26.7. Salzburg Großes Festspielhaus Premiere CARMEN (26.7.2026)
Eine vertane Chance

Prosper Mérimée und nach ihm Henri Meilhac und Ludovic Halévy und Georges Bizet wollten eine packende Geschichte einer fatalen Leidenschaft erzählen.
Peeping Tom (Gabriela Carrizo) wollen vor allem eine Performance auf die Bühne bringen und Teodor Currentzis will vor allem sich selbst inszenieren. Wenig erstaunlich, dass dieses Konzept nicht durchgehend aufgeht, und dass dabei eben jene Momente verloren gehen, die Oper als einen in ihrer Gesamtheit unentrinnbaren Sog ausmachen.
In einem Einheitsbühnenbild (Felslandschaft mit obligatorischer Wasserstelle) mit verschiedenen zumeist dunklen, am Ende blutroten Farbschattierungen hat Christof Hetzer (Bühnenbild und Kostüme) das Geschehen angesiedelt. Zumeist wird dieses von allerlei Tänzern und Performern pantomimisch kommentiert – so gibt es mehrere Escamillo-Doubles, Josés Mutter stirbt auf offener Bühne unbekleidet im dritten Akt und wird gleich im Wasserloch versenkt, mal erscheinen Menschen mit Geweih – Sir John ante portas?), und der Fluss der Musik wird häufig durch eine bedrohlich klingende Geräuschkulisse oder Flamenco-Gesang unterbrochen, sodass ja keine dramatische Spannung, die in Text und Musik angelegt wäre, aufkommen kann. Das Schwergewicht liegt auf düsterer Bebilderung und Mitkommentierung durch Dauergezappel. Personenregie findet keine statt, eher Rampentheater, was dann funktioniert, wenn eine Asmik Grigorian auf der Bühne steht, bei ihrem Tenorpartner Jonathan Tetelman, kein genuines Schauspieltalent, funktioniert dies schon weniger. Insgesamt will das bis dato noch nicht durch Opernregien aufgefallene Regie- und Performance-Kollektiv eine gewalttätige und gewaltbereite Gesellschaft bar jeglicher Folklore zeigen: Seit Bieito auch kein neuer Ansatz mehr.
Auch in musikalischer Hinsicht bleibt der Eindruck ein zwiespältiger: Hebt Currentzis mit seinem Utopia Orchester zu einer temperamentvollen Ouvertüre an, verebbt dieser anfänglich positive Eindruck nach und nach. Der erste Akt schleppt sich zäh dahin, die Habanera mit dem dramatischen Impetus eines Schubert-Liedes, die Seguidilla getragen wie ein Trauermarsch. Auch das „Zigeunerlied“ des zweiten Aktes beginnt wie ein Schlaflied, und so setzen sich die retardierenden Momente sonder Zahl fort und fort – getrieben vom Zwang, andere als die gewohnten Tempi zu wählen. Erstmals kommt bei Carmens Tanz für José ein wenig Fahrt auf – dies ist vornehmlich Grigorians Bühnenpräsenz geschuldet, die die Begleitung der Melodie wie einst Agnes Baltsa mit Tellern intoniert. Im dritten Akt fällt vor allem die getragene Kartenarie negativ auf – diese beleuchten die Scheinwerfer als Zwiegespräch Carmen – Currentzis. Was darauf folgt, ist ein endloser Nachhall der Melodien – offenbar, um zu verdeutlichen, dass Carmen jetzt verstanden hat, dass sie sterben wird. Am Ende des dritten Aktes kommt wieder ein wenig Spannung beim Duell auf, und schön langsam wird klar, dass Carmen und José in unentrinnbarer Leidenschaft zueinander verstrickt sind. Der vierte Akt hebt durchaus schmissig an – jetzt sind Chor und Kinderchor (insgesamt sehr gut einstudiert Utopia Chor, Bachchor Salzburg, Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor) gänzlich in rot gehüllt, und zuletzt kann sich sogar eine packende Schlussszene, die völlig auf die beiden Protagonisten fokussiert, etablieren.
Ein weiteres Manko – das Fehlen der Dialoge: Vieles wirkt dadurch auf die Bühne geworfen. Unvermittelt folgen Arien und Ensembles aufeinander und keiner versteht warum. Der Duktus der Handlung geht leider dadurch nicht unmaßgeblich verloren.
Die positive Überraschung des Abends sicherlich Asmik Grigorian: Die vielbeschäftige von österreichischen Intendanten vielgeliebte Sopranistin zeigt, dass ihre Stimme über eine Modulationsfähigkeit verfügt, die sie auch die Mezzorolle der Carmen singen lässt: Sogar der für einen Sopran gefährlichste Moment, die Kartenarie, funktioniert. Freilich, die Stimme ist weder besonders schön noch rund, der Ausdruck ist aber da, und von Akt zu Akt steigert sie sich mehr und mehr in die packende Darstellung einer Frau am Rande der Gesellschaft, die ihr Leben leben will und daran gehindert wird.
Ihr zur Seite Jonathan Tetelman, Tenor mit zuletzt steil nach oben weisendem Karriereweg: Er punktet zunächst einmal durch sein maskulines attraktives Äußeres, und auch seine angenehm klingende lirico-spinto-Stimme prädestiniert ihn durchaus für eine rollendeckende musikalische Gestaltung des Don José: Freilich, die Piani bespielsweise in der Blumenarie oder im Duett mit Micaëla fallen schwer, aber die Auftritte im dritten und vierten Akt, wo Attacke gefragt ist, sind ganz die seinen.
Kristina Mikhitaryan liegt die Micaëla sicherlich mehr als zuletzt die Leila, aber auch sie punktet vor allem mit herbem Ausdruck. Runde, weiche Kantilenen sucht man in ihrer Arie vergeblich.
Die Sängerkrone des Abends gebührt unangefochten Davide Luciano als Escamillo: Eine Idealbesetzung: Ein schönes, weiches, aber doch kerniges Timbre, große Modulationsfähigkeit, Bühnenpräsenz – alle Atouts für einen erfolgreichen Stierkämpfer darf er sein Eigen nennen.
Erfreulich die Schmuggler (Iveta Simonyan Frasquita, Anita Monserrat Mercedes, Michael Arivony Dancairo, Mingjie Lei Remendado), Matthias Winckhler als Zuniga auffälliger als Liviu Holender als Moralès.
Fazit: Unter anderen szenischen und musikalischen Bedingungen wäre mit diesen vier Protagonisten ein wirklich packender Abend möglich.
Sabine Längle

