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SALZBURG / Haus für Mozart: LUCIO SILLA

28.07.2013 | Oper

 

SALZBURGER FESTSPIELE / Haus für Mozart:
LUCIO SILLA von W.A. Mozart
Premiere: 27. Juli 2013 

Der junge Mozart erstaunt immer wieder. Inzwischen kennt man wahrscheinlich mehr seiner Frühwerke als jede Generation vor uns. „Viva il maestrino”, bewunderten schon die Zeitgenossen in den höchsten Tönen den Halbwüchsigen, der so bald ein „Maestro“ werden sollte. Und uns geht es genau so.

In „Lucio Silla“, 16jährig für Mailand komponiert, hatte Mozart die Schwelle der Meisterschaft schon betreten und  bewegte sich souverän in einer breiten Skala menschlicher Gefühle. Man spielt in unseren Tagen gerade diese frühe Oper relativ häufig. Sie ist mit ihren fünf wirklich reichlich ausgestatteten Rollen dankbar. Man erinnert sich an eine Aufführung im Theater an der Wien 2005: Claus Guth hat die Geschichte in gänzlich abstraktem Raum als gleichnishafte Tragödie der Leidenschaften inszeniert.

Die Salzburger Festspiele gehen den entgegen gesetzten Weg. Die Aufführung, die von der diesjährigen Mozart-Woche übernommen wurde, ist ein Beispiel historischen Bewusstseins und als solche fast ein Experiment, wenngleich sie äußerlich „altmodisch“ wirken mag. Marshall Pynkoski lässt „Lucio Silla“ in Szene gehen, wie ihn Mozarts Zeitgenossen vielleicht gesehen haben. Selbst auf die „flackernde“ Beleuchtung, die aus der Rampe kommt, wird nicht vergessen. (Allerdings ist der ganze Abend meist in Zwielicht getaucht. Das mag „original“ sein, ermüdet aber die Augen.) Ausstatter Antoine Fontaine weiß, wie man im Klassizismus das „alte Rom“ elegant auf die Bühne schob. Er weiß auch, dass man zeitgenössische Kostüme trug und kleidet alle Beteiligten in elegantes Rokoko. Und Pynkoski lässt auch einen „heroischen“ Gebärdenduktus nachvollziehen. Es ist ein Kunststück der besonderen Art, dass dies weder lächerlich noch parodistisch wirkt.

Wie die meisten oder fast alle Werke der „Opera seria“ mit ihren strengen Gesetzen, besteht auch „Lucio Silla“ vor allem aus einer Aneinanderreihung von Arien (gelegentlich, aber selten Duette und Ensembles). Marshall Pynkoski sorgt dafür, dass die Darsteller nicht nur auftreten, singen und abtreten. Vielmehr bleibt die Bühne immer in Bewegung. Gewisse Szenen wie die missglückte Hochzeit gelingen sogar außerordentlich. Auch das nötige „Lieto fine“ in Gestalt einer barocken Huldigung ist eine wunderbare Hommage an die Welt Mozarts. Choreographin Jeannette Zingg hat offenbar nicht nur die (konventionell-schönen) Tanzszenen betreut, sondern auch bei manchem höfisch gleitenden Chorarrangement mitgewirkt. Es ist erfreulich-erstaunlich, wie lebendig „Lucio Silla“ in dieser Gestaltung wirkt, die dem Werk keine Gewalt antut. Die einzige Intention schien darin zu bestehen, es zu optimaler Wirkung zu bringen, was auch gelungen ist.

Trotz aller Qualitäten der Inszenierung ist anzuzweifeln, dass selbst in Salzburg ein „junger Mozart“ das Haus für Mozart viermal füllen würde, wenn man nicht mit einem Weltstar lockte. Dieser ist Rolando Villazón, der nach seiner Stimmkrise wohl kaum mehr anstelle von Kaufmann im Großen Festspielhaus den Don Carlos singen könnte. Sein Weg zu Mozart (eine Station hierher waren seine Händel-Arien) ist der ernsthafte Versuch, seiner Karriere eine neue Richtung zu geben. (An der Wiener Staatsoper wird er nächste Saison den Don Ottavio singen.) Bei einer Figur wie dem Lucio Silla kann Villazón den im italienischen Fach unabdingbaren strahlenden Tenorglanz durch Gestaltungswillen voll ersetzen. Der römische Diktator ist im Grunde eine negative Gestalt. Er wird von destruktiven Gefühlen geschüttelt, und die Wandlung zu Positiven am Ende ist den Gesetzen der „Seria“, nicht der Psychologie geschuldet. Villazón gestaltet den überheblichen Gewaltmenschen, ohne sich beim Publikum einzuschmeicheln. Wenn er für seine finale Arie ins Orchester steigen und den Dirigenten selbst ansingen darf, erweckt auch dieser effektvolle Gag weder Lachen noch besondere Sympathie. Lucio Silla ist eine darstellerische Herausforderung, die Villazón angenommen und bewältigt hat. Dass sein Tenor am Premierenabend eher stumpf klang, lag vielleicht auch an den exzessiven Wetterverhältnissen: Salzburg litt – wie vermutlich viele Teile Europas – unter einer schwer erträglichen Hitzedecke.

Lucio Silla ist nicht Hahn im Korb zwischen vier Frauen: nur eine ist die angebetete Geliebte, die ihn ablehnt, eine ist seine Schwester, die beiden anderen sind Mezzos und tragen Hosen. Olga Peretyatko sang eine wunderschöne Giunia, ihre Arien und das Duett mit Marianne Crebassa als Cecilio waren die musikalischen Höhepunkte des Abends. Ein Hauch von Komik kam von Eva Liebau als Sillas Schwester, deren leichte Koloraturen zu dem Mezzo von Inga Kalna kontrastieren, die ihre Koloraturen zu Beginn gänzlich verschmierte. Der Salzburger Bachchor ließ Mozart-Kompetenz hören.

Mozart auf Originalinstrumenten ist längst nicht mehr das ausschließliche Privileg von Harnoncourt. Marc Minkowski und seine „Les Musiciens du Louvre • Grenoble“ schaffen das auch, sogar ohne Schroffheit des Tons, vielmehr von Mozart’scher Geschmeidigkeit.

Vielleicht ist manchen Zuschauern dieser Mozart „zu schön“. Als Alternative zu den rauen Interpretationen unserer Tage muss auch eine solche Sicht ihre Berechtigung haben.

Heiner Wesemann

 

 

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