch mal einen „lirico“ zu Rossinischen Koloraturen drillen kann, die gestochen und in allen Lagen gut hörbar kommen. In den Ensembles führt sie wie selbstverständlich und gerät so ins Zentrum des Geschehens: eine derart souveräne Elvira habe ich in den vielen Produktionen der „Italiana“ tatsächlich noch nie erlebt. Ihr Gatte Mustafa bestach auch als Zirkusddirektor: Daniele Macciantelli bereitet die doch umfangreiche Partie nicht die geringsten Schwierigkeiten. Sei es sein im parlando quasi sprudelnder Baß, dem auch eine profunde Tiefe zu Gebote steht, der mit wunderbarer Italianitá aufwartet, der von oben bis unten gleichmäßig anspricht, sei es sein witziges Spiel wo er geschickt seine hochgewachsene Gestalt einsetzt. Er erinnerte mich an Ruggero Raimondi, der den Mustafa so glänzend in der legendären Ponnelle Inszenierung so oft gab! Gleich ihm sollte man ihm nun auch große Rollen in „opere serie“ anvertrauen: Filippo II., Silva, Procida, Banco etc. lassen grüßen!  Ausgezeichnet auch Theodore Browne als Lindoro, dem von der Regie am übelsten mitgespielt wurde. Während seiner ersten Arie waren die Zirkusclowns besonders aktiv, in der zweiten – siehe oben die Artistin. Mit eisernen Nerven ließ er sich dadurch nicht stören und perlte seine Fiorituren und Spitzentöne, war auch in den Duetten und Ensembles sehr präsent. Der baumlange Georges Humphreys mußte mit seinem eher nach oben aufgehenden, hellen Bariton einen darob eher ungewohnten Tadeo singen und mimen, als Zulma steuerte Mona Akinola kräftige Mezzotöne bei. Der Herrenchor des Salzburger Landestheaters war spielfreudig bei der Sache, aus dem Graben klang mit Brio die Rossinische Partitur – das offenbar auch gut aufgelegte Mozarteumorchester, dem am Pult Tobias Meichsner vorstand, der absolut tolle tempi nahm, die Ensembles richtig anheizte, immer guten Kontakt zur Bühne haltend. Viel und lang anhaltender Jubel des Publikums!

   Michael Tanzler

 

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