Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

SA-CD „MOZARTS SYMPHONISCHES TESTAMENT“ Symphonien 39, 40 & 41, LE CONCERT DES NATIONS, JORDI SAVALL, AliaVox

25.05.2019 | cd

SA-CD „MOZARTS SYMPHONISCHES TESTAMENT“ Symphonien 39, 40 & 41, LE CONCERT DES NATIONS, JORDI SAVALL, AliaVox

„Kunst  ist, in gewisser Weise, eine Revolte gegen das Flüchtige und Unvollendete in der Welt.“ Albert Camus

Nikolaus Harnoncourt war der Meinung, dass Mozart seine letzten drei Symphonien als Einheit aufgefasst habe und eine Art instrumentales Oratorium komponieren wollte. Dafür spricht, dass die Symphonie Nr. 39 mit einer Ouvertüre beginnt, der Beginn der Symphonie Nr. 40 weniger akkurat startet bei gleichzeitig exzessiver Originalität im Vergleich zu den anderen beiden und die letzte Symphonie mit einem gewichtigeren Finale abschließt. Man achte laut Savall nur darauf, mit welcher Natürlichkeit und Flüssigkeit der erste Satz der Symphonie in g-Moll sich anschließt und entwickelt, wenn er direkt nach dem abschließenden Allegro der Symphonie in es-Moll gespielt oder gehört wird.

Victor Garcia de Gomar, künstlerischer Leiter der Fondacio Orfeo Catala meint dazu: „Betrachtet man das große Fresko der drei Symphonien als Einheit, und es scheint sich offensichtlich um ein Gebilde von miteinander in Beziehung stehenden Kompositionen zu handeln, so erkennt man darin die vollkommene Wiedergabe der aufeinanderfolgenden Gemütsverfassungen des Menschen in den verschiedenen Stadien seines Lebens: Der prächtigen Energie der ersten Jahre folgt ein Höchstmaß an Gefühlsintensität und den Abschluss bildet die alles überwindende Zustimmung zum Leben. Das ist eine über die Besonderheiten jeder einzelnen Symphonie hinausreichende Hinterlassenschaft von großer spiritueller Reichweite.“

Um den Hörer dieses Erlebnis der Zusammengehörigkeit und der Übergänge von Symphonie Nr. 39 zu Nr.40 und von Nr. 40 zu Nr. 41 ohne CD-Wechsel zu ermöglichen, gibt es die Symphonie Nr. 40 zweimal zu hören: Als Abschluss der CD 1 und als Start der CD 2. Das Album wurde im Juni 2018 im Collégiale de Cardona aufgenommen. Jordi Savall wollte mit dem (wesentlich) kleineren Saal auch die Atmosphäre nachbauen, in denen Mozart seine Werke zu Lebzeiten aufführte. Der Abstand zwischen dem Publikum und den Musikern in Privatkonzerten des 18. Jahrhunderts war wohl sehr gering bzw. gar nicht vorhanden. Die Zuhörer saßen neben den Musikern oder standen sogar zwischen ihnen.

Das hat natürlich Auswirkungen auf die Interpretation. Die kleinere Streicherbesetzung verlagert den akustischen Gravitätspunkt tendenziell in Richtung Holzbläser. Hochinteressant und auffallend ist, dass Savall im Vergleich zu vielen anderen Originalklangaufnahmen auf allzu schroffe Akzente, eine übertrieben raue Artikulation und den üblichen hell ausgedünnten Klang vollkommen verzichtet. „Sein“ Mozart ist durchdrungen von dunkler Wärme, die Musik scheint vom leuchtenden Flackern des Kerzenlichts gefärbt, ja gegerbt zu sein. Die Aufnahmetechnik ist nicht von transparenter Brillanz geprägt, sondern legt eher Assoziationen zu einem Murillo in einem katalanischen Kloster in der gedämpften Atmosphäre dicker Gobelins frei.

Wenn die Art des musikalischen Duktus in Abhängigkeit von der kulturellen Prägung des Interpreten, sozusagen seiner inneren künstlerischen Sprache gesehen werden kann, hinterlassen  der 77-jährige katalanische Künstler und sein Ensemble bei diesen Mozart-Symphonien ein spezifisch südländisches Kolorit, fluide und theatralisch zugleich. Sie binden und schmieden die Phrasen musikantisch aus tiefster Seele heraus wie einst Josef Krips oder Karl Böhm dies so beispielhaft vermochten. Homogen fließend, in den Tempi gemäßigt, dennoch voller Temperament samt goldenem Gespür für intimere Nuancen gestaltet sich dieser musikalische Lebensparcours. Es ist ein Album für die einsame Insel all jenen zugeeignet, denen Harnoncourts Lesart zu kompromisslos aufgeraut ist und dennoch nicht auf das Erlebnis zeitgenössischer Instrumente verzichten wollen. Sie werden den exquisiten Reifestil Savalls zu schätzen wissen. 

Die erste CD 1 schließt mit einer (so gut sie auch ist, aus meiner Sicht verzichtbaren) Wiedergabe der Maurerischen Trauermusik KV 477 vom August 1991, die in diesem Kontext nur philologisch Sinn macht, nachdem der geneigte Zuhörer den historisch aufschlussreichen Aufsatz des Dirigenten über Mozarts Freimaurertum mit dem Titel „Jahre der künstlerischen Reife, Jahre der Not 1787-1791“ gelesen hat.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken