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SAINT ÉTIENNE / Grand Théâtre Massenet: „LE MÉDECIN MALGRÉ LUI“ von Charles Gounod

20.10.2015 | Oper

Saint-Étienne: „LE MÉDECIN MALGRÉ LUI“ –   Grand Théâtre Massenet, 17.10.2015

Philippe-Nicolas Martin als Arzt wider Willen und Jennifer Courcier als schwierige Patientin
Philippe-Nicolas Martin als Arzt wider Willen und Jennifer Courcier als schwierige Patientin. Copyright: Cyrille Cauvet

 Saint-Étienne, die derzeit vierzehntgrößte Stadt Frankreichs, ist die Hauptstadt des südfranzösischen Départements Loire in der Region Rhône-Alpes und liegt etwa 50 Kilometer südwestlich von Lyon. Die Stadt wurde im Mittelalter zu einem Zentrum der Metallverarbeitung und war vor allem für seine Waffenfabriken bekannt. Die Hochblüte erlebte die Stadt zu der Zeit, als hier Steinkohle abgebaut wurde. Doch die Krise der Montanindustrie traf auch Saint-Étienne. Die Bevölkerungszahl ging von ca. 220.000 (Ende der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts) auf derzeit etwa 170.000 zurück. Berühmtester Sohn der Stadt ist Jules Massenet, der hier 1842 geboren wurde.

Nach ihm ist auch das Opernhaus der Stadt benannt, das inmitten eines Parks auf einem Hügel liegt. Und Werke von Massenet stehen natürlich auch regelmäßig auf dem Spielplan des Opernhauses. Gespielt werden aber auch andere Raritäten, wie nun „Le médecin malgré lui“, die dritte der zwölf Opern von Charles Gounod.

Diese dreiaktige Opéra-Comique erlebte am 15. Jänner 1858 im Théâtre Lyrique in Paris ihre Uraufführung, nur ein Jahr vor der Uraufführung seines wohl bedeutendsten Werkes, dem „Faust“. Das Textbuch verfasste das berühmte Librettisten-Duo Jules Barbier und Michel Carré, das der Opernwelt ja so viele Textbücher beschert hat wie „Dinorah“ (Meyerbeer), „Faust“ und „Roméo et Juliette“ (Gounod), „Hamlet“ und „Mignon“ (Thomas) und „Les Contes d’Hoffmann“ (Offenbach). Das Textbuch basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Molière. Da es sich ja um ein Werk der Gattung Opéra-Comique, also um eine Oper mit gesprochenen Dialogen (und nicht mit gesungenen Rezitativen) handelt, kamen die Librettisten auf die geniale Idee, dabei Originaldialoge von Molière zu übernehmen. Das war auch der Grund, warum die ComédieFrançaise, allerdings erfolglos, versucht hat die Aufführung zu verhindern. Damals gab es eben noch keine Copyright-Gesetze.

Der Holzfäller Sganarelle hat wieder einmal einen über den Durst getrunken. Im Zuge eines Streites schlägt er seine Frau Martine, die daraufhin Rache schwört. Als sie von zwei Bediensteten des reichen Géronte, erfährt, dass deren Herr sie ausgesandt hat um einen Arzt zu finden, der seine von plötzlicher Stummheit befallene Tochter heilen soll, behauptet Martine, dass Sganarelle ein berühmter Arzt, aber sehr exzentrisch sei und seinen wahren Beruf nur unter Schlägen zugeben würde. Nachdem Sganarelle von den beiden Dienern ordentlich verprügelt wurde, gesteht er ein Arzt zu sein, noch dazu, wo er sich verspricht auf diese Weise leicht Geld verdienen zu können. Lucinde, die Tochter des Géronte, liebt Léandre, dieser wird aber von ihrem Vater nicht als würdiger Bräutigam angesehen, da er mittellos ist. Er möchte daher seine Tochter mit einem reichen Kandidaten verheiraten. Diese stellt sich nun aus Trotz stumm. Der „Arzt“ Sganarelle versteht sehr rasch die Zusammenhänge, erklärt sich bereit Lucinde heilen zu wollen und engagiert zu diesem Zweck den verkleideten Léandre als seinen Apotheker. Sganarelle macht sich indessen an Lucindes Amme Jacqueline heran. Als Géronte bemerkt, dass Sganarelle seiner Tochter zur Flucht mit Léandre verholfen hat, will er den falschen Arzt hängen lassen. Es gibt aber natürlich ein Happy-End. Lucinde und Léandre kehren zurück. Da Léandres Onkel gestorben ist und seinem Neffen ein Vermögen hinterlassen hat, erlaubt nun Géronte die Heirat seiner Tochter mit Léandre. Und Martine, die sich mit Sganarelle versöhnt hat, ist glücklich über den sozialen Aufstieg ihres Gatten zum „Arzt“.

Gounod hat dazu eine liebliche, aber keineswegs sentimentale Musik geschrieben. Musikalische Kostbarkeiten sind etwa der Chor der Holzfäller, die Serenade des Léandre und das große Sextett im 2. Akt. Héctor Berlioz hat diese Oper sehr geschätzt. Allerdings muss man konstatieren, dass die Genialität des Komponisten sich tatsächlich erst ein Jahr später beim „Faust“ offenbart hat.

Diese Oper wird im französischen Sprachraum gelegentlich gespielt (zuletzt 2009 in Dijon und Lille, 2010 in Rouen und 2011 in Versailles), im deutschsprachigen Raum begegnet man diesem Werk kaum noch. Es gibt übrigens auch eine Rezitativ-Fassung von dieser Oper. Kein Geringerer als Erik Satie hat für eine Aufführung dieses Werkes an der Opéra de Monte Carlo 1923 Rezitative nachkomponiert, aber diese Fassung hat sich wohl nicht durchgesetzt.

Die Österreichische Erstaufführung dieser Oper fand übrigens sehr spät, nämlich erst 1971 (!) an der Wiener Volksoper statt. In einer Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle sangen unter der musikalischen Leitung von Jean Périsson u.a. Robert Granzer den Sganarelle, Mirjana Irosch die Martine, Karl Dönch den Géronte, Renate Holm die Lucinde, Hilde Rössel-Majdan die Jacqueline und Adolf Dallapozza den Léandre.

Hier in Saint-Étienne hat nun der Regisseur Alain Terrat die Oper mit feinem Humor, der nur selten in Slapstick abglitt, inszeniert. Das Bühnenbild für alle drei Akte bestand nur aus einem Gartenpavillon, die barocken Kostüme waren farbenprächtig und wohl ein wenig ironisch gemeint (Ausstattung: Jérôme Bourdin). Mit einer ausgezeichneten Lichtregie (Pascal Noel) konnte die Stimmung auf der Bühne leicht an die jeweilige Situation angepasst werden.

Philippe-Nicolas Martin verfügt nicht nur über einen traumhaft schön timbrierten lyrischen Bariton, sondern auch über ein großes Maß an Spielfreude. Sein Sganarelle war einfach umwerfend. Mit etwas sprödem Mezzosopran war Marie Gautrot ideal als keifende Ehefrau Martine. Jean-Christophe Born verfügt über einen dunkel timbrierten lyrischen Tenor, der mit seiner schön gesungenen Serenade nicht nur seine Lucinde, sondern auch die Herzen der Zuseher eroberte. Jennifer Courcier spielte eine verwöhnte Göre, die lange stumm bleiben musste, aber wenn sie singen durfte, dann tat sie das mit ihrem hübschen Sopran sehr gut. Die Mezzosopranistin Sophie Leleu wirkte als Lucindes lebenslustige Amme Jacqueline zwar viel zu jung, aber dafür war das Techtelmechtel, das sich zwischen ihr und Sganarelle anbahnte, auch glaubhafter. Virgile Ancely, der den Vater Géronte sang, besitzt eine nicht allzu große, aber angenehm klingende Bassstimme. Jean-Kristof Bouton und Carl Ghazarossian ergänzten als etwas dümmliche Diener ganz ausgezeichnet. Der klein besetzte Chœur Lyrique Saint-Étienne Loire sang den Chor der Holzfäller, der hier eigentlich ein Chor der Gärtner war, sehr schön. Sehr homogen und klangschön präsentierte sich das Orchestre Symphonique Saint-Étienne Loire unter der musikalischen Leitung von Laurent Touche.

Eine in jeder Hinsicht ausgezeichnete Aufführung eines Werkes, dem man nicht allzu oft begegnen wird. Noch ein Tipp für alle, die dieses Werk auf der Bühne erleben wollen: das Grand Théâtre de Genève plant im April 2016 eine Aufführung dieser Oper in einer Inszenierung von Laurent Pelly.

Walter Nowotny

 

 

 

 

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