13.8. 2026: Salzburg Großes Festspielhaus COSÌ FAN TUTTE
Eine Così ohne Fragezeichen

Foto: Auszug aus Youtube
2020, im Corona-Sommer gelang den Salzburger Festspielen ein unglaublicher Coup, als Präsidentin und Intendant Anfang Juni ein „abgespecktes“ Programm vorstellten, das den damaligen „Hygiene-Regeln“ (Stichwort: „Babyelefant“) entsprach. Eine reduziert-eingedickt-abgespeckte Così war neben der genuin einaktigen Elektra die einzige szenische Opernproduktion. Das Glück der Kulturliebhaber war groß, die Così wurde im darauffolgenden Sommer wiederholt, und nun wurde diese in der Langversion wieder aufgenommen.
Christof Loy (Regie), Johannes Leiacker (Bühne) und Barbara Drosihn (Kostüme) bilde(te)n das Leading Team, das – in für Loy üblicher Manier – ein sehr reduziertes Setting (weiße Bühne mit Treppen in den bassinartigen Orchestergraben, 2 Türen, die sich gegebenenfalls öffnen, beim Spaziergang am Anfang des zweiten Aktes zeigt sich das Fragment eines Baumes) in den Raum bringt, und die Darsteller mehr oder minder mit sich und einander alleine lässt. Einzig Schuhe verschiedener Art und Güte finden sich, die „Uniformen“ der Geliebten, ein Messer. Eine „realistische“ Verkleidungskomödie wollte Loy sicherlich nicht zeigen, ein Experiment mit Menschenpsychen auch nicht, vielleicht ein Ringen und Hadern mit den eigenen Gefühlen. Das mag alles gern im Dunklen bleiben. Zumindest stören weder Regie noch Bühne – in der heutigen Zeit bereits an Kompliment.
Der jungen deutschen Dirigentin Joana Mallwitz wurde das Dirigat anvertraut. Ihr Zugang und Stil ist „klassisch“, also ohne überraschende dynamische Variationen, meist mit „natürlichen“ Tempi. Ihr Mozart, den sie gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern interpretiert, klingt leicht und wolkig, die Schwere, die Abgründe, die Spannungen, die dieses Werk aufweist, werden nicht prononciert zur Schau gestellt. Eine durchaus gängige Lesart. Einzig Fiordiligis zweite Arie „Per pietà“ ist jedenfalls für den Atem der Sängerin zu langsam und klingt daher verschleppt. Gewohnt auf allerhöchstem Niveau die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor.
Die Sängerbesetzung war mit einer Ausnahme bereits 2020/21 so zu hören:
Mit Elsa Dreisig als Fiordiligi haben die Salzburger Festspiele wohl eine der besten lyrischen Sopranistinnen unserer Zeit für die Primadonnen-Rolle gewinnen können. Eine wunderschöne, silbrige Stimme, die mit beachtlicher Technik über die Klippen der Felsenarie springt und dabei den Wohlklang nie verliert. Das Duett mit Ferrando gestaltet sie innig und dramatisch zugleich. Ihre Liebe zu ihm wird so eindrucksvoll deutlich. Mit Spannung darf auf ihre nächstjährige Elsa in Bayreuth gewartet werden.
Neben so viel Wohlklang hat es ihre Bühnenschwester Victoria Karkacheva schwer. Sie singt mit satter, aber nicht allzu charakteristischer Stimme eine sehr ordentliche Dorabella, die sich in dieser Inszenierung – anders als wohl musikalisch angelegt – von Fiordiligi nicht allzu sehr in ihrer Leicht(fertig)keit unterscheidet. Ihre Ausdruckspalette ist vergleichsweise gering, weist weit weniger Farben auf.
Lea Desandre hingegen ist ein echter Glücksfall für diese Produktion: Ein wunderschöner, vielfarbiger, weicher, runder Mezzosopran, der jede musikalische Facette der intrigant-verspielten Dienerin blendend auszukosten weiß. Sie überzeugt darstellerisch ebenso mit sehr viel Charme.
Charme ist eine Eigenschaft, von der der Alfonso des Johannes Martin Kränzle in dieser Regie nicht durchdrungen sein darf. Er wirkt etwas herabgekommen – vielleicht ein Seelenzustand? –, nicht allerdings, was seine stimmlichen Mittel anbelangt. Es ist auch nicht seine Autorität, kraft derer er die beiden Soldaten zur Wette überzeugt, eher vielleicht Langeweile.
Mit Bogdan Volkov steht ein mittlerweile schon recht erfahrener Ferrando auf der Bühne, der in Wien und Salzburg bereits ein breites Spektrum an Rollen absolviert hat. Seine Stimme ist natürlich auch heldischer geworden, aber immer noch hell und zu bewundernswerter Pianokultur fähig. Seine „Aura amorosa“ kann man durchaus immer noch – neben „Come scoglio“ – als Filetstück der Opernaufführung bezeichnen.
Andrè Schuen, ein kraftvoller Guglielmo, stark in Stimme und Auftreten, beherrscht die Bühne kraft seiner großen Präsenz und schauspielerischen Begabung. Er wurde im ersten Akt mit dem zumeist durch „Non siate ritrosi“ ersetzten „Rivolgete a lui lo sguardo“ bedacht, bei dem er mit forschem Impetus punkten kann. Auch in seiner Stimme sind schon dramatischere Noten zu hören.
Ein durchwegs gelungener Abend – allerdings ohne Fragezeichen – ein gutes Zeichen für Così?
Sabine Längle

