Salzburg Haus für Mozart 8.8.2026
Il Viaggio a Reims + Gala
Ein Nachmittag in Götterdämmerungslänge

Foto: Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus
Der längste eine Akt unter den einigermaßen gebräuchlichen Opern ist Rossinis Il Viaggio a Reims; länger als 1. Aufzug Götterdämmerung oder 3. Aufzug Meistersinger. Il Viaggio findet sich seit ihrer Wiederentdeckung in den Siebzigerjahren immer wieder auf den internationalen Spielplänen, aber nicht stetig. Das ist bei einer Besetzung von 10 Hauptrollen und einigen Comprimarii auch kein Wunder.
Wien kennt – wie mancher andere Ort – die Viaggio unter Abbado mit Stars wie Caballè, Valentini Terrani, Meritt, Raimondi, Ramey/Furlanetto, Dara und so weiter. Die damalige sehr klare Inszenierung und die nachgerade übergroßen Persönlichkeiten mancher der Mitwirkenden blieben in Erinnerung.
Von einer klaren Inszenierung im Sinne von übersichtlich konnte diesmal nicht die Rede sein. Barry Kosky entfachte sein springlebendiges Pandämonium mit hüpfenden Statisten, hüpfendem Chor, hüpfenden Solisten. Und dann fand er auch immer wieder einmal zu jener Ruhe, die umgeben von so viel Spektakel von besonderer Wirkung ist. Eine für Darsteller wie Publikum anstrengende, aber in ihrer Sinnbefreitheit dem seltsamen Werk durchaus angemessene Produktion mit einer Ausstattung (Bühne Rufus Didwiszus, Kostüme Victoria Behr), die exzentrisch schillernd ebenso wie die Regie klarmacht: Hier gibt es überdrehteste Farce, nicht Charakterkomödie. Kann man so machen.
Es ist natürlich kein Naturgesetz, dass die zentrale Rolle der Corinna von einer italienischen Cecilia gesungen werden muss, der auch Intendantenfunktion zukommt (zukam oder zukommen wird). Trotzdem: war es unter Abbado die seelenvolle Cecilia Gasdia, ist es nun die feurige Cecilia Bartoli, mit all ihrem Charme, ihrer Erfahrung und ihrem gran cuore zurecht im Zentrum der Oper (und erst recht in dem, was danach noch kam). Ihre bevorzugte Sopranpartnerin Mélissa Petit legte als Contessa Folleville ein kesses, modeverhextes Girlie hin, Marina Viotti holte als Marchesa Melibea Verve und äußert profunde Brusttöne hervor und Tara Erraught absolvierte den Part der Madama Cortese sehr ordentlich (ohne die geringste Chance, den Eindruck zu verdrängen, den seinerzeit Montserrat Caballé hinterließ). Das Programmheft verwies, durchaus zutreffend, auf die Stimmfächer: 3 Soprane, 1 Alt; die Aufführung wurde indes von 1 Sopran, 2 Mezzos und 1 Alt bestritten. Was sind schon Fachgrenzen im Vergleich zu persönlichem Engagement.
Die Viaggio verlangt zwei Tenöre der Sonderklasse. Explosiver, höhenlastiger der fast heldische Conte Libenskof, diesmal Dmitry Korchak, der mit lockeren Koloraturen und nahezu anstrengungslosen sovracuti vergessen lässt, dass er eigentlich schon bei Lohengrin, Hoffmann angelangt ist, lyrischer der charmante Windhund Cavaliere Belfiore, mit dem Edgardo Rocha zeigt, dass er seine alte Form wiedergefunden hat. Vier Bässe komplettieren die Schar der Protagonisten: Der elegante, leicht verklemmte Lord Sidney in der immer noch schlanken Gestalt und profunden Stimme von Ildebrando D‘Arcangelo, der alerte Don Alvaro, sehr beweglich von Peter Kellner gespielt und gesungen (und hier wie in anderen Baritonrollen überzeugender als in Bass[buffo]partien), der leicht skurrile Don Profondo, bei dem Florian Sempey es naheliegender Wiese sehr schwer hat, die Erinnerung an Ruggero Raimondi verblassen zu lassen, so zufriedenstellend er die Partie auch bietet. Baron Trombonok, der „Deutsche“ im Ensemble, wird zu einer weiteren Paradepartie des hünenhaften, bestens in allen Lagen tönenden und mit ebenso viel Engagement wie Selbstironie agierenden Misha Kiria. Dazu einige bestens ausgesuchte Comprimarii und ein volltönender Chor der Opéra de Monte Carlo.
Einprägsam: Rossini auf historischen Instrumenten der Musiciens du Prince (schade übrigens, weder den Fürsten noch ihre hannoversche Hoheit dabei zu haben, denen dieses Orchester zu verdanken ist). Gianluca Capuano spielt mit ihnen (fast, dazu kommen wir gleich) alles, von Monteverdi bis Wagner, stilistisch ziemlich in der Mitte einen farbigen, mitunter freilich etwas knallig lauten Rossini. Das Stück – wenn es eines ist – läuft großartig ab mit seinen etwa drei Stunden.
Ja aber: Das war es dann noch lange nicht, denn die Feier galt in dieser Produktion „La Ceci“ und nicht dem (historisch nicht eben bedeutend in Erscheinung getretenen) Charles X. Und an diesem Nachmittag schloss sich der Feier im Stück eine Feier nach dem Stück an: Da war es dann weder Corinna noch La Ceci, sondern Cecilia Bartoli, die Huldigungen zu ihrem gar nicht verschämt deklarierten Sechziger entgegennehmen durfte. Dieser alles andere als kurze, aber kurzweilige Teil brachte fast nur musikalische Grüße: Rolando Villazon und der Chor animierten die Bartoli zum Traviata-Brindisi (und ich will die Stimmung nicht dadurch zerstören, dass ich meine Meinung zum rhythmischen Mitklatschen kundtue). Darüber hinaus moderierte Villazon humorig, charmant und ohne jede Blödelei die restliche Gala. Laut Bartoli huldigte ihr ein lebendes Monument (living monument) mit Salzburger Erstauftritt vor 50 Jahren, die Legende Placido Domingo, mit der Beteuerung „Dein ist mein ganzes Herz“ in hinreißender Klavierbegleitung durch Antonio Pappano, sodann Pretty Yende orchesterbegleitet mit Norinas Auftrittsarie, Lang Lang mit seelenvollem Pianosolo sowie einem Lied der Bartoli, Maxim Vengerov mit Töchtern als Vengerov-Trio. Huldigungen in Prosa kamen vom aktuellen Präsidium (Karin Bergmann in stummer Begleitung von Hammer und Crepaz angenehm kurz und korrekt) und von Barry Kosky (ganz sicher der Regisseur der Viaggio – ob in absehbarer Zeit selbst Teil des Präsidiums? Das pfeifen die Vögel in Salzburg nicht alle von den Dächern, vielleicht weil manche im St. Francois d’Assisse genug zu tun haben) mit besonders witzigen und liebevollen Worten, nur noch zu toppen durch La Bartolis Dankesworte voll Herz und Seele. Am Ende war es dann doch noch mal die Musik, Bartoli mit „Una voce poco fà“, begleitet von den Musiciens, aber nicht unter Capuano, sondern unter Tony Pappano (das reimt sich, und was sich reimt [nicht Reimst] ist gut) und am Ende das gesamte Ensemble samt Villazon mit dem ersten Barbiere-Finale. Genug des Lobes, ein „tanti Auguri“ an Cecilia und auch ein wenig an die Heilige gleichen Namens.
Robert Fucik

