9.8. Salzburg Felsenreitschule Saint François d’Assise
Scènes franciscaines – Eine Oper?

Olivier Messiaens opus summum, ein Auftragswerk der Pariser Oper, ist mit seiner 18,5 kg schweren Partitur wohl eines der sperrigsten, am schwierigsten aufzuführenden Werke der gesamten Opernliteratur. Die Salzburger Festspiele hatten sich dessen bereits zwei Mal, jeweils mit dem kürzlich verstorbenen José van Dam in der Titelrolle angenommen (1992 und wieder aufgenommen 1998). Wie sehr hätte man es ihm gegönnt zu sehen, welch würdig-kongenialen Nachfolger er gefunden hat!
Das Orchester agiert in denkbar großer Besetzung, der Chor ist gewaltig, und der Hauptdarsteller – die Länge der Rolle kann wohl mit Hans Sachs konkurrieren – ist gefordert, eine sängerische, emotionale und schauspielerische Höchstleistung erbringen. Eine Opernhandlung im klassischen Sinn weist das Werk zweifelsohne nicht auf. Es ist vielmehr eine mystisch-mythische Betrachtung des Lebens des großen Heiligen, dessen Todesdatum sich heuer zum 800. Mal jährt. Eher vielleicht ein Oratorium. Jedenfalls lässt es sich nicht in klassische Kategorien einordnen und steht so für sich. So ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, über die Spieldauer von 6 ¼ Stunden hinweg (in Salzburg sind 2 jeweils einstündige Pausen inkludiert) die Spannung aufrecht zu erhalten, dies insbesondere beim 6. Bild, der Vogelpredigt. Einen klassischen Handlungsduktus weist das Werk nicht auf, es werden vielmehr Szenen und Momente aus dem Leben des Heiligen geschildert. Ein Aussätziger, einige Klosterbrüder, ein Engel, sind die wenigen Protagonisten, die den Heiligen auf seinem Weg durch das Werk begleiten. Anhand von Episoden werden mehr oder weniger innere Zustände, Zweifel, Qualen, geschildert.
Romeo Castellucci hat schon mehrfach bewiesen, dass er kein „klassischer“ Opernregisseur im engeren Sinn ist, aber ein faszinierender Bebilderer, der starke Stimmungen erzeugt. Dies gelingt ihm erwartungsgemäß grandios. Der Duft des Brotes, das die Mönche backen, wird ebenso in Erinnerung bleiben, wie der ausgemergelte Aussätzige (von einem Schauspieler dargestellt), der von François gewaschen wird. Die beiden Schlusstableaus („Stigmata“, „Der Tod und das neue Leben“) weisen erdige Gräber als Charakteristika auf, die im vorletzten Bild befüllt mit Menschen sind. François legt sich hier selbst in seine letzte Ruhestätte und bedeckt sich mit Erde. Sparsam eingesetzte Lichtkegel, Wasser, Blut, das verkehrte Riesenbild einer anonymen Wolkenkratzer-Großstadt, dort und da ein paar (echte) Tiere und tote Vögel – den Naturbezug des Heiligen verdeutlichend. Die Szenerie wird um eine nicht unbedeutende Anzahl von Statisten/Schauspielern angereichert, die in fließenden Bewegungen (Choreographie: Yasmine Hugonnet) das Geschehen verdeutlichen.
Der Hauptdarsteller Philippe Sly, frankokanadischer Bassbariton, hat sich zur Vorbereitung 2 Monate ins Kloster begeben. Er spielt nicht Franziskus, er IST der Heilige, noch mehr, er agiert fast als Nachfolger Christi. Method acting, eine Entäußerung, wie man sie auf den Bühnen der Welt nur sehr selten zu sehen bekommt. Zuletzt vielleicht am selben Ort bei Bogdan Volkov als Idiot oder der Salome der Asmik Grigorian. Sly weist eine Intensität von der ersten bis zur letzten Silbe auf, die beispiellos ist, am stärksten wahrscheinlich im 7. Bild „Die Stigmata“ – einem Moment, der die Leidensgeschichte Christi vergegenwärtigt, der zu Tränen rührt. Sly tut all dies zurückgenommen, ganz Diener an Religion und Musik. Natürlich, seine warme Bassbaritonstimme ist, wenn es Not tut, auch zu Ausbrüchen fähig, aber seine intensivsten Momente sind die, die er mit innerer Kraft, nicht mit Lautstärke gestaltet. Körperlich ist er von der Regie fast immer höchst gefordert, in Bewegung mit Bewegung, in Berührung mit Berührung.
Als seine Bühnenpartner, denen vergleichsweise kleinere bis mittlere Rollen zugedacht sind, fungieren die preisgekrönte junge Sopranistin Lauranne Oliva als Engel – mit schönem, gut sitzenden Stimmkern, Sean Panikkar, Münchens glanzvoll-listiger Loge, durchsetzungsstark als Aussätziger, Léo Vermot-Desroches, dem Salzburger Publikum als Hoffmann-Einspringer bekannt, mit deutlich mehr tenoralem Schmelz als Frère Massée, der selbst François-erprobte Willard White sonor als Frère Bernard und angenehm timbriert Russell Braun als Frère Léon.
Eine Mammutaufgabe auch für die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung Jozef Chabroň), die in 90-Personen-Formation (unsichtbar) auftritt, und jede dynamische Variation, die das Monsterwerk von ihr abverlangt, tadellos mit edlem Klang perfekt dosiert aus höchsten Sphären mit Dolby-surround-Wirkung gleich einer Engelsschar ins Publikum platziert.
Und eine gigantische Aufgabe für die Wiener Philharmoniker, die sich unter dem gerade erst einmal 40-jährigen Franzosen Maxime Pascal des Zyklopenwerkes annehmen und dieses mit einer Präzision interpretieren, die Staunen und Ergriffenheit gleichermaßen provoziert. Allein die Percussion-Abteilung, rechts und links des Orchestergrabens erhöht positioniert, werkt die vier Stunden quasi ununterbrochen mit allerlei Instrumentarium, die Flöten und Querflöten auch allenthalben im Einsatz, die Streicher mit gewohnt sattem Klang. Dort, wo es flirren muss, flirrt es, dort, wo Düsternis und Transzendenz gefragt ist, erklingen Mystik und Geheimnis.
Eine wahr-wahrhaftige, der Festspielstadt würdige Apotheose auf vielen Ebenen!
Sabine Längle

