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SALZBURG/ Landestheater in der Felsenreitschule: LOHENGRIN. Premiere

03.11.2019 | Oper


Jacquelyn Wagner ist eine beeindruckende Elsa. Foto: Anna Maria Löffelberger

Salzburger Neuinszenierung: „Lohengrin“ von Richard Wagner (Premiere: 2. 11. 2019)

In der Salzburger Felsenreitschule fand am 2. November 2019 mit der Premiere einer Neuinszenierung von „Lohengrin“ von Richard Wagner eine bemerkenswerte Aufführung des Salzburger Landestheaters statt. Die romantische Oper in drei Aufzügen, die im Jahr 1850 ihre Uraufführung am Hoftheater in Weimar hatte, wurde von Wagner selbst als „allertraurigster“ seiner Stoffe genannt.

Roland Schwab, der Regisseur der Salzburger Inszenierung, schreibt in seinem Artikel „Eine Parabel über den Glauben“ unter anderem: „Und tatsächlich, es bleibt hier einer Gesellschaft schließlich nichts anderes als der Scherbenhaufen ihrer Träume. Das große Wunder, dessen sie so bedürftig war, hat sie, hat jeder Einzelne, verwirkt. Jenseits von allen unauflösbaren Rätselthemen erleben wir ‚Lohengrin‘ als eine einzige große und schmerzhafte Amplitude zwischen kollektiven Euphorien und desaströsen Enttäuschungen. Höchsten Glücksekstasen folgen jähe Abstürze ins schier Bodenlose. An Elsas Sehnsüchten, Hoffnungen und Zweifeln hängt immer auch existentiell ein ganzes Volk. Mit Elsa scheitern schlussendlich alle.“

 Dieses Scheitern gelang Regisseur Schwab in seiner Inszenierung recht anschaulich auf der breiten und hohen Bühne der Felsenreitschule darzustellen, wobei ihm seine exzellente Personenführung zugute kam. Von der ersten bis zur letzten Szene waren die Bürgerinnen und Bürger von Brabant in Bewegung – zwar mit oft eigenwilligen „Handlungen“, die aber dennoch nur selten als störend empfunden wurden.

Ob die Idee des abgestürzten Flugzeugs, das die Bühne in desolatem Zustand in voller Breite füllte, vom Regisseur stammte oder vom Bühnenbildner Piero Vinciguerra entzieht sich meiner Kenntnis. Optisch bewirkte diese Tatsache jedenfalls eindrucksvolle „Bilder“, vielleicht aber beim Publikum auch Denkanstöße an Katastrophen und Mitleidseffekte…


Lohengrin (Benjamin Bruns) entsteigt dem Flugzeugwrack. Foto: Anna Maria Löffelberger

Die Kostümentwürfe – abgestimmt auf Flugzeugabsturz und Hochzeits-Feierlichkeit in Brabant – stammten von Gabriele Rupprecht, die Einstudierung der in dieser Inszenierung äußerst wichtigen Chöre – Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters sowie Philharmonia-Chor Wien – oblag Ines Kaun und Walter Zeh.

Kurz zum Inhalt: Lohengrin erscheint in Wagners Meisterwerk als „strahlender Schwanenritter“ im Herzogtum Brabant, um der bedrängten jungen Reichserbin Elsa Schutz zu bieten, die unschuldig des Brudermordes angeklagt ist. Lohengrins Bedingung an Elsa ist, dass sie nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragt. Doch Elsa wird von immer größeren Zweifeln geplagt.

Schon von der Ouvertüre an, in der die Trompeter großartig auftrumpften, stellte das Mozarteumorchester Salzburg unter der Leitung von Leslie Suganandarajah, der sein Debüt als Musikdirektor des Landestheaters Salzburg feierte, seine hohe musikalische Qualität unter Beweis. Der aus Sri Lanka gebürtige Dirigent zeichnete sich sowohl durch enorme Feinfühligkeit wie auch durch großes Temperament aus und wurde am Schluss vom Publikum zu Recht mit frenetischem Beifall belohnt.

Das internationale Sängerensemble erwies sich als sehr ausgewogen: In der Titelrolle als Schwanenritter zeichnete sich der deutsche Tenor Benjamin Bruns vor allem stimmlich durch seine Strahlkraft und durch sein lyrisches Timbre sowie durch seine Wortdeutlichkeit aus. Er war ein großartiger Lohengrin. Eindrucksvoll auch die attraktive amerikanische Sopranistin Jacqueline Wagner, die als Elsa sowohl stimmlich wie auch darstellerisch zu begeistern wusste. Erst kürzlich wurde sie von einem Opern-Magazin als „strahlender Stern am Opernhimmel“ bezeichnet. Ein Lob, das man voll unterstreichen kann. Wie sie als Elsa jede Höhe spielend leicht meisterte und daneben auch mimisch ihre Rolle wunderbar spielte, war bewundernswert.

Als König Heinrich musste der russische Bass Pavel Kudinov alle drei Akte mit verbundenen Augen spielen. Darstellerisch, aber auch stimmlich meisterte er seine Rolle exzellent. Warum er aber quasi als „Blinder“ die ganze Zeit geführt werden musste, drängte offensichtlich einen Besucher der Vorstellung dazu, mich in der Pause darauf anzusprechen. Meine Antwort „Vielleicht ist er ein Opfer des Flugzeugabsturzes?“ überzeugte ihn nicht. „Ich glaube, man hat ihm die Augen deshalb verbunden, damit er nicht diese Inszenierung sehen muss“, antwortete er mir mit einem hintergründigen Lächeln und begab sich wieder zu seinem Platz.

In der Rolle des Telramund, der Lohengrin der Zauberei bezichtigt, überzeugte der russische Bariton Alexander Krasnov mit seiner starken Musikalität, die er auf Bühne gestenreich  auslebte. Auch stimmlich war er sehr ausdrucksstark. Ihm ebenbürtig seine Gemahlin Ortrud, die von der finnischen Sopranistin Miina-Liisa Värelä gespielt wurde. Auch sie agierte schauspielerisch sehr leidenschaftlich und extrovertiert, was sicher in manchen Szenen negativ empfunden wurde. Der Heerrufer des Königs wurde vom litauischen Bassbariton Raimundas Juzuitis mit großer Prägnanz in der Stimme gesungen.   


Lohengrin (Benjamin Bruns) und Elsa (Jacquelyn Wagner). Foto: Anna Maria Löffelberger

 Am Schluss der viereinhalbstündigen Vorstellung (mit zwei Pausen) zeigte sich das Publikum sehr gespalten. Mit viel Jubel wurden das Sängerensemble und das Orchester inklusive Dirigenten bedacht, während das Regieteam mit vielen Buh-Rufen begrüßt wurde. Danach kam es fast zu einem Wettbewerb zwischen Beifall spendenden Bravo-Rufern und wilden Buh-Rufern. Ein Ende, das zum Nachdenken zwingt…

Udo Pacolt

 

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