SALZBURG/ Haus für Mozart: „IL VIAGGIO A REIMS“
Hyperaktive Rossini-Manie

Es wird wild geschossen: Misha Kiria (Barone di Trombonok), Florian Sempey (Don Profondo), Peter Kellner (Don Alvaro), Dmitry Korchak (Conte de Libenskof) werden von Marina Viotti (Marchesa Melibea) und Tara Erraught (Madama Cortese) zur Vernunft gebracht. Foto: Monika Rittershaus
Cecilia Bartoli, seit 2012 künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele, gibt heuer das Motto „Bon Voyage“ vor und lädt in Rossinis Drama giocoso (1825 die letzte italienische Oper des Komponisten und zugleich das erste für Paris komponierte Werk) zu einer Reise eines äußerst turbulenten Aufenthalts ins Badehotel „Zur Goldenen Lilie“ in Plombières ein. Dort finden sich internationale Adelige, eine Künstlerin und militärische Würdeträger ein, um zur Krönung des französischen Königs Karls X zu reisen. Man kennt sich oder lernt sich gerade kennen, beginnt amouröse Abenteuer und beklagt in einer Auftrittsnummer nach der anderen den persönlichen, großen Kummer. So beweint die Contessa di Folleville den Verlust ihrer Garderobe, fällt angesichts der unendlichen Trauer in Ohnmacht, wird zu Takten von Mozart, Haydn, Beethoven und Bach versucht wiederzubeleben und ist zuletzt wieder überglücklich über das Auftauchen ihres über einem Meter großen, farbenfrohen Federhuts. Ja, das sind die wahren Probleme der High Society dieser Zeit (und vielleicht auch noch heute?).
Regisseur Barrie Kosky inszeniert zum bereits 4. Mal bei den Salzburger Festspielen und versetzt sein Ensemble in rauschähnliche Zustände, wo – passend zur elektrisierenden, temporeichen Musik – kein Klischee der Hotelgäste aus Polen, Spanien, England, Deutschland, Frankreich oder der liebenswerten Hotelbesitzerin aus Tirol ausgelassen wird. Mit atemberaubender Geschwindigkeit folgt das Treiben auf der Bühne den raschen Tempi aus dem Orchestergraben und die Gesellschaft hüpft, springt, tanzt sich (über-)aufgeregt, zappelig und ruhelos von einer Szene zur nächsten. Die Figuren sind mit karikaturhafter Selbstironie dargestellt und unterstreichen mit überladener Gestik und Mimik die dargebrachten Emotionen. Das Konzept gelingt zum Teil und sprüht vor Witz, Fröhlichkeit und Esprit, wobei es für die SängerInnen sicherlich sehr herausfordernd ist, neben ständiger Bewegung auch noch herausragende Kantilenen und höchste Koloraturen zu singen (im Ensemble spricht man von der „Kosky-Diät“, da in der Probezeit alle 3-5 Kilo abgenommen haben). Mit den schrillen, farbenfrohen Kostümen (Victoria Behr), den skurril-bemalten Gesichtern entsteht zusätzlich zu goldenen Drehtüren und einem stark frequentierten Hotelkorridor mit 12 Türen (Bühne: Rufus Didwiszus), wo auch ununterbrochen die Personen hin und her laufen, bunteste Lebendigkeit auf der Bühne. Was anfangs noch unterhaltsam, witzig und erfrischend wirkt, bewirkt nach fast 3 Stunden Trubel, dass einem der Kopf raucht. Wie auch die Harfe zu qualmen und explodieren beginnt, nachdem sie oft durchs Hotel getragen wird (natürlich im Eiltempo), um die berühmte Improvisationskünstlerin Corinna bei ihren Auftritten zu begleiten.

Chaos und Turbulenz nach dem Ohnmachtsanfall der Contessa di Folleville (Mélissa Petit) mit Helena Rasker (Hausdame Maddalena), Misha Kiria (Barone di Trombonok) und Tara Erraught (Madama Cortese). Foto: Monika Rittershaus
Diese wird von Cecilia Bartoli mit großartiger Bühnenpräsenz und verführerischer Koketterie dargestellt. Auch wenn ihre Stimme immer kleiner ertönt, ist ihr Mezzo noch immer in den tiefsten Lagen und Höchsttönen tragfähig. Mélissa Petit begeistert als verwitwete Contessa de Folleville mit brillanten Höchsttönen und kapriziösen Drama Queen-Qualitäten. In gelber Uniform und mit enormer Stimmgewalt gefällt der bombenmäßige Bass Misha Kiria als deutscher Barone di Trombonok. Dmitry Korchak zeigt mit flexiblem Tenor und kantablen Passagen viel Leidenschaft und Eifersuchtsattacken als verliebter Conte di Libenskof. Seine angebetete Marchesa Melibea, von Marina Viotti mit wundervollem dunklem Timbre und Ausdruckskraft dargeboten, zückt Pistolen und schnalzt mit einer feuerroten, langen Gerte, um mit dominanter Strenge zu Liebe und Hoffnung zu gelangen – das Versöhnungsduett mit dem Grafen gelingt mit prachtvollen Belcanto-Stimmen im passenden Einklang. Als eleganter Cavalier Belifiore verfügt Edgardo Rocha über eine leichtfüßige Stimme mit ansprechender Höhe und macht Corinna dauerkniend den Hof, ebenso versucht auch Ildebrando D´Arcangelo als liebestrunkener Lord Sidney mit noblem, glänzendem Bass und streuenden Blüten vor Corinnas Hotelzimmer sein Glück. Mit perlenden Koloraturen, Schluckauf und flinkem parlando versucht Tara Erraught als Madama Cortese für Ordnung in ihrem Hotel zu sorgen und übersingt auch mühelos Chor und crescendo spielendes Orchester; ihre Jodeleinlagen sorgen für Gelächter. In knapper Leder-Unterbekleidung erstellt Florian Sempey mit kernigem Bariton als Don Profondo die Liste der Gäste und Peter Kellner beweist als spanischer Admiral Don Avaro mit großem Einsatz seine Spielfreudigkeit und überbordenden Slapstick.
Gianluca Capuano führt die Musiker des von Bartoli 2016 gegründeten Orchesters Les Musiciens du Prince – Monaco mit spritziger Eleganz, präzisem Feingefühl, ausladender Dynamik, rasenden Tempi und einem musikalischen Rausch gekonnt durch die schwierige Partitur und setzt auf Originalklang und umfangreiche Forschungsarbeit von Rossinis lange verschollenm Werk.

Geburtstagsfeier für Primadonna und künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli . Foto: Monika Rittershaus
In der Schluss-Szene feiert die ausgelassene Gesellschaft an einer feudalen Festtafel mit bunt geschmücktem Hirsch überdreht wie eh und je und lässt die Harmonie und Eintracht der Völker Europas hochleben. Das Rossini-Fest endet eruptierend, als Cecilia Bartoli aus einer Geburtstagstorte entsteigt – eine Vorfeier auf den 4.6., wenn die Intendantin ihren 60er begeht: Buon Compleanno! „Die Musik soll leben und die Freude und die Liebe“, wie Corinna am Opernende singt…
Susanne Lukas, 22. Mai 2026 Premiere

