Salzburg 20.8.2026/ Felsenreitschule: Der Prinz von Homburg
Ein Traum, was sonst?

Ingo Metzmacher hält die Partizur in die Höhe. Foto: Marco Borrelli/Slzburger Festspiele

Maximilian Schmitt (Kurfürst). Foto: Christian Kargl
Was sagt uns weder märkischen noch militaristischen Deutschsprachigen das große Drama von Kleist heute noch? Was sagte es zweien, vor hundert Jahren im Abstand von 6 Tagen im Sternbild Krebs Geborenen? Ingeborg Bachmann hat den Text intensiv bearbeitet, die Kluft zwischen dem Schwärmer und Träumer und der Soldateska, zwischen Liebe und Pflicht, Disziplin und Emotion zugespitzt (es fällt einem entfernt Brittens Billy Budd ein, in nicht allzu fernem zeitlichen Abstand entstanden). Hans Werner Henze setzte das Stück in Töne, in vielfarbige, reibende – auch aufreibende – mit hohem Potenzial an Eindringlichkeit und Spannung. Immer noch „modern“ genug, um ein paar graubehaarte Festspielgäste zu verschrecken und vorzeitig das Weite suchen zu lassen. Nein, „kulinarisch“ war nicht allzu viel an diesem Festspielsommer, der den Höhepunkt, aber auch den Endpunkt der Hinterhäuser-Ära ausmachte.
In Parenthese: Erinnert sich noch jemand an das Ende der Flimm-Intendanz, nach der Hinterhäuser auf ein Jahr einsprang und verkündet bekam, seine Zeit werde dann noch kommen (wenig nobel dem darauffolgenden Ruzicka gegenüber, dem man damit schon sein Ablaufdatum bekanntgab). Das Abmontieren und Desavouieren von Festspielintendanten gehört offenbar zu Salzburg wie der Jedermann, ist sprachlich ebenso mäßig und dramaturgisch um vieles mieser.
Zurück zum Prinzen: Trotz allergrößter und bewundernswerter Fortschritte der Wiener Philharmoniker bei dem, was man „zeitgenössische Musik“ nennt, sei sie auch mehr als ein halbes Jahrhundert alt, ist „das Orchester“ für 20. und 21. Jahrhundert zweifellos das RSO Wien, und bis vor kurzem war Ingo Metzmacher „der Dirigent“ für diese Zeiträume. Das Alleinstellungsmerkmal ist seit Maxime Pascals Dirigaten in den letzten Jahren zwar nicht mehr gegeben, aber dennoch bleibt Metzmacher eine der ersten Adressen für alles ab der Zweiten Wiener Schule. Auch Henze hat er schon mehrmals präsentiert: konzentriert, mit Übersicht, aber auch mit Schwung und Klangpracht.

Tanja Ariane Baumgartner (Kurfürstin). Foto: Simon Pauly
Das Sängerensemble versammelt durchaus rennommierte Namen: Den heldentenoral angelegten Kurfürsten erfüllt Maximilian Schmitt mit einem weiterhin klangschönen Zwischenfachtenor, wenn auch nicht immer völlig anstrengungslos. Seine Gattin ist eine weitere dankbare Rolle für Tanja Ariane Baumgartners profunden Mezzo, die zart blühenden Höhen der Prinzessin Natalie zelebriert Kathrin Zukowski in gewohnter Souveränität; Lauri Vasar als Feldmarschall könnte etwas durchschlagskräftiger sein, Anthony Robin Schneider liefert als Kottwitz die nötigen Basstöne sehr gut ab und Magnus Dietrich gibt dem Hohenzollern, einer Art Wozzeckschen Andres im Stabsoffiziersrang, die nötige Lyrik – und fast immer ohne Mühe. Die kleineren Rollen sind fein besetzt.
Und der Prinz? Der muss zwischen Traumverlorenheit, Liebesseufzern, Angriffslust und schicksalsergebener Annahme des Todesurteils mit äußerster Expressivität dominieren. Schon vom Text her wäre es fein, wenn er dies mit jugendlicher Ausstrahlung täte. Daher muss man wohl kompromissbereit sein: Selten sind es ganz junge Sänger, die einer solchen Rolle überzeugend Herr werden. Diesmal steht mit Georg Nigl ein im besten Sinn erfahrener Routinier – bei dem indes noch nie eine Rolle Routine war – hinter dem Konzertpult, ergreift mit zahllosen Ausdrucksnuancen und grandioser Textverständlichkeit, klaren Höhen und fahlen Tiefen und wird so alles in allem das Zentrum einer Aufführung, bei der Wahrhaftigkeit vor Schönheit geht. Und die Wahrhaftigkeit (Frau Bachmann verzeihe diesen Kalauer) ist den Menschen zumutbar.
Robert Fucik

