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SALZBURG/ Großes Festspielhaus: WERTHER – konzertante Aufführung. Tenorale Perfektion

30.07.2026 | Oper in Österreich

29.7. 2026. Salzburg/Großes Festspielhaus WERTHER

Konzertante Aufführung

Tenorale Perfektion

bern
Benjamin Bernheim

Dieser Abend wird erwartungsgemäß der ganz große Triumph des Benjamin Bernheim: Der Pariser Edelstilist kennt keinen Makel: Sein helles, lyrisches, sehr modulationsfähiges Timbre, seine Pianokultur, seine Fähigkeit, die Stimme nach Belieben an- und abschwellen zu lassen, wurde in den letzten Jahren ergänzt um kraftvolle, aber nie forcierte Spitzentöne. Seine Interpretation des Goethe-/Massenetschen Antihelden trifft von seinem ersten Auftreten, der Eloge auf die Natur, bis zu seinen letzten Worten über die von ihm gewünschte letzte Ruhestatt immer den richtigen Ton. Anfangs verhalten, schüchtern-schwärmisch im ersten Duett mit Charlotte, das „Un autre! Son époux!“ sitzt wie ein Stachel. Seine Auftritte im zweiten Akt schon von verzweifelt-fatalen Gedanken gezeichnet („C’est moi, qu’elle pouvait aimer“), nach der Begegnung mit Charlotte sich seines Entschlusses sicherer (- geheimnisvoll „On lève le rideau“), im dritten Akt ist er dann doch ganz Startenor, wenn er die Arie – wenig überraschend – wiederholt und sich im nachfolgenden Duett mit Charlotte nicht nur zu einer Umarmung, sondern auch zu kräftig-temperamentvollen Spitzentönen hinreißen lässt, um danach mit einem aufbäumend-resigniert-entschlossenen „Charlotte a dicté mon arrêt“ sein Schicksal endgültig zu besiegeln. Der nachfolgende Freitod sensibel-sentimental, aber nicht mitleidig, am Ende verhauchend. Kurzum – eine der besten tenoralen Leistungen, die in den letzten Jahren dem Festspielpublikum, das sich mit standing ovations enthusiastisch bedankte, zu Gehör gebracht wurde.

An seiner Seite die junge französische Mezzosopranistin Adèle Charvet als Charlotte in äußerst geschmackvollen Kleidern, eine elegante Erscheinung, immer in der Rolle bleibend, nie aus dem von ihr letztlich frei gewählten Gattinendasein fallend, nur im vierten Akt sich des von ihr zerstörten vermeintlichen Glücks bewusst werdend. Auch sie eine große Stilistin, nicht mit einer großen, aber gut geführten Stimme ausgestattet, nach verhaltenem Beginn manchmal die satteren Töne missen lassend, kann sie in ihren beiden Solo-Szenen des dritten Aktes („Ces lettres“ und „Va! Laisse couler mes larmes“) mit großer Innigkeit punkten und ist durchaus zu dramatischen Ausbrüchen fähig („Mon courage m’abandonne“). Die Schlussszene gestalten beide Protagonisten mit großer Sensibilität.

Man muss kein großer Prophet sein, um der französisch-us-amerikanischen lyrischen (Koloratur-)Sopranistin Sandra Hamaoui eine große Karriere vorauszusagen. Fernab von jeglichem Soubrettenklang, der in der Rolle der Sophie allzu häufig anzutreffen ist, gestaltet sie in Stimme und Darbietung eine selbstbewusste junge Frau, die ihre Gefühle ihrem „leider-nicht-Schwager“ gegenüber durchaus zu artikulieren weiß. Im dritten Akt ist sie ganz fürsorgliche Schwester. Ihre Stimme ist silbrig, rund, flexibel und durchschlagskräftig. Eine äußerst erfreuliche Begegnung.

Die gilt auch für den moldawischen Bariton Andrey Zhilikhovsky, der als Albert samtig-weiche Töne hören lässt. Er ist ein Liebender, fernab von Zynismus und Besitzergreifung.

Ebenso bereichernd Manuel Winckhler als Amtmann, Tomislav Juk als Schmidt und ganz ausgezeichnet der us-amerikanische Bassbariton Andrew Moore als Johann.

Einer der Großmeister des (nicht nur) französischen Fachs, Alain Altinoglu, führt „sein“ Orchestre symphonique de la Monnaie tadellos durch den Abend, zarte Klänge, aufbrausende Crescendi, todessehnsüchtige Traurigkeit – alles da. Besonders die Violinen und das in diesem Werk sehr prononcierte Cello weisen all die Süße auf, die Massenet für sein Drama lyrique vor Augen und Ohren hatte.

Es ist den Salzburger Festspielen zu danken, dass sie in den letzten Jahren immer neben diversen szenischen Aufführungen auch konzertante Opern auf die Bühne bringen. Die Erfahrung lehrt, dass es sich dabei zumeist um mit die besten Abende handelt. Werther wurde quasi halbszenisch gegeben, ein paar wenige Requisiten, durchdachte Auf- und Abtritte, das Sterben am Boden halb an einen Stuhl gelehnt. Viel mehr Drama und Emotion als bei allzu vielen pseudo-intellektuell verkrampften Regiedeutungen. Eine Rückbesinnung auf „Musik-Theater“ im eigentlichen Sinne wäre insgesamt für die Branche hilfreich. Abende wie der gestrige helfen dabei.

Sabine Längle

 

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