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SALZBURG/ Landestheater: ANNA KARENINA – dramatisch-packende Balletturaufführung im Stream

08.05.2021 | Ballett/Tanz

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Große Leidenschaft: Harriet Mills (Anna Karenina) und Klevis Neza (Wronski). Foto: Anna-Maria Löffelberger

Salzburg/ Salzburger Landestheater

7.5.2021: „ANNA KARENINA“ . – dramatisch-packende Balletturaufführung im Stream

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie dagegen ist unglücklich auf ihre besondere Art.“ Dieser erste Satz aus Lew Tolstois Roman „Anna Karenina“ ist mittlerweile bekanntes Zitat und führt mitten ins Thema der neuesten Balletturaufführung einer Choreografie von Ballettdirektor Reginaldo Oliveira am Salzburger Landestheater. Als Zugeständnis zur aktuellen Situation nur im Stream zu sehen – als Aufzeichnung vom 23. und 24.April.  

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Verliebtes Glück: Larissa Mota (Kitty) und Diego da Cunha (Lewin): Foto: Admill Kuyler

„Anna Karenina“ ist wohl eine der bekanntesten Frauenfiguren der Weltliteratur. Die tragische Liebesgeschichte wurde nicht mur mehrmals verfilmt – so u.a. in der berühmten Version von 1935 mit Greta Garbo oder in der späteren Fassung von 1948 mit Vivian Leigh. Der russische Regisseur Alexander Sarchi verfilmte den Stoff 1967 mit Tatjana Samoilowa in der Titelrolle und 1997 stand Sophie Marceau für „Anna Karenina“ vor der Film-Kamera. Es gibt auch zahlreiche Umsetzungen des russischen Gesellschaftsromans als Ballett – wie z.B. von Boris Eifman, John Neumeier oder Christian Spuck.

Der achtteilige Roman umfasst je nach Fassung bzw. Druckgröße mehr als 1000 Seiten und entstand in den Jahren 1873 – 1878 in der Epoche des russischen Realismus. Er handelt von den Moralvorstellungen in der adligen russischen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts. Das Schicksal von drei Familien ist in den Handlungssträngen miteinander verwoben: Fürst Stiwa Oblonski und seine Frau Dolly, Dollys Schwester Kitti und deren Mann Gutsbesitzer Lewin sowie die Titelheldin Anna als Stiwas Schwester, die mit dem wesentlich älteren Staatsbeamten Karenin verheiratet ist. Anna schlittert in eine leidenschaftliche Affäre mit Graf Wronski. In der Übertretung der gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit entwickelt sich diese Liebesbeziehung zur tödlichen Tragödie. In ihrem sozialen Umfeld als Ausgestoßene stigmatisiert, findet sie als empfindsame Frau für sich keinen anderen Ausweg als den Freitod als grausame Konsequenz dieser ihr unerträglichen Erfahrung. Nach „Krieg und Frieden“, das ebenfalls die damalige Gesellschaft spiegelt und Tolstois Ruf als bedeutendsten russischen Prosaautor begründete, ist „Anna Karenina“ sein zweites Meisterwerk.

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Erste Risse in der Ehe: Harriet Mills (Anna Karenina) Kt. Flavio Salamanka (Karenin). Foto: Anna-Maria Löffelberger

Reginaldo Oliveira hat nach „Othello“ und „Romeo und Julia“ mit „Anna Karenina“ wieder ein abendfüllendes Handlungsballett geschaffen, das gesellschaftliche Strukturen und zwischenmenschliche Beziehungen aufgreift. Diesmal ohne Pause als zusätzliche Herausforderung und mit einer Spieldauer von 100 Minuten, entwickelt er das Entstehen der Affäre von Anna und Wronski bis zum unerbittlichen Ende  in dramatisch-emotionalen wie sehr eindringlichen Bildern in einer auf  klassischem Ballett basierenden Bewegungssprache.  Wie auch im Roman bleibt er dabei stets objektiv: weder wird Anna verurteilt noch ihr Tun gutgeheißen. Das Bühnenbild von Sebastian Hannak kommt mit verschiebbaren wie drehbaren Elementen aus, um vom Bahnhof als zentralem Ausgangs- und Endpunkt der Handlung immer wieder in die jeweiligen Innenräume zu wechseln und dort mit wenigen Requisiten wie einem Tisch oder Sesseln das Interieur zu skizzieren. Das Lichtkonzept ist von Daniela Klein; die elegant-schlichten zeitlich passenden Kostüme von Judith Adam in Pastellfarben für Anna, Kitti und Dolly sowie vor allem in schwarz gehalten beim Corps de ballet, das Ballgäste oder  die Gesellschaft darstellt. All dies bereitet den Raum für die Handlung auf.

Musikalisch spannt sich der Bogen an Kompositionen von Maurice Ravel über Frederic Chopin und Dimitri Schostakowitsch bis Lera Auerbach und führt von poesievollen Pas de deux zu dramatischen Szenen bis zum unvermeidlichen tragischen Ende. Besonders interessant ist das von Oliveira verwendete Motiv der Walzerklänge, das sich durch das Ballett zieht – hier sei vor allem „La Valse“ erwähnt, das den musikalischen Anfang und das Finale untermalt.

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Von der Gesellschaft geächtet: Harriet Mills (Anna Karenina) und das Ensemble. Foto: Anna-Maria Löffelberger

Harriet Mills zeichnet in der Titelrolle als Anna sehr eindrucksvoll die Persönlichkeit dieser Frauenfigur nach: unvermutet ihre aufkeimenden Gefühle zu Wronski entdeckend, ist sie hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu ihrem Sohn Serjoscha und dem Geliebten. Sehr eindringlich und voller Leidenschaft lässt sie das Publikum erleben, wie Anna an diesen gesellschaftlichen wie familiären Spannungen und den sich aufbauenden Phantasien schließlich zerbricht. Den emotional zurückhaltenden wie in seinen Konventionen gefangenen Karenin verkörpert Kt. Flavio Salamanka mit starker Präsenz. In diesem Beziehungsdreieck agiert Klevis Neza (Wronski) als Auslöser und Verursacher des Gefühlskonflikts mit nobler Eleganz. Die beiden anderen Paare durchleben hingegen andere Beziehungsverflechtungen: Larissa Mota als fröhliche Kitty, die sich Hoffnungen auf einen Antrag von Wronski macht, findet letztlich ihr Glück in der Heirat mit dem eher schüchternen Lewin, dem Diego da Cunha akzentuiertes Profil verleiht. Chigusa Fujiyoshi als Dolly und Iure de Castro als Stiwa zeichnen ihre immer wiederkehrende Ehekrise glaubhaft. Als unbekümmerter Sohn Serjoscha, der in tiefe Verzweiflung stürzt, als er erfährt, dass er seine Mutter Anna  nicht mehr wiedersehen wird, überzeugt Niccolò Masini.

Ein packend-mitreißender Ballettabend, den man gern auch live auf der Bühne sehen möchte.

Ira Werbowsky

 

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