Ungarische Klänge im Salzburger Festspielrausch
István Fischer mit einer Hommage a György Kurtág, Schubert und Mahler in der Felsenreitschule
Die Festspieluhren in Salzburg gehen vielleicht etwas anders. Verschiedene Angaben der Beginnzeiten für das Gastspiel des Budapest Festival Orchestra in der Felsenreitschule am 8. August 2026 erhöhten die Spannung auf ein Abendkonzert, das um 21 Uhr startete, bis 23.15 Uhr aber das volle Haus in atemloser Geduld und Spannung hielt. Ein regelrechter Jubelrausch bedankte sich am Schluss für eine Ausnahmebegegnung mit ungarischen Musikern, die in der Festspielgeschichte Salzburgs nicht kontinuierlich zu begrüßen sind.
Anreiz für den Besuch gab es mehrere. Der alterslose, immer schon am Pult der Welt präsente István Fischer, der das Geheimnis des Dirigierens aus der legendären Strawinsky-Schule in Wien unzähligen Stabführern mit auf den Weg gab, kam mit seinem Budapest Festival Orchestra nach Salzburg, das er zu einer der großen Erfolgsgeschichten der letzten 40 Jahre entwickelte. Dazu brauchte er kein philharmonisches Prädikat, keine effekthaschenden Gesten, Herz- und Kopfarbeit lenken seine Zeichengebung und schließlich die Hingabe an sein ererbtes Talent. Die Ausstrahlung seiner Charisma lässt einen nicht aus den Augen. Und wie er mit jugendlichem Schwung seinen Musikern auf die Bühne entgegeneilt, versetzt das Publikum in bewunderndes Staunen. Die Attraktionen gingen an dem Abend weiter. Fischer brachte nämlich ein nicht mehr ganz neues aber doch kennlernbedürftig gewähltes Werk seines hundert jährigen Freundes und Landsmannes György Kurtág mit. Das „Movement für Viola und Orchester“ aus den Fünfzigerjahren, eines Stilvergleiches etwa mit Béla Bartók würdig, eigentlich für zwei Sätze, aber der britische Bratscher Lawrence Power brachte auf seinem Amati-Instrument aus Gründen der Klangbalance nur einen Satz zum Klingen. Interessant ist der Hinweis des Komponisten, dass Kurtág im Kindesalter Schuberts „Unvollendete“ im Radio hörte und genau durch dieses Werk seine Liebe zur Musik geweckt wurde. Es stand daher auch nicht von ungefähr am Programm des Abends. Eben dieses vollendet „Unvollendete“ h-moll- Schicksalsstück des Liederfürsten Schuberts, zwei Sätze, 1822 begonnen, einen dritten Satz skizziert hinterlassen, den Fischer, ans Publikum gewandt, bei der Aufführung witzigerweise anspielen ließ. „Hätten Sie so weiterkomponiert“. So kommt man halt nicht los von den Anekdoten, die sich ewig um das beliebte Werk ranken, warum das ruhmreiche Stück ein Torso geblieben ist. Vierzig Jahre lang, bis der Dirigent Johann Herbeck durch eine List den Finalsatz im Jahre 1865 der Öffentlichkeit vorstellte. Wenn es wahr ist, bleibt der Anlass zu dieser Arbeit Schuberts doch weiterhin ein Rätsel.
Als letzten Programmpunkt fügte sich Gustav Mahler mit seiner Symphonie Nr. 1 D-Dur, entstanden 1885-1888, in den beziehungsstark und schlüssig konstruierten Ablauf des Konzertes. Mahler war ja bis 1888 Direktor der Königlichen Oper in Budapest und erlebte ein Jahr darauf 1889 in der ungarischen Hauptstadt die Uraufführung seines Symphonieerstlings. „Als Symphonische Dichtung mit fünf Sätzen“, stand im Programmheft, aber durch mehrfache Revisionen bis 1899 existieren unterschiedliche Interpretationen. Fischer kostete den durch heterogene Elemente reichen Inhalt in vier Sätzen so authentisch aus, dass es alle Vorstellungen von Mahler selbst wahrscheinlich übertroffen hätte. Sein Orchester badete sich geradezu in den überirdisch schönen Klangsphären, dynamischen Wechselspielen, rhythmischen Präzisionsvorgaben und ging in seinem für die Ungarn sprichwörtllichen Temperament kaum an die Grenze eines physischen Einsatzes. Eine bildhafte Sprache, die begeisterte und jeder verstand, erfüllte die Mauern der Felsenreitschule mit einer unheimlichen Stimmung. „Die Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Mahler führten inspirierend wiederholt die Gedanken, ob an die Natur, den Frühling, einen Kinderlied-Kanon, oder ländlerische Volksweisen, gemütliche Trios, mal parodistisch gedeutet, mal sentimental. Maniriert ist gar nichts bei Mahler, sondern – wie Mahler sein Werk deutete – „als ein Ringen und Streben eines Helden“. Man kann den Ungarn dafür nicht genug danken. Ich selbst als Ungarin, knie mich wertschätzend nieder vor den Leistungen dieses Orchesters. Das Publikum jubelte !
Georgina Szeless

